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Picnic bis FlaschenpostLieferzeiten, Gebiete, Preise: So gut sind die digitalen Supermärkte

In deutschen Städten gibt es diverse Lieferdienste, die den Supermarkteinkauf bis vor die Haustür bringen. Unser Vergleich zeigt: Angebot, Liefergebiete und Preise unterscheiden sich teils massiv. Ein Überblick.Stephan Knieps 02.03.2024 - 16:57 Uhr

Rewe Lieferservice, Picnic, Flaschenpost: nur drei von acht Lebensmitte-Lieferdiensten in Deutschland

Foto: imago images

Der Markt für Onlinelebensmittellieferungen ist in Deutschland immer noch sehr überschaubar. Laut den Marktforschern von Consumer Panel Services GfK werden nur 2,8 Prozent der Lebensmittel hierzulande online verkauft. Für Großbritannien etwa, dem in dieser Hinsicht onlineaffinsten Land Europas, hat das britische Markforschungsunternehmen Kantar einen Marktanteil von zwölf Prozent ermittelt. Auch in Frankreich (8 Prozent), den Niederlanden (7 Prozent) und in Belgien (5 Prozent) liegen die Werte deutlich höher. Zwar war der Online-Anteil hierzulande in den vergangenen Jahren leicht angestiegen; doch just für das Jahr 2023 vermeldete der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel einen Rückgang um 6,9 Prozent in der Kategorie Lebensmittel.

Experten sind dennoch überzeugt von den Wachstumsmöglichkeiten der Branche. „Lebensmittel sind hierzulande eine kleine E-Commerce-Branche – aber mit einem riesigen Potential“, sagt Lars Hofacker, Leiter Forschungsbereich E-Commerce am Kölner EHI-Retail-Institut. „Schließlich ist der stationäre Lebensmittelhandel so groß, dass selbst kleine Erhöhungen des Onlineanteils bereits zu beeindruckendem Online-Wachstum führen können.“ Und Jens von Wedel, E-Commerce-Experte der Beratung Oliver Wyman, weiß: „Die Nachfrage nach einem Online-Supermarkt ist schon lange da gewesen. Die meisten Versuche sind aber an der Profitabilität gescheitert.“

So erlebt die Gilde derzeit eine kleine Konsolidierung: Der tschechische Anbieter Knuspr schluckte kürzlich den früheren Edeka-Dienst Bringmeister. Oda, ein E-Supermarkt aus Norwegen, hat Deutschland im Sommer 2023 nach nicht einmal sechs Monaten schon wieder verlassen. Auf der anderen Seite kamen auch Neue hinzu, wie jene Plattformen, die ursprünglich nur Restaurantessen ausgeliefert haben, etwa Lieferando und Wolt. Ein Vergleich zeigt nun: Ihre Angebote, Liefergebiete und Preise unterscheiden sich teils massiv.

Lebensmittel-Lieferdienste

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von Stephan Knieps

Rewe Lieferservice

Die Kölner Supermarktkette Rewe, nach Edeka die zweitgrößte des Landes, begreift sich als Vorreiter im Online-Supermarktgeschäft und gilt als der Marktführer in Deutschland. Schon 2011 startete der Rewe Lieferservice in Frankfurt. Heute betreibt Rewe bundesweit 16 Warenlager, davon sind sieben in den vergangenen zwei Jahren entstanden. So erreiche Rewe mit seinem Lieferservice „über 90 Städte plus Umland“, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. In Verbindung mit dem Abholservice und den individuellen, regionalen Lieferservices von rund 310 Rewe-Kaufleuten, unabhängig vom Kölner Konzern, könne Rewe „etwa 90 Prozent der deutschen Haushalte“ abdecken.

Das EHI-Retail-Institut schätzt den Umsatz vom Lieferservice rewe.de auf 650 Millionen Euro, der Konzern selbst veröffentlicht keine Zahlen, weder zu Geschäftsergebnissen noch zur Kundenzahl oder zur Zahl ausgelieferter Bestellungen pro Stunde. Ein Rewe-Sprecher teilt aber mit, dies sei „für den Erfolg des Geschäftsmodells (...) nicht entscheidend“, denn „die sogenannte „Droprate“ ist sehr abhängig von der Größe des jeweiligen Warenkorbes, dem spezifischen Ausliefergebiet“ sowie der „Flexibilität“: Bei Rewe können Kundinnen und Kunden ihren gewünschten Lieferzeitraum frei wählen; auch Lieferungen am selben Tag sind möglich. Diese Flexibilität kostet jedoch: bis auf einen Gratis-Tag pro Woche verlangt Rewe eine Liefergebühr, meist in Höhe von 4,90 Euro. Erst ab einem Warenkorb von 120 Euro entfällt die Gebühr.

