Oetker verkauft Reederei Hamburg Süd Was die Übernahme für Käufer Maersk und Verkäufer Oetker bedeutet

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Oetker - was bleibt ist ungesund und altbacken

Für den alten Hamburg Süd-Inhaber, die Backpulver-Dynastie Oetker, dürfte der Verkauf der traditionsreichen Reederei hingegen der Startschuss für einen längst überfälligen Strategiewandel sein.

Pudding, Torten, Pizza, Bier, Sekt und Wodka. Das sind die Produkte, die nach dem Verkauf der Reederei Hamburg Süd noch im Bielefelder Oetker-Konzern verbleiben. Und das ist alles andere als ein zukunftsfähiges Portfolio. Egal wer künftig an der Spitze des Bielefelder Familienunternehmens sitzt, egal wer im Beirat das Sagen haben wird: im Hause Oetker muss ein grundlegender Strategieschwenk her.

Seit Patriarch Rudolf-August Oetker im Jahr 2007 starb, ist das Unternehmen nicht mehr zur Ruhe gekommen. Seine Nachkommen – acht Kinder aus drei Ehen – hinterließ er ein schwieriges Erbe: je 12,5 Prozent der Anteile am Milliardenkonzern und den frommen Wunsch, sie mögen diese in „Harmonie und Eintracht“ verwalten. Dieser Wunsch blieb unerfüllt.

Wie Oetker sein Imperium errichtete
Der Todestag des Firmengründers Dr. August Oetker jährt sich am 10. Januar 2018 zum hundertsten Mal. Am 6. Januar 1862 wird der Bäckersohn August Oetker in Obernkirchen nahe dem ostwestfälischen Minden geboren. Der ehrgeizige Apotheker... Quelle: Oetker KG
... versucht es zuerst in Berlin, bevor er am 1. Januar 1891 die Aschoff'sche Apotheke übernimmt. Quelle: Oetker KG
Oetker entwickelt medizinische Weine oder Fußcreme; der wirtschaftliche Erfolg bleibt aber unter den Erwartungen. Dann experimentiert der Bäckersohn... Quelle: Oetker KG
...in einer vier Quadratmeter kleinen Kammer („meine Geheimbutze“) mit Backpulver. Das hatte zwar schon Justus Liebig erfunden. Man konnte es aber nicht längere Zeit lagern – und einen Beigeschmack hatte es auch. Quelle: Oetker KG
Oetker experimentiert so lange, bis er im Jahr 1893 portioniertes Backpulver in Tütchen auf den Markt bringt. Der Clou daran: Er garantiert, dass es genau die richtige Menge Triebmittel für ein Pfund Mehl war. Quelle: Oetker KG
Für die Qualität sollte der Name Dr. Oetker bürgen. Eine der heute bekanntesten Marken Deutschlands war entstanden.
1899 werden schon zwei Millionen Tütchen „Backin“ hergestellt. Quelle: Oetker KG
Im Mai 1900 zieht das Unternehmen in die Bielefelder Lutterstraße, wo noch heute die Zentrale in mächtigen alten Backsteinbauten sitzt. Neue Produkte wie Vanillin-Zucker, Speisestärke und das Puddingpulver... Quelle: Oetker KG
...bereichern das Sortiment. In den Fabriken lässt August Oetker Losungen anbringen wie „Ein heller Kopf, der Ordnung hält, erspart viel Arbeit, Zeit und Geld“. Quelle: Oetker KG
1916 fällt Augusts Sohn und designierter Nachfolger Rudolf im Ersten Weltkrieg, 1918 stirbt der Firmengründer mit nur 56 Jahren. Seitdem gab es nur fünf Chefs bei Oetker. Seit 2017 führt Albert Christmann als erster firmenfremder Manager den Konzern. Quelle: Oetker KG
Der Familienkonzern ist längst viel mehr als Pudding und Backpulver. 2015 stammte fast jeder zweite Euro des Konzernumsatzes von rund zwölf Milliarden Euro aus dem Reedereigeschäft (Hamburg Süd). 2016 verkaufte Oetker allerdings die Reederei an Maersk. Zweitgrößte Sparte bei Oetker waren bislang die Nahrungsmittel, die ein Viertel des Konzernumsatzes stellten. Quelle: Oetker KG
Drittgrößte Aktivität ist die Radeberger Gruppe, führender Bierhersteller Deutschlands. Dazu kommen Sekt, Wein und Spirituosen der Tochter Henkell, das Bankhaus Lampe und einige Luxushotels. Quelle: Oetker KG
Fotografie von Firmenpatriarch August: Wenn es um die Zukunft der Oetker-Spitze geht, wird das Unternehmen genauso einsilbig wie bei Fragen nach Gewinnen und Verlusten. Aus den drei Ehen von Rudolf-August Oetker (1916 bis 2007) gingen acht Kinder hervor.
Die fünf Ältesten sollen, als im Jahr 2009 an der Konzernspitze der Rückzug von August Oetker anstand – dem gleichnamigen Urenkel des Firmengründers –, den nur wenig jüngeren Richard durchgesetzt haben. Das war gegen den Willen der drei Jüngsten, die für Alfred waren. Quelle: PR
Alfred ist der älteste Sohn von Rudolf-August und dessen dritter Frau, Marianne. Wie sein Vater hat er Bankkaufmann gelernt. Später studierte er Betriebswirtschaft in Passau, promovierte in Leipzig, arbeitete im Marketing des Henkel-Konzerns und als Geschäftsführer für Oetker in Belgien und den Niederlanden. Quelle: dpa
Wie auch immer die Nachfolge geregelt wird, im Vordergrund stehe immer der Grundsatz: „Die Interessen der Unternehmens haben Vorrang vor denen der Familie“, heißt es bei den Oetkers. Und ansonsten: „Kein Kommentar.“ Quelle: dpa

