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Nach dem Fall Gurlitt Das dunkle Geschäft mit der Raubkunst

Noch ist unklar, was mit den Bildern von Cornelius Gurlitt passiert. Bei der Lösung des Falls könnten möglicherweise Londoner Auktionshäuser helfen, die solche Werke versteigern - wenn die deutschen Behörden sie ließen.

Wertvolle Recherchekapazitäten: Versteigerung von Egon Schieles

Für Thomas Seydoux war es einer dieser „intensiven magischen Momente, die man nur ganz selten erlebt“. Der französische Kunstexperte hatte das 63 Jahre verschollene Meisterwerk „Herbstsonne“ des Wiener Malers Egon Schiele gefunden. Gemeinsam mit Andreas Rumbler, damals Deutschland-Chef des Londoner Auktionshauses Christie’s, hatte Seydoux das Gemälde 2005 in einer Wohnung in der französischen Provinz entdeckt. Der Besitzer hatte es mitsamt der Wohnung geerbt.

„Wir haben gesagt, erstens Gratulation, zweitens großen Dank, dass es in so gutem Zustand ist. Aber: Sie haben ein Objekt, das Sie nicht haben dürfen, es gehört Ihnen nicht“, erzählt Rumbler, heute für Christie’s in der Schweiz tätig. Das Bild war von den Erben des jüdischen Sammlers Karl Grünwald als vermisst gemeldet worden.

Diese Bilder waren jahrelang verschollen
Diese Bilder waren Teil der Kunstsammlung (beginnend links oben): "Paar" von Hans Christoph, "Zwei Reiter am Strand" von Max Liebermann, "Mann und Frau am Fenster" von Wilhelm Lachnit und Antonio Canaletto: "Sa. Giustina in Prà della Vale" in Padua, eine Druckgrafik von 1751/1800. Quelle: dpa
Außerdem wurden die folgenden vier Bilder veröffentlicht: "Männliches Bildnis", eine undatierte Druckgrafik von Ludwig Godenschweg, das Aquarell "Mönch" von Christoph Voll sowie Paar in Landschaft von Conrad Felixmueller und Fritz Maskos "Sinnende Frau". Quelle: dpa
Nach dem spektakulären Fund in einer Münchner Wohnung hat die Staatsanwaltschaft Augsburg auf einer Pressekonferenz erste Bilder präsentiert. Bei einer Durchsuchung in der Münchner Wohnung von Cornelius Gurlitt waren 2012 rund 1500 Kunstwerke gefunden worden. Der Fall wurde erst jetzt publik. Quelle: dpa
In Gurlitts Wohnung wurde etwas dieses Kunstwerk des französischen Malers Marc Chagall gefunden. Das Bild mit dem Titel „Allegorische Szene“ war bisher unbekannt. Quelle: dpa
Ein weiteres Kunstwerk auf dem Speicher: das Bild „Musizierendes Paar“ des deutschen Malers Carl Spitzweg. Es ist eine Vorzeichnung zu einem späteren Bild. Quelle: dpa
Auch das Werk „Pferde in Landschaft“ des deutschen Künstlers Franz Marc war unter dem Kunstschatz. Einige Gemälde sollen von Familien stammen, die von den Nazis enteignet wurden. Genaue Angaben gibt es dazu aber noch nicht. Quelle: dpa
Unter den Werken findet sich auch ein Selbstporträt von Otto Dix. Die Kunst des deutschen Malers wurde von den Nationalsozialisten als „entartet“ gebrandmarkt. Quelle: dpa

Nach dem Fund der rund 1400 Gemälde in München rückt die Rolle der Auktionshäuser, die diese bei Versteigerungen mit unklaren Eigentumsverhältnissen spielen, ins Blickfeld. Denn die Häuser verfügen über wertvolle Recherchekapazitäten, um schmutzigen Vorgeschichten auf die Schliche zu kommen.

Ihre schärfste Waffe ist das Art Loss Register (ALR) in London, die weltweit größte privatwirtschaftliche Datenbank für verlorene oder gestohlene Kunstwerke. 420.000 Objekte sind hier registriert. ALR bot dem Münchner Staatsanwalt Reinhard Nemetz im Zusammenhang mit dem Münchner Fund Hilfe an, bekam aber bisher keine Antwort. Dabei hat das ALR in der Angelegenheit schon Anfragen von Personen erhalten, die Bilder vermissen und diese nicht auf öffentlichen Datenbanken registriert haben. „Wir bekommen immer noch Anrufe, und die Zahl steigt“, sagt ALR-Mitarbeiterin Friederike Schwelle.

London, 63–66 Hatton Garden. Hier, im Goldschmiede- und Juwelierviertel, residiert im ersten Stock eines Bürohauses das ALR. Gründer und Mehrheitseigentümer ist der Brite Julian Radcliffe, der früher in der Versicherungsbranche arbeitete. Die beiden Londoner Auktionshäuser Christie’s und Sotheby’s halten Anteile und sind wichtige Kunden. Denn vor jeder großen Auktion lassen die Häuser alle Objekte mit einem Schätzpreis ab 1200 Euro mit der ALR-Datenbank abgleichen. „Taucht etwas Verdächtiges auf, sei es der Name eines jüdischen Opfers, eines Nazi-Kollaborateurs oder der Hinweis, dass das Werk als vermisst gemeldet wurde, dann wird sofort die rote Flagge gehisst und der Verkauf gestoppt“, sagt Mitarbeiterin Schwelle.

