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Neuer Karstadt-Chef Stephan Fanderl Der Hartmut Mehdorn von Essen

Ein neues, altes Gesicht: Der bisherige Aufsichtsratschef Stephan Fanderl übernimmt den Chefposten bei Karstadt. Doch ob er den Warenhauskonzern aus der Krise führen kann, liegt nicht nur in seinen Händen.

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Stephan Fanderl ist neuer Karstadt-Chef. (Archivbild) Quelle: Imago

Düsseldorf/Essen Der bisherige Karstadt-Aufsichtsratsvorsitzende Stephan Fanderl wird neuer Chef der angeschlagenen Warenhauskette. Der Aufsichtsrat habe den 51-jährigen Manager auf seiner Sitzung am Donnerstag in Essen zum Nachfolger der im Sommer überraschend ausgeschiedenen Eva-Lotta Sjöstedt berufen, teilte das Unternehmen in Essen mit. Zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden wurde Wolfram Keil gewählt, der als Vertrauter des Karstadt-Eigentümers René Benko gilt und auch Geschäftsführer der für das Handelsgeschäft zuständigen Benko-Firma Signa Retail GmbH ist.

Wie groß die Probleme sind, die Karstadt zu schaffen machen, macht die Aufsichtsratssitzung am Donnerstag ebenso deutlich. Der Warenhauskonzern hat bei dem Treffen der Kontrolleure nicht nur über einen neuen Chef entschieden. Die angeschlagene Warenhauskette Karstadt will im kommenden Jahr sechs Häuser schließen.

Betroffen sind allerdings nur zwei klassische Warenhäuser in Hamburg-Billstedt und Stuttgart. Darüberhinaus sollen die Filialen der auf junge Mode spezialisierten Kette „K-Town“ in Köln und Göttingen, sowie die Schnäppchenmärkte des Konzerns in Paderborn und Frankfurt/Oder ihre Tore schließen.

Stephan Fanderl wird vom Kontrolleur zum Konzernchef – wie einst schon Thomas Middelhoff. Nur sind Fanderls Aufgaben seit dessen Ausscheiden im Jahr 2009 noch ein kleines bisschen umfangreicher geworden. Das wurde schon vor dem Treffen am Donnerstag deutlich. Karstadt wirkt wie der Hauptstadtflughafen BER: Das Unternehmen ist seit Jahren eine Dauerbaustelle, ohne dass ein gutes Ende abzusehen wäre. Mehrere Manager sind bei dem Versuch, das Projekt zu beenden, krachend gescheitert. Und all das hat horrend viel Geld gekostet. Wenn man so will, ist Stephan Fanderl der Hartmut Mehdorn von Karstadt.

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    Krisenmanager wider Willen

    Mit Fanderl wagt sich ein Mann auf die Großbaustelle Karstadt, der im Gegensatz zu Vorgängern wie Andrew Jennings oder Eva-Lotta Sjöstedt schon jahrelange Erfahrung im deutschen Einzelhandel mitbringt – nicht nur im Bereich Warenhaus. Der bisherige Chefaufseher kann Stationen bei Metro, Rewe und dem US-Einzelhandelsriesen Wal-Mart vorweisen. In der Branche gilt er als ehrgeizig, strukturiert und fokussiert.

    Doch Fanderl hat sich nicht um den Job gerissen. Er soll den Chefposten bei der kriselnden Warenhauskette schon lange vor der Ära René Benko angeboten bekommen haben. Immer wieder lehnte er allerdings ab – offenbar bis jetzt. Warum er seine Meinung wohl geändert hat, bleibt vorerst sein Geheimnis.

    Die Warenhäuser machen seit Jahren Verluste, allein in den vergangenen Geschäftsjahren 2011/12 und 2012/13 kam ein Minus von insgesamt 300 Millionen Euro zusammen. Und im Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr lief es offenbar nicht besser. Nach Angaben des Branchenfachblatts „Der Handel“ bezeichnete Interimschef Miguel Müllenbach die vergangenen zwölf Monate in einem Brief an die Mitarbeiter als eines der Jahre, das „mit zu den schwierigsten in der Geschichte von Karstadt“ gehöre.

    An Fanderl liegt es nun, die Baustelle Karstadt aufzuräumen. Dazu zählt auch der Beschluss am Donnerstag über das Aus für die sechs Häuser. Vor der Aufsichtsratssitzung am Donnerstag hieß es vom neuen Karstadt-Chef noch, dass sogar 23 Warenhäuser als Problemfälle gelten.

