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Onlinehandel Wie Fake-Tests die Verbraucher täuschen

Viele Webseiten werben mit angeblichen Produkttests, die so nie stattgefunden haben. Sie locken damit Kunden, die auf der Suche nach Orientierung sind. Woran man seriöse Anbieter erkennt.

Verbraucherschützer kämpfen schon länger gegen sogenannte Fake-Testseiten. Quelle: dpa

Der Titel klingt vielversprechend. Die Website staubsauger.net nennt sich „Test & Ratgeber“, es werden „die besten Bodenstaubsauger“ oder „die besten Staubsauger mit Beutel“ angepriesen. Doch schon der zweite Blick macht misstrauisch. Die Liste der Produkte scheint völlig ungeordnet, es gibt keine erkennbaren Testnoten.

Die Auflösung kommt beim Klick auf den Button „Details“. Es handele sich „um eine Einschätzung unserer Autoren und Experten“, heißt es da. Ob diese angeblichen Experten das Produkt jemals wirklich in der Hand gehalten haben, ist nicht klar. Nach welchen Kriterien geprüft worden sein soll, bleibt vage.

Die Texte lesen sich stellenweise wie aus Werbebroschüren abgeschrieben. Manche Passagen dagegen sind unfreiwillig komisch: „Wir haben den Staubsauger, der in der Energieklasse B gelistet ist, auf den Prüfstein gelegt, in dem wir uns einmal ein paar Kundenrezensionen angeschaut haben.“

Es ist nicht die einzige verdächtige Website, die bei der Eingabe der Suchworte „Testsieger Staubsauger“ auftaucht. Reihenweise erscheinen in der Suchliste Seiten, die wie seriöse Testmagazine erscheinen, aber im Grunde wohl reine Verkaufsplattformen sind. „Fake-Testseiten sind am Markt leider keine Einzelfälle, sondern haben sich in den Google Suchergebnissen breit gemacht“, sagt Daniel Brückner, der sich mit seinem Blog „Toptestsieger“ auf die Enttarnung von Fake-Seiten spezialisiert hat.

Für das Portal „Testbericht.de“ hat Brückner jetzt systematisch diese angeblichen Testseiten analysiert. Er startete 100 Google-Anfrage mit jeweils der Suchbegriffskombination „Produktkategorie + Testsieger“ und überprüfte die jeweils zehn ersten Treffer in der Ergebnisliste.

Das Ergebnis ist ernüchternd: Bei 94 Prozent der ersten Suchergebnisseiten habe er mindestens eine Fake-Testseite gefunden. Dabei führten 34,6 Prozent aller Suchergebnisse auf der jeweils ersten Suchergebnisseite bei Google zu Fake-Testseiten. „Dabei ist das nur die Spitze des Eisbergs“, so Brückner. In die Wertung eingegangen seien nur Seiten, bei denen es offensichtlich ist, dass gar nicht wirklich getestet wurde.

Die Shortlist zur „Mogelpackung des Jahres“


Mehrere Betreiber abgemahnt

Das sehen auch die Verbraucherschützer so. Sie kennen das Problem und kämpfen schon lange gegen diese Irreführung. „Es gibt im Netz zahlreiche Seiten, die so aufgebaut sind wie Warentests, aber dahinter stecken keine eigenen neutralen Test“, warnt Kerstin Hoppe, Referentin im Team Rechtsdurchsetzung bei Verbraucherzentrale Bundesverband. Es werde der Verbraucher getäuscht, denn es werde der Eindruck vermittelt, es handele sich um eigene Produkttests.

Die Verbraucherschützer wollen nun durchgreifen. Gerade erst hat die Verbraucherzentrale drei Betreiber von angeblichen Testseiten abgemahnt. Eine davon nannte sich sogar Warentest.org, was auf den ersten Blick verdächtig ähnlich klingt wie „Stiftung Warentest“, hat mit dieser unabhängigen Verbraucherorganisation aber nichts zu tun. Deswegen hatte sich auch die Stiftung Warentest mit einer eigenen Abmahnung angeschlossen.

Teilweise hatten diese Maßnahmen offensichtlich schon Erfolg: Warentest.org hat sich jetzt einfach in Warenvergleich.org umbenannt, auch in Überschriften wird nun statt des Wortes Test der Begriff Vergleich verwendet. Doch wer auf die angebliche Bewertung des Produktes klickt, um Details zur Prüfung zu erfahren, landet direkt im Webshop von Amazon. Auch hier wird in einer Fußnote verschämt darauf hingewiesen, dass die „Prüfer“ die Produkte „zum Teil nicht selbst in der Hand“ gehabt hätten. Für welche Artikel das gilt, erfährt der Leser nicht.

