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Nacht im Spielwarenladen "Der geilste Abend meines Lebens"

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Supermann-Rolle überfordert deutsche Männer

Playmobil-Versailles-Diorama. Gebaut von Lydia Zunft und Michael van Hove. Größe: 54 m² Konzeption und Erstaufbau: drei Jahre; Aufbauzeit für Ausstellungen: 8 Stunden; Abbauzeit 2,5 Stunden. Quelle: Presse

Nach der Studie „Wie tickt der Mann?“ des Instituts für Demoskopie in Allensbach hat tatsächlich jeder dritte Mann in Deutschland, bei den Singles sogar jeder Zweite, das Gefühl, den an ihn gestellten Erwartungen nicht gewachsen zu sein - gleichzeitig berufs- und familienorientiert sein, sich intensiv um die Kinder kümmern und vermehrt Aufgaben in Haushalt und Familie übernehmen, selbstbewusst und gleichzeitig einfühlsam sein, eigene Gefühle zeigen und eine selbstbewusste Partnerin schätzen. „Diese Supermann-Rolle überfordert die deutschen Männer“, lautet das Fazit der Forscher.

Da kommt Lehmanns Angebot „der kleinen Flucht“ gerade recht. Lehmann beobachtet jeden Abend dasselbe Phänomen. Die Männer, so sein Eindruck, geben an der Ladentür nicht nur ihre Probleme, sondern auch Rang und Namen ab. „Die Männer verändern sich innerhalb von Minuten, dann zählt nur noch der sportliche Wettkampf und alle sind untereinander gleich – ob Chef oder Angestellter, das zählt dann nicht mehr.“

Manch einer erbaut sich ganze Welten aus Playmobil. Quelle: Presse

„Noch nie“, sagt er, noch nie habe er einen missglückten Abend erlebt, noch nie habe sich einer daneben benommen. Lehmann kann sein Glück kaum fassen. Er ist in eine bisher unentdeckte Marktlücke gestoßen. Dabei ist die Erkenntnis, dass jedem Mann ein Kind innewohnt weiß Gott nicht neu. Bereits Friedrich Nietzsche bemerkte: „Im echten Manne ist ein Kind versteckt; das will spielen. Auf, ihr Frauen, so entdeckt mir doch das Kind im Manne.“

2606 Teile – und ein Haken. Mit der Lego-Men-Initiative macht die dänische Marke Männer Lust auf ihre Technik-Serie. Quelle: Presse

Entdeckt und konsequent für sich nutzbar gemacht, haben das in der Spielwarenbranche aber nur wenige. Nur eine Hand voll Produkte bleiben auch jenseits des Grundschulalters attraktiv – der gute alte Fußball natürlich, Playmobil und Lego. Für Evelyne und Claude Hengel und ihre Kindern Tim, Elsa und Max wird das Spielen zum ferienfüllenden Familien-Event. Seit 2004 kreieren die Luxemburger spektakuläre, mehrere Meter lange und breite Szenenbilder mit weit über 1000 Playmobil-Figuren. Andere Sammler bauen Schlösser oder ganze Welten nach (siehe Fotos). In Foren wie www.klickywelt.de posten und kommentieren Fans ihre Werke gegenseitig. Playmobil sammelt Bilder im offiziellen Collectors Club.

Mit Lego spielen macht auch mit 40 Jahren noch Spaß. Erst recht mit solchen Retro-Modellen. Quelle: Presse


Gezielt an erwachsene Männer richtet sich Lego seit 2010 mit der Kampagne Lego-Men. Aktuell in Print –und TV-Werbung zu sehen ist etwa der Schwerlastkran mit 2606 Teilen – „und nur einem Haken“ wie das Plakat verspricht. "Der Schwerlastkran ist das größte und komplexeste Lego Technic Modell aller Zeiten", schwärmt Lego-Deutschland-Chef Michael Kehlet. Der Kran hat gute Chancen, das Erbe des 1:12,5-Modells des Mercedes-Benz Unimog anzutreten. Der Bausatz umfasste 2048 Teile, verfügte über einen Elektromotor, ein Pneumatik-System und zahlreiche Funktionen des Originals. 2012 schafft er es unter die Top 10 der meistverkauften Spielwaren in Deutschland. Trotz eines stattlichen Preises von rund 190 Euro. Die Zielgruppe verfügt eben doch über das nötige Taschengeld.

Neu ist auch die DeLorean Zeitmaschine aus dem Hollywood-Streifen „Zurück in die Zukunft“. Hoch im Kurs stehen aber auch Klassiker wie der Volkswagen T1 Camper Van – Kostenpunkt ab 100 Euro aufwärts. Aufgrund des Erfolges geht die Kampagne in diesem Jahr bereits in die vierte Runde. „ Seit Beginn der Initiative ist der Anteil der Männer, die ein LEGO Technic Produkt für sich selbst gekauft haben, von zehn auf 15 Prozent gestiegen“, freut sich Lego-Sprecherin Helena Seppelfricke.

Ulrich Brobeil vom Deutschen Verband der Spielwaren Industrie DVSI beobachtet ebenfalls ein zunehmendes Interesse an sogenannten Vater-Sohn-Produkten wie Bausätzen, ferngesteuerten Trucks und Hubschraubern oder Modellbahnen: „Der Absatz dieser Produkte hat von 2008 auf 2011 um dreißig Prozent zugelegt.“ Wer dann tatsächlich damit spielt, ob Vater oder Sohn, kann man nur ahnen. Willy Fischel vom Bundesverband des Spielwaren-Einzelhandels: „Es soll sogar vorkommen, dass stolze Väter ihrem neugeborenen Sohn eine hochwertige Modelleisenbahn kaufen, um selber damit spielen zu können.“ Oft leistet sich Mann als Erwachsener eben genau das Spielzeug, für das das Taschengeld vor zwanzig Jahren nicht reichte.

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