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Outlet-Center „Das wird zu einem Boom führen“

Das Designer Outlet im österreichischen Parndorf wirkt wie ausgestorben. Auch in Deutschland haben alle Outlets bis zum 20. April geschlossen. Quelle: IMAGO

Die Modebranche fürchtet eine beispiellose Insolvenzwelle. Auch Outlet-Center stehen unter Druck. Langfristig hoffen sie aber, zu profitieren: durch einen Konsumboom und Rabattschlachten zum Ende der Krise.

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Gewöhnlich gehen in der baden-württembergischen Kleinstadt Metzingen jedes Jahr 4,2 Millionen Gäste auf Schnäppchenjagd. Erst im vergangenen Jahr wurde das Outlet um ein Drittel vergrößert und ist seitdem das größte in Europa. Doch aktuell herrscht in der Outletcity nahezu gespenstische Leere, die rund 100 Geschäfte der eingemieteten Luxus- und Premiumhersteller sind geschlossen.

„Wir waren bis zur Coronakrise äußerst zufrieden“, erzählt Wolfgang Bauer, Geschäftsführer der Holy AG, die das Outlet betreibt. Nun steht Betreibern und Händlern der Outletcity eine Durststrecke bevor, genau wie den rund 2000 Mitarbeitern in den Geschäften. „Ich gehe davon aus, dass die allermeisten von ihnen in Kurzarbeit sind“, sagt Will.

Dennoch steht der Modehandel in Metzingen nicht komplett still: „Glücklicherweise haben wir als einziger Outlet-Standort einen sehr erfolgreichen Onlineshop, in dem viele Marken, die vor Ort mit Stores vertreten sind, ebenfalls angeboten werden“, sagt Bauer. Somit stünde den Marken zumindest dieser Verkaufskanal zur Verfügung. Doch auch im Onlinehandel herrscht Krisenmodus: „Die Kunden kaufen in der aktuellen Situation nicht verstärkt Kleidung, Schuhe und Lederwaren, sondern konzentrieren sich auf die Grundversorgung und Dinge, die man zur Krisenbewältigung braucht“, erklärt Bauer.

Der Onlinehandel wird für viele Modehändler allerdings nicht ausreichen, um die Krise zu überstehen. Corona trifft die Modebranche in einer schwierigen Phase. Seit Jahren ächzt der Einzelhandel unter der Onlinekonkurrenz, ganze Innenstädte leiden unter Kundenschwund. Viele Ladenbesitzer dürften vor Corona neidisch auf die letzte Bastion des stationären Handels geblickt haben: Outlet-Center konkurrieren durch stark reduzierte Preise mühelos mit Online-Riesen wie Amazon oder Zalando.

„Wenn ich sage, bei denen läuft es hervorragend, wäre das wahrscheinlich noch untertrieben“, sagt Outlet-Experte Joachim Will von der Wiesbadener Unternehmensberatung Ecostra. Während sich viele kleine und mittelständische Modehändler von Quartal zu Quartal hangelten, verzeichneten laut Will alle deutschen Outlets im vergangenen Jahr steigende Umsätze. Doch so unterschiedlich die Ausgangssituation auch sein mag, in der Coronakrise stehen der kränkelnde Einzelhandel und die florierenden Outlets vor dem selben Problem: Sie dürfen nicht öffnen.

Ohnehin angeschlagene Unternehmen kämpfen gerade ums nackte Überleben. Der Handelsverband Textil (BTE) und der Modeindustrie-Verband German Fashion gehen davon aus, dass die bereits beschlossenen Öffnungsverbote zu zahlreichen Insolvenzen führen werden. Um bis auf weiteres nur die nötigsten Verbindlichkeiten zu zahlen, haben viele Konzerne und Einzelhändler angekündigt, im April keine Miete zu bezahlen. Das dürfte auch die Outlets betreffen, genaues möchte Geschäftsführer Bauer aber nicht verraten. Grundsätzlich befinde sich der Outlet-Betreiber in direktem Kontakt mit den Markenpartnern, um „partnerschaftliche Lösungen zu finden, die der schwierigen Situation beider Seiten gerecht werden“. Zudem reduziere Holy die Marketing- und Betriebskosten für das stationäre Geschäft deutlich, um die Mieter zu entlasten.

Insolvenzen bei Herstellern möchte Bauer jedoch nicht ausschließen: „Dass Esprit vor Kurzem bereits ein Schutzschirmverfahren für die deutschen Gesellschaften beantragt hat, zeigt, dass die Situation sehr ernst ist“. Laut Bauer hänge viel davon ab, wie lange die Schließung der Läden andauert. Die Verbände BTE und German Fashion warnen: „Wenn nicht spätestens im Mai die Geschäfte wieder öffnen, droht eine noch nie dagewesene Insolvenzwelle speziell von mittelständischen Händlern und Lieferanten“. Die Insolvenzgefahr für Outlets stuft Unternehmensberater Will hingegen als gering ein, da der überwiegende Teil finanzstarken Investmentfonds gehöre.

Gewinner der Rabattschlacht

Um zu beurteilen, ob die Kauflust der Leute sich nach der Krise jedoch eintrüben könnte, müssten zwei Szenarien betrachtet werden: „Im ersten geht der Shutdown nur bis Anfang Mai. Dann werden wir einen Konsumboom erleben. Das zweite ist ein Worst-Case-Szenario, in dem alles bis Herbst geschlossen bleibt. Die Folgen möchte ich mir gar nicht ausmalen, das ginge weit über eine Rezession hinaus“, so Will. Nach aktuellem Stand geht er aber davon aus, dass die Geschäfte im Mai wieder öffnen können.

Auch Outlet-Geschäftsführer Bauer befürchtet nicht, dass die Krise die Existenz seiner Outletcity gefährden könnte. Im Gegenteil: „Viele Krisen haben gezeigt, dass die Outlets sogar eher gestärkt daraus hervorgehen. Erfahrungsgemäß steigt nach einer Krise die Schnäppchenmentalität vieler Kunden. Getreu dem Motto: Vor der Krise kann man sparen, in der Krise muss man sparen“, erklärt Bauer. Außerdem erwartet er, dass Kunden nach der Krise auch die offene Struktur der Outletcity im Vergleich zu „räumlich engen Shoppingcentern“ sehr schätzen werden.

Eine große Chance sehen Bauer und Will zudem darin, dass nach der Krise ein enormer Warendruck herrschen werde: „Die Frühjahrsware konnte ja gar nicht im Handel platziert werden und die Sommerware steht schon bereit. Die Modehändler werden sich deshalb eine wahre Rabattschlacht liefern“, sagt Unternehmensberater Will. Die Outlets würden daher von den Herstellern mit Ware geradezu überschwemmt und sie dementsprechend stark rabattieren. „Das wird sehr gut laufen und zu einem Boom führen“, fasst Will zusammen. Der bestehende Trend sei ungebrochen – mittelfristig könne sich der Marktanteil der Outlets sogar mehr als verdoppeln.

In Deutschlands größten Outlets scheinen die Maßnahmen zur Schadensbegrenzung sämtliche Arbeitskraft in Anspruch zu nehmen: Die meisten Betreiber reagierten nicht auf Anfragen der WirtschaftsWoche oder können „in der aktuellen Situation keine Antworten in der gegebenen Zeit liefern“.

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