Von „Mogelmilch“ bis Schummel-Schinken
Die Mogelpackung des Jahres ist nach Ansicht von Verbrauchern die Bebe Zartcreme. In einer Online-Abstimmung der Verbraucherzentrale Hamburg votierte knapp ein Drittel von insgesamt mehr als 26.000 Verbrauchern für das Kosmetikprodukt aus dem Hause Johnson & Johnson, wie die Verbraucherschützer am Montag mitteilten. Die Bebe Creme ist ihren Angaben zufolge durch neue Füllmengen um bis zu 84 Prozent teurer geworden. Quelle: Screenshot: bebe
Die Verbraucherzentrale Hamburg verleiht den Negativpreis Mogelpackung des Jahres seit 2013. An der Wahl 2016 nahmen insgesamt 26.132 Verbraucher teil, sechs Mal so viele wie im vergangenen Jahr. 2014 erhielt die Windelmarke Pampers von Procter & Gamble den Negativpreis. Diese Produkte waren in diesem Jahr nominiert... Quelle: dapd
Der Konsumgüterriese hat im vergangenen Jahr die Füllmenge seiner Dentagard-Zahnpasta von 100 Milliliter auf 75 Milliliter reduziert. Doch die Tube sei weiterhin in den meisten Drogerien und Supermärkten zum gleichen Preis verkauft worden, sagen die Verbraucherschützer. Der geschrumpfte Inhalt entspreche einer versteckten Preiserhöhung von 33,3 Prozent. Quelle: Screenshot: Dentagard
Auf den ersten Blick wurden die Schinkenspezialitäten von Herta sogar billiger. Statt 2,19 Euro oder 2,29 Euro kosteten sie laut Verbraucherzentrale nur noch 1,89 Euro oder 1,99 Euro. Gleichzeitig sei die Füllmenge der neuen Packungen aber drastisch reduziert worden – von 150 auf 100 Gramm. Dadurch ergebe sich eine Preiserhöhung von rund 30 Prozent. Quelle: Screenshot: Nestlé
Bei der sogenannten Kopfsteher-Flasche seines Curry Ketchups hat das Unternehmen die Füllmenge von 500 auf 400 Milliliter reduziert. Da gleichzeitig auch der Preis etwas gestiegen sei, entspreche das einer versteckten Preiserhöhung von bis zu 28 Prozent, beklagen die Verbraucherschützer. Zudem sei die ganze Palette der verschiedenen Heinz-Kopfsteherflaschen kleiner geworden. Quelle: Screenshot: Heinz
Der Kaffeekonzern hat die Füllmenge der Kapselpackung um fast die Hälfte reduziert. Sie sank von 475,2 auf 264 Gramm. Außerdem hat das Unternehmen laut den Verbraucherschützern statt echter Milch in Form von Vollmilchkonzentrat nun „Mogelmilch“ verwendet. Diese werde aus Sahneerzeugnis, Milchproteinen, Milchmineralien und Wasser zusammengefügt und von Verdickungsmittel zusammengehalten. Quelle: Screenshot: Jacobs

Typisch ist auch die Reaktion der Seite Vergleich.org, die ebenfalls von der Verbraucherzentrale abgemahnt wurde. Statt vorher „Produktkategorie Test“ heißt dort nun in den Überschriften der Tabellen „Produktkategorie Vergleich“, aus Testsiegern wurden Vergleichssieger. Die ebenfalls abgemahnte Seite Spuelmaschinen-tests.de ist mittlerweile offline.

Ein besonderes System pflegt auch die Seite Dormando.de. Der Hersteller von Matratzen, Betten oder Bettwäsche behauptet, eigene Tests durchgeführt zu haben. Bei genauerer Lektüre des Kleingedruckten handelt es sich dabei aber eher um Empfehlungen von Dormando-Mitarbeitern. Da wundert es dann nicht mehr, dass als Testsieger meist Eigenmarken von Dormando aufgeführt werden.


„Google versagt hier“

Bei den drei Abmahnungen der Verbraucherzentrale dürfte es nicht bleiben. „Es gibt im Netz noch deutlich mehr Seiten mit Fake-Tests. Wir haben auch schon weitere Hinweise bekommen und prüfen die jetzt und werden sicherlich noch weiter tätig werden“, sagt Verbraucherschützerin Hoppe.

Das können die deutschen Online-Händler
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Doch es gleicht einem Kampf gegen Windmühlen. Immer neue Seiten locken arglose Nutzer mit angeblichen Tests, rasch aus Textbausteinen und technischen Datenblättern zusammengesetzt, mit Kundenrezensionen aus Webshops aufgepeppt. „Die Fake-Tests findet man häufig bei Produktkategorien, die selten getestet werden“, beobachtet Experte Brückner. Auch seien die Seiten sehr eng auf einzelne Produkte zugeschnitten. „Nischenseiten“ nennen Experten das. Die Gefahr sei immer dort groß, wo sich Verbraucher informieren, die eine schnelle Beratung suchen.

Entsprechend kritisch sollten Verbraucher prüfen, bevor sie einer Website trauen. So sollte bei allen Verweisen auf Tests ein direkter Link zur Originalquelle stehen. Seiten, die ihre Testkriterien nur versteckt angeben, sollte man mit Misstrauen begegnen. Alarmzeichen sind auch schönfärberische Produktbeschreibungen, die aus Firmenprospekten stammen könnten.

Gerne werden auch Kundenrezensionen in das angebliche Testurteil einbezogen, was eine wenig vertrauenswürdige Quelle ist. Zulässig dagegen sei es, so die Verbraucherzentrale, die Ergebnisse von seriösen Tests zusammenzustellen, um über ein Produkt zu informieren. Das beispielsweise macht auch Testbericht.de und steht damit in Konkurrenz zu den abgemahnten Seiten.

Die Verantwortung sieht Brückner letztlich bei Google. „Google versagt hier, der Algorithmus spült regelmäßig die Fälschungen weit oben in die Suchlisten“, klagt er. „Am meisten Schaden dabei nehmen Testpublikationen, die Produkte seriös testen, aber durch die immer größer werdende Anzahl von dubiosen und irreführenden Webseitenbetreibern aus den Google-Suchergebnissen verdrängt werden.“

Peinlich ist es auch für Hersteller, die mit den vermeintlichen Tests werben. So berichtete der Baumaschinenhersteller Prebena auf seiner Facebookseite: „WOW! Der PREBENA Druckluftnagler 2XR-J50 wurde vom Verbrauchermagazin Vergleich.org in der Kategorie „Druckluftnagler“ ausgezeichnet und belegte sogar Platz 1!“ Es folgt eine Verlinkung auf den angeblichen „Produkttest“. Doch dort ist nach der Intervention der Verbraucherschützer nun von einem Test nicht mehr die Rede.

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