Kleines Team auf engem Raum

Die deutsche Kunsthistorikerin mit Bob-Frisur arbeitet in einem kleinen Team aus Fachkollegen, Juristen und Sprachwissenschaftlern, das auf engem Raum oft unter großem Zeitdruck zwischen Computern, Akten und dicken Schwarten Fachliteratur recherchiert. Vor den großen Versteigerungen, die die großen Auktionshäuser jeweils etwa vier Mal im Jahr in London und drei Mal im Jahr in New York veranstalten, werden Tausende von Kunstwerken überprüft.

Als Referenz dienen die 52.000 Werke, die die Museen und großen Sammlungen beim ALR registrieren ließen, sowie die Werkangaben und Informationen von Eigentümern gestohlener oder vermisster Werke. Außerdem werten ALR-Mitarbeiter alte Kataloge, Fachliteratur über NS-Raubkunst, Kunstbücher und Verzeichnisse aus und füttern ihre Datenbank damit.

Durchaus ein Geschäft

Was Sammler bereit sind, für Kunst zu zahlen
Lovis Corinth, „Zinnien“, Quelle: Auktionshaus Nagel
Doppelnischenteppich mit seltener Bordürenornamentik aus der westanatolischen Uschak-Region Quelle: Auktionshaus Nagel
Franz von Stuck, „Der lustige Ritt“ Quelle: Auktionshaus Nagel
 Augsburger Kabinettschrank aus dem Jahre 1650/1660 Quelle: Auktionshaus Nagel
Schrank aus Zitan-Holz aus der chinesischen Ming-Dynastie Quelle: Auktionshaus Nagel
Knüpfpaneel mit zwei Kedschebe-Göls Quelle: Auktionshaus Nagel
Pilgerflasche "Neun Drachen" aus Porzellan Quelle: Auktionshaus Nagel

Seit 1991 hat das eigentlich auf Kunstdiebstahl spezialisierte Unternehmen geholfen, Werke im Wert von 250 Millionen Dollar aufzuspüren. Für die Einzelrecherche nimmt ALR 60 Pfund, rund 70 Euro, bei Großaufträgen weniger. Für Recherchen zur Lokalisierung eines vermissten Objektes kassiert das ALR etwa fünf Prozent des Wertes und berechnet für die Rückgabe bis zu 20 Prozent. „Für Opfer des Naziregimes machen wir es aber meist kostenlos“, sagt Katya Hills, eine von 30 Mitarbeitern.

Hat ALR die rote Flagge gehisst, behalten Auktionshäuser das Kunstwerk ein. „Das Objekt hat damit keinen materiellen Wert mehr, es ist praktisch unverkäuflich“, sagt Hills. Trotz der oft komplizierten Rechtslage gilt ein solches Gemälde dann als moralisch kompromittiert, versteigert kann es jedenfalls nicht mehr werden.

135 Millionen Dollar ist

Kommt es zum Eigentümerwechsel außerhalb einer Versteigerung, sind die Auktionshäuser meist dabei. Das zeigte kürzlich der Verkauf von Gustav Klimts „Wasserschlangen II“. Das Bild brachte der betagten Besitzerin Ursula Ucicky – auf Vermittlung von Sotheby’s – angeblich 120 Millionen Dollar. Die Witwe von Klimts unehelichem Sohn Gustav hatte sich mit den Erben der jüdischen Fabrikantin Jenny Steiner geeinigt, die das legendäre Nixenbild 1911 von Klimt erworben hatte.

ALR-Anwältin Doortje van der Haar ist immer wieder für Erben in Verhandlungen involviert, um Kompromisse mit den aktuellen Besitzern von Kunstwerken zu finden. Oft würden sich die Parteien darauf einigen, den Erlös aus dem Verkauf des Bildes durch zwei zu teilen, berichtet sie.

Bittere Auseinandersetzungen aber hat es auch gegeben, wie das Beispiel der Jüdin Maria Altmann zeigt. Nach langem Rechtsstreit wurden ihr im Jahr 2006 fünf Gemälde von Gustav Klimt aus dem Besitz ihres Onkels übergeben. Die Werke waren bis dahin im Schloss Belvedere in Wien ausgestellt. Unter ihnen befand sich auch das weltberühmte Porträt Adele Bloch-Bauer I, das später für einen Rekordpreis von 135 Millionen Dollar privat an den US-Unternehmer Ronald Lauder verkauft wurde.

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Für die Auktionshäuser ist die Versteigerung von Bildern mit dunkler Vergangenheit durchaus ein Geschäft. Sotheby’s taxiert die Erlöse aus der Versteigerung entsprechender Kunstwerke, die an ihre ursprünglichen Eigentümer zurückgegeben worden waren, vage auf eine halbe Milliarde Dollar „in den vergangenen Jahren“.

Konkurrent Christie’s erklärt, von Januar 2010 bis Juni 2013 insgesamt 74 Werke „mit Restitutionshintergrund“ angeboten zu haben. Beobachter schätzen, dass Christie’s damit 115 Millionen Dollar erlöst haben könnte. Das wäre weniger als die 142,2 Millionen Dollar, die das Tryptichon „Three Studies of Lucian Freud“ von Francis Bacon am vergangenen Dienstag erbrachte.

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