Picnic

Ein anderes Konzept verfolgt der Lieferdienst Picnic, der 2015 in den Niederlanden gegründet wurde. 2018 erfolgte der Deutschland-Start in Neuss und Mönchengladbach; Deutschland-Sitz ist Düsseldorf. Picnic gilt als erster Verfolger Rewes. Derzeit unterhält die Firma zehn Warenlagern, das elfte wird gerade in Oberhausen gebaut und soll bei Eröffnung Ende 2024 das Warenlager mit dem höchsten Automatisierungsgrad der Branche sein. Auch Picnic nennt keine Kundenzahl, aber Wachstumsraten: Im Schnitt komme derzeit alle zwei Wochen eine neue Stadt dazu, sagt Knaudt. Binnen zwei bis drei Jahren will er 50 Prozent der deutschen Haushalte erreichen; aktuell erreiche er 20 Prozent. Lag anfangs der Fokus auf Klein- und Mittelstädten, rückt Picnic nun auch in Metropolen vor: Im Frühjahr 2023 startete der Lieferdienst erst in Hamburg, kurz darauf in Berlin.

Anders als die anderen Lieferdienste setzt Picnic auf das sogenannte Milchmann-Prinzip: Die Mitarbeiter fahren in ihrem schmalen Elektrovans stets dieselben Routen ab. Erst wenn sich in einer Gegend genügend neue Kunden bei Picnic angemeldet haben und bestellen möchten, nimmt der Algorithmus diese Gegend in die neue Route mit auf. Laut Knaudt schafft ein Picnic-Fahrer auf diese Weise zwischen acht und zehn Kunden pro Stunde. Die Bestellung ist für Kunden immer kostenlos; der Mindestbestellwert liegt bei 40 Euro. Allerdings müssen Kunden aus vorgegebenen Lieferzeitfenstern wählen; eine Lieferung am selben Tag schafft Picnic nicht. Nach eigenen Angaben erwirtschaftete Picnic International vergangenes Jahr einen Umsatz von 1,25 Milliarden Euro, davon entfielen 400 Millionen Euro auf Deutschland. Edeka ist mit rund 35 Prozent an Picnic International beteiligt. Picnic Deutschland betreibt rund 60 sogenannte Hubs: Hier befüllen die Fahrer ihre Wagen mit den Bestellungen und brechen zu den Kunden auf. Ein Hub brauche 12 bis 18 Monate, bis er profitabel sei, sagt Knaudt. Im Schnitt verdiene Picnic ab sechs Lieferungen pro Stunde Geld, das schaffe „ein Großteil“ der rund 40 Hubs in NRW.

Knuspr

Der Lebensmittel-Lieferdienst Knuspr gehört zur tschechischen Rohlik-Gruppe und startete in Deutschland im August 2021 mit dem Betrieb in München; im Februar 2022 folgte die Rhein-Main-Region mit Frankfurt, Wiesbaden, Mainz, Darmstadt und umliegenden Kleinstädten. In beiden Liefergebieten betreibt Knuspr je ein großes, automatisiertes Warenlager. Im Herbst 2023 übernahm Knuspr zudem den früheren Edeka-Dienst Bringmeister. Das dazugehörige Warenlager in Berlin Schönefeld baut Knuspr derzeit um, um dasselbe Automatisierungslevel zu erreichen wie in den anderen beiden Lagern. Im Frühjahr 2024 soll Knuspr dann in Berlin starten.

Knuspr verspricht eine Lieferung binnen drei Stunden. Ab einem Einkaufswert von 69 Euro liefert Knuspr kostenfrei; darunter wird eine Gebühr fällig zwischen 90 Cent und 4,90 Euro, abhängig von der Bestell-Uhrzeit und -Ort. Für dieses Jahr prognostiziert Knuspr 250 Millionen Euro Umsatz. Am Standort München, teilte das Unternehmen vor kurzem mit, arbeite man seit November 2023 profitabel. In der bayerischen Landeshauptstadt sei man nach der Bringmeister-Übernahme nun mit „mehr als 25 Prozent Marktanteil“ der größte Anbieter. Anders als bei Picnic und Rewe steht hinter Knuspr keine große Supermarktkette. Eine Einkaufsgemeinschaft ist nicht bekannt. Knuspr teilt mit: „Den Großteil des Sortiments bezieht der Online-Supermarkt direkt von Herstellern und Landwirten, nicht von Groß- oder Zwischenhändlern.“

Flaschenpost

Das Start-up Flaschenpost startete 2014 in Münster mit der Auslieferung von Getränkekisten. Nach einem rasanten Wachstum übernahmen im November 2020 die Oetkers das Jungunternehmen - der Preis soll zwischen 800 Millionen und einer Milliarde Euro gelegen haben. Kurz zuvor, im Sommer 2020, erweiterte Flaschenpost in seiner Heimatstadt das Geschäft um Lebensmittel-Lieferungen. Im Sommer 2021 erfolgte die Erweiterung auf das gesamte Liefergebiet. Heute liefert Flaschenpost in mehr als 200 Städten und Gemeinden, das Sortiment umfasst nach eigenen Angaben mehr als 5.000 Artikel, „im Direktbezug von den Herstellern beziehungsweise Zulieferern, wie Bünting oder Landgard“, schreibt das Unternehmen auf Anfrage. Das Lebensmittelsortiment ist in die rund 30 Flaschenpost-Warenlager integriert.