    Auch für die 17.000 Mitarbeiter wird es wohl nicht besser: Sie müssen sich wieder einmal auf harte Einschnitte einstellen. In der Zentrale in Essen sollen rund 2000 Arbeitsplätze wegfallen. Durch die angekündigten Filialschließungen könnten es sogar noch mehr werden. Auch wer seinen Job nicht verliert, wird die Sanierung zu spüren bekommen. Alle müssen mit längeren Arbeitszeiten und weniger Urlaubs- und Weihnachtsgeld rechnen.


    Widerstand gegen das „Horrorpaket“ angekündigt

    Fanderl wird für all diese Maßnahmen am Ende gerade stehen müssen. Die Gewerkschaft Verdi kündigte noch vor der Sitzung selbst an, Widerstand gegen das „Horrorpaket“ zu leisten. Die Arbeitnehmervertreter gaben dem neuen Karstadt-Chef zwar ein paar Vorschusslorbeeren – immerhin er habe Vorkenntnisse. Doch Arno Peukes, der für die Gewerkschaft Verdi im Aufsichtsrat sitzt, sagte dem „Tagesspiegel“ am Donnerstag auch: „Wir wollen natürlich wissen, wofür der neue Firmenchef steht.“

    Doch Fanderls Erfolg und Misserfolg hängt nicht nur von seinen eigenen Fähigkeiten ab. Seine Möglichkeiten hängen auch am Willen von Investor Benko. Und was der mit der Warenhauskette plant, bleibt unklar.

    Der österreichische Geldgeber mit der undurchsichtigen Vergangenheit hatte Karstadt im August für den symbolischen Wert von einem Euro übernommen. Benko ist vor allem für Immobiliengeschäfte mit seiner Signa-Gruppe bekannt. Er hatte bereits vor einem Jahr die Edelstandorte von Karstadt, unter anderem das Kaufhaus des Westens (KaDeWe) in Berlin, und die Sporthäuser für 1,1 Milliarden Euro übernommen.

    Seitdem er bei Karstadt komplett eingestiegen ist, hat er schon für einige Wechsel in der Führungsspitze gesorgt. Insgesamt rückten acht neue Mitglieder in das Kontrollgremium, darunter auch Robert Leingruber, zuständig für die Pressearbeit bei Benkos Signa-Holding, Wolfram Keil, Finanzchef einer Signa-Tochter, und Marcus Mühlberger, Finanzvorstand bei Signa. Bisherige Manager wie Interimschef Kai-Uwe Weitz oder Rüdiger Hartmann verließen das Unternehmen.

    Nachdem Benkos Vorgänger Nicolas Berggruen in den vier Jahren als Karstadt-Investor nicht wirklich überzeugen konnte, schlägt dem neuen Eigentümer Misstrauen entgegen. Einige Experten fürchten die Zerschlagung des Konzerns, andere glauben an einen baldigen Zusammenschluss mit Konkurrent Galeria Kaufhof. Am Donnerstag dementierte die Signa-Holding allerdings einen Medienbericht, wonach Karstadt und Kaufhof zu einer großen Warenhaus AG zusammengefasst werden könnten.

    „Mehr Geld von mir hätte nichts geändert“

    Ähnliche Gerüchte hatte es auch schon zu Zeiten Berggruens gegeben. Der US-Amerikaner gab sich 2009 als Retter aus, ließ am Ende aber eine noch größere Baustelle zurück. Er soll selbst kaum in das Unternehmen investiert haben. Im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ sagte er dazu nur, das Geld sei nicht das Problem von Karstadt gewesen. „Mehr Geld von mir hätte deshalb auch nichts geändert“, so Berggruen.

    Karstadt hat sich von der Insolvenz 2009 nie richtig erholt. Die Warenhauskette macht zwar immer noch einen Milliardenumsatz, doch die Kunden meiden den Laden zunehmend, die Erlöse sinken. Handelsexperten begründen dies unter anderem damit, dass Warenhäuser nicht mehr attraktiv seien, da sie zwar alle möglichen Waren anböten, aber auf nichts spezialisiert seien.

    Zwar haben vorherige Karstadt-Manager wie etwa Andrew Jennings oder zuvor schon Thomas Middelhoff immer wieder versucht, das Unternehmen durch neue Konzepte wie die Konzentration auf trendige Mode oder den Zusammenschluss zur Arcandor AG wieder aufzubauen. Doch am Ende war keiner damit richtig erfolgreich. Nun darf sich Stephan Fanderl versuchen. Für die Mitarbeiter kann man nur hoffen, dass er mehr Erfolg als seine Vorgänger hat.

    Mit Material von dpa

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