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Online-Strategie Tengelmann setzt auf Internet-Start-ups

Kaum einer weiß, dass der Eigentümer von Kaiser's, Kik und Obi in aufstrebende Shopping-Portale investiert. Dabei nimmt Tengelmann Start-ups wie Onlinemarktplätze ins Visier. Diese Strategie ist aber nicht ohne Risiko.

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Neben dem Einzelhandel geht Tengelmann auch seinen Internet-Weg. Quelle: dpa

Mülheim an der Ruhr Jeder kennt sie, die Geschäfte der Tengelmann-Gruppe. Täglich strömen unzählige Kunden in die Lebensmittelläden Kaiser's und Tengelmann, die Textil-Discounter Kik und die Baumärkte Obi. Dazu kommen Beteiligungen an Netto, Tedi und Woolworth. Was aber nur wenige wissen: Das 145 Jahre alte Familienunternehmen aus Mülheim an der Ruhr, das in fünfter Generation von Karl-Erivan Haub geführt wird und 2011 knapp 10,8 Milliarden Euro umsetzte, ist einer der größten Start-up-Investoren Deutschlands.

In den vergangenen zweieinhalb Jahren hat die Tochtergesellschaft Tengelmann Ventures einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag in verschiedene Beteiligungen investiert. Im Fokus: sowohl Onlineshops und -marktplätze als auch Dienstleister, die Internet- und Web-2.0-Technologien anbieten.

Das Netz ist das Zukunftsfeld für den Einzelhandel. Um in der digitalen Welt präsent zu sein, setzen viele Unternehmen auf die Verknüpfung der Filialen vor Ort mit dem Onlinegeschäft. Die Kunden können die Verfügbarkeit der Ware im Internet prüfen, sie vorbestellen, im Laden abholen und dort reklamieren oder umtauschen. Auch Tengelmann versucht sich im Netz mit einem Lieferdienst für seine Kaiser's- und Tengelmann-Supermärkte, die Baumarktkette Obi hat einen eigenen Onlineshop. Zudem betreibt die Gruppe seit 2001 den Shop Plus.de, das Filialnetz des Discounters wurde später verkauft.

Den Kern von Tengelmanns Onlinestrategie aber bilden die vom klassischen Tagesgeschäft losgelösten Beteiligungen an mehr als 20 Internet-Start-ups. Dazu zählen etwa der rasant wachsende Online-Schuhshop Zalando (Anteil: 8,5 Prozent) oder der Spezialitätenversender Otto Gourmet (30 Prozent).

„Uns war von Anfang an klar, dass wir das Off- und Onlinegeschäft weitgehend trennen müssen“, erklärt Christian Winter, Geschäftsführer von Tengelmann Ventures. „Wir wollten schnell im Internet wachsen. Aber die ganze Tengelmann-Gruppe von heute auf morgen auf E-Commerce umstellen, das hätte nicht funktioniert.“


Hohe Anlaufverluste

Eine ganz eigene Strategie für ein Handelsunternehmen, die aber grundsätzlich einfach umzusetzen ist. Dagegen ist die Verknüpfung von Off- und Onlinegeschäft viel aufwendiger. Zudem wird sie längst nicht von jedem Kunden honoriert. Laut einer Studie der Strategieberatung SMP ist es nur 40 Prozent der Onlinekäufer in Deutschland wichtig, dass der Händler im Netz auch Geschäfte vor Ort hat.

Tengelmann Ventures beteiligt sich seit 2009 an Internet-Start-ups und übernimmt beim Einstieg bis zu 30 Prozent. Überzeugt das Investment, sind Winter und sein sechsköpfiges Team auch bei weiteren Finanzierungsrunden dabei. In diesem Jahr wurde bereits kräftig aufgestockt: etwa bei dem Anbieter für Baby- und Kleinkindartikel Babymarkt.de (Anteil: 85 Prozent) oder dem Essen-Bestell-Portal Lieferheld.de (9,1 Prozent).

„Es gibt kein Handelsunternehmen in Deutschland, das so intensiv in Internet-Start-ups investiert wie wir“, sagt Winter. Einzig die Otto-Gruppe trägt eine Beteiligungsgesellschaft namens eVentures, die sich stark auf das Ausland - zum Beispiel Brasilien - konzentriert. Ein Markt, den auch Winter im Auge hat. Noch schaut er sich vor allem hierzulande um, Lieferheld.de etwa gibt es aber schon in zwölf Ländern. Zuletzt kam China hinzu.

Normalerweise liegt der Investmenthorizont bei fünf bis sieben Jahren, die Erwartungen für die Gewinnschwellen sind „brutal unterschiedlich“, so Winter. Die größte Gefahr sieht er in einer Rezession durch die Euro-Krise. „Wenn sich das Wachstum verlangsamt, dann werden die Start-ups nicht so schnell profitabel wie geplant.“ Viele Onlineshops arbeiten mit hohen Anlaufverlusten, um schnell Marktanteile zu gewinnen.

Laut Winter haben 20 Prozent aller Investments das Potenzial, signifikante Marktanteile in ihren Branchen zu erobern. Ein Risiko ist, dass Tengelmann Ventures in der Regel keine Mehrheitsbeteiligungen hält - und damit keine direkte Kontrolle ausübt. So meldete der Online-Maßschneider Youtailor.de im Juli Insolvenz an. Zwar wurde der Antrag wieder zurückgezogen, Tengelmann Ventures trennte sich dennoch von seinem Anteil.

Winter sieht Tengelmann Ventures aber nicht als klassischen Risikokapitalgeber. „Wir sind nicht gezwungen, zu verkaufen“, begründet er. Wenn der Preis stimmt, sagt aber auch Winter nicht Nein. Die Zehn-Prozent-Beteiligung am Onlineshoppingclub Brands4Friends, einer der ersten im Portfolio, wurde bereits nach weniger als einem Jahr an Ebay verkauft, obwohl Winter das eigentlich zu schnell ging. Aber: „So ein gutes Angebot konnten wir nicht ablehnen.“

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