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Niedergang des Medienriesen Bertelsmann droht der Abstieg

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Sorgen um Gruner + Jahr und weitere Probleme

Skepsis begleitet auch den neuen Kurs beim Zeitschriftenhaus Gruner + Jahr („Stern“, „Brigitte“, „Geo“), das seit November 2014 komplett Bertelsmann gehört. Rabe hatte der Hamburger Verlegerfamilie Jahr ihren Viertel-Anteil für geschätzte knapp 200 Millionen Euro abgekauft.

Jahrelang mussten die Hamburger zuvor Gewinne an Gütersloh abliefern, die unter anderem den Mohns dazu dienten, den ungeliebten Miteigentümer Frère loszuwerden. Während die Konkurrenten Burda oder Springer in neue Geschäftsfelder investierten, stagnierte Gruner. Nun kann Bertelsmann durchregieren.

Das einst stolze Verlagshaus zieht sich aus vielen Auslandsmärkten zurück, zuletzt aus Indien. „Bertelsmann wird auch diese Kuh so lange melken, wie es geht“, ätzt ein Kritiker aus dem Umfeld des Unternehmens.

Die Dezentralität von Bertelsmann

Auch an der Zusammenarbeit der einzelnen Mediengattungen in der Werbevermarktung hapere es: „Da hat sich unter Rabe noch nichts getan“, sagt Media-Experte Baron. Dabei könnte Bertelsmann mit seinen Pfunden wuchern. Bei einer Investorenkonferenz hat jüngst WPP-Chef Sorrell verlautbaren lassen, welche Position Medienkonzerne bei WPP-Kunden haben: 1,6 Milliarden Dollar an Kundengeldern investierte WPP 2014 in Reklame bei Bertelsmann-Medien.

Das ist zwar weniger als jene drei Milliarden Dollar, die WPP an Google überwies und ein Stück entfernt von den 2,5 Milliarden Dollar, die News Corp. und Fox erhielten – aber mehr als beim US-Sender CBS und doppelt so viel wie bei Facebook, das mit 600 Millionen Dollar Bertelsmann nicht das Wasser reichen kann.

Nur: Das Gros dieser Werbegelder fließt an die RTL Group. Und die Umsätze bei den digitalen, global operierenden Medienkonzernen werden auch zukünftig weiter stark wachsen.

„Rabe hat bis heute die Dezentralität von Bertelsmann nicht geknackt“, sagt Baron, „das ist ein Nachteil, weil sich Konzerne global auf große Partner wie Google einstellen – es geht schlicht um Skaleneffekte, auch bei der Belegung von Medien.“ Bei Bertelsmann herrsche dagegen Skepsis, Agenturen wie Mindshare schielten nur auf höhere Rabatte.


Kein Erfolg bei der Nachfolger-Suche

Auch bei der Auswahl seines Spitzenpersonals hat Rabe eine wenig glückliche Hand. Ende November kündigte der Konzern an, Finanzchefin Judith Hartmann werde Bertelsmann verlassen, ohne dass der Konzern bereits einen Nachfolger parat hatte. Die Österreicherin galt als noch kälter als der kühle Rechner Rabe. Warm geworden sei die Managerin, die vom Mischkonzern GE kam, nie in Gütersloh. Hartmann heuert jetzt als Finanzvorstand beim französischen Versorger GDF Suez an.

Auch mit Thomas Hesse, den Rabe vom Musikkonzern Sony Music abwarb und als Digitalexperten in den Vorstand holte, lag er daneben. Dabei hatte es warnende Stimmen gegeben, Hesse sei eher der Typ Großstratege. In der Tat habe er zum operativen Geschäft nicht nennenswert beigetragen, heißt es. Auch Matriarchin Liz Mohn galt bald nicht mehr als Hesse-Fan.

Stattdessen installierte Rabe nun erstmals in der Unternehmensgeschichte mit Immanuel Hermreck einen Personalchef im Vorstand. Hermreck ist ein Eigengewächs, der auch bei Liz Mohn als gut gelitten gilt. Er soll nach den Talenten fahnden, die Rabe für den Konzernumbau braucht.

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Dass er die nötige Zeit dafür bekommt, davon gehen Insider der Gütersloher Szenerie aus. Obwohl Rabe in den vergangenen Jahren dreimal kurz vor dem Abschied stand – erst lockte Haniel, dann ProSieben-Sat.1, zuletzt Vivendi –, setzten die Mohns weiter auf ihn, heißt es. Fraglich sei ohnehin, wer sonst sich den Job beim gefesselten Riesen zumuten wolle.

Externe Kandidaten sind rar, intern könnten einmal Random-House-Chef Dohle oder Arvato-Boss Achim Berg infrage kommen. In der zweiten Jahreshälfte dürften die Weichen für Rabes Verlängerung gestellt werden.

Unwahrscheinlich, dass bis dahin Vice-Chef Smith zu seinen Beteiligungen zählt. Der sagte, bei seinem Ziel, das größte digitale Mediennetzwerk der Welt zu schaffen, könnten ihm eh nur zwei Unternehmen helfen – Facebook und Google. Für die alten Medienhäuser aber gelte: „Mir gehört die Zukunft, euch die Vergangenheit.“

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