Bis heute streiten die Oetkers erbittert über die Frage, wer die Gruppe operativ führen soll und wer im mächtigen Beirat den Ton vorgeben soll. Die fünf Nachkommen aus den ersten beiden Ehen stehen gegen die drei jüngeren Halbgeschwister aus Ehe Nummer drei des Vaters. Die Älteren bremsten mehrere Anläufe der Jüngeren auf Führungsposten aus. Wie die Zusammensetzung in der Geschäftsführung künftig aussehen wird, ist ungewiss. Fest steht nur: Konzernchef Richard Oetker wird die Unternehmensführung am Jahresende aufgeben. Er bleibt aber bis auf weiteres Chef der Lebensmittelsparte.

Und diese ist unter dem Markennamen Dr. Oetker durch die Bank mit Produkten bestückt, die entweder als altbacken oder ungesund gelten. Kuchenbackmischungen, Pudding zum Selberkochen oder tiefgekühlten Fertigtorten von Coppenrath & Wiese sterben langsam aber sicher die Heavy-User weg. Und in der Internet- und Smartphone-Generation dürften die Oetker-Marken kaum noch jemanden hinter dem Ofen hervorlocken. Das gilt zwar nicht für Pizza. Sie dürfte in diesen Altersschichten durchaus ein Grundnahrungsmittel darstellen. Aber muss es dann ausgerechnet eine Tiefkühlpizza aus dem Ofen sein? Wo es an jeder Ecke eine Pizzabude gibt, die einem Ruckzuck den Italo-Fladen liefert. Oder einen Lieferdienst, der die Lieblingspizza vom Lieblingsitaliener dampfend heiß auf den Küchentisch zaubert.

Pizza ist zwar nicht altbacken, aber auch kein Paradebeispiel für gesunde Ernährung. Und die steht nun mal hoch im Kurs. Das hat beispielsweise auch der Schweizer Oetker-Konkurrent Nestlé erkannt und versucht peu à peu seine „ungesunden“ Lebensmittel los zu werden und sein Image grundlegend zu wandeln. Beim Eiskremgeschäft ist das mit dem neuen Unternehmen Froneri bereits gelungen. Ihre Eismarken haben die Schweizer kürzlich in das Joint-Venture mit dem britischen Eiskremriesen R&R ausgelagert.

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