Flaschenpost verspricht eine Lieferung binnen 120 Minuten. Der Mindestbestellwert liegt bei 29 Euro. Die Liefergebühren sind gestaffelt: Beträgt der Warenkorb weniger als 39 Euro, zahlt der Kunde 2,90 Liefergebühr. Ab 49 Euro entfällt die Liefergebühr. Das EHI-Retail-Institut schätzt Flaschenposts Umsatz auf 468 Millionen Euro. Wie viel davon allerdings auf Lebensmittel entfällt, gibt das Unternehmen nicht preis. Nur so viel ist bekannt: Rund 50 Prozent der Flaschenpost-Kundinnen und -Kunden kaufen (auch) Lebensmittel.

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Gorillas/Getir und Flink

Gorillas und Flink stehen wie wenig andere Start-ups für Hype-Geschäftsmodelle, die die Coronapandemie hervorbrachte. Beide starteten kurz hintereinander zu Beginn des Jahres 2021 in Berlin mit der Geschäftsidee, Lebensmittel minutenschnell zu den Kundinnen und Kunden zu liefern. Und beide Start-ups wuchsen anfangs rasant und erreichten in Rekordzeit Einhorn-Status, also eine Bewertung von mindestens einer Milliarde US-Dollar. Doch mit dem Auslaufen der Corona-Beschränkungen verringerte sich auch die Nachfrage nach diesem Geschäft; zudem sind beide Dienste ohnehin nur auf Großstädte beschränkt, in denen sie kleine, dicht gepackte Warenlager betreiben. Beide Start-ups haben bislang keine Profitabilität erreicht.

Im Dezember 2022 übernahm der türkische Wettbewerber Getir Gorillas. Die Bewertung soll dabei bei 1,2 Milliarden Euro gelegen haben, deutlich weniger als in Corona-Zeiten. Ob der Kauf damit aber auch günstig war, ist eher fraglich: Weiterhin steckt Gorillas in Schwierigkeiten, im August 2023 vermeldete Getir den Abbau von insgesamt 2500 Stellen an. 

Flink sammelte im Mai 2023 nochmals 150 Millionen Euro ein; Großinvestor ist Rewe. Die Supermarktkette hält rund zwölf Prozent. Doch laut „Lebensmittel-Zeitung“ sollen Rewe-Führungskräfte und -Aufsichtsräte jüngst Zweifel an einem „tragfähigen Geschäftsmodell“ von Flink geäußert und die weitere Finanzierung infrage gestellt haben. 

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Branchenkenner sehen beide Dienste ohnehin nicht als ernsthafte Wettbewerber für Vollsortiment-Lieferdienste wie Rewe Lieferservice, Picnic oder Knuspr, bei denen Kunden ihren Wocheneinkauf tätigen, sondern als Ergänzung für eine jüngere Zielgruppe in Großstädten, die sich mit dem reduzierten Produktsortiment zufrieden gibt. Derzeit operiert Flink in 40 Städten und verlangt pro Bestellung eine Liefergebühr von 2,99 Euro. Getir/Gorillas reduzierte Ende 2023 seine Präsenz von einstmals 23 deutschen Städten auf sechs; die Liefergebühr beträgt 1,95 Euro.

Wolt

Das finnische Start-up Wolt ist 2020 in Deutschland gestartet als Lieferdienst für Restaurantessen. Heute ist Wolt in rund 50 Städten aktiv. Im November 2021 übernahm das US-Unternehmen Doordash den europäischen Wettbewerber. 2023 startete Wolt den Lebensmittel-Lieferdienst. In „einem Großteil“ der Städte, teilt Wolt auf Nachfrage mit, arbeitet das Unternehmen dazu mit dem Discounter Penny (gehört zu Rewe) zusammen, in Frankfurt und in München mit Tegut (Migros). In manchen Städten auch mit lokalen Edeka-Märkten, „aber auch vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen, darunter Feinkostläden oder Bäckereien“. Anfang 2023 integrierte Wolt zudem den Berliner Schnelllieferdienst Flink in sein Angebot.

In Berlin eröffnete Wolt zudem vor kurzem seinen ersten eigenen Supermarkt, der für das eigene Lebensmittel-Liefergeschäft als Lager dient. Das Unternehmen verspricht eine Lieferung nach 30 bis 45 Minuten. Diese Geschwindigkeit „wird aus unserer Sicht bald als Standard gelten“, sagt Wolt-Deutschland-Chefin Oksana Lukyanenko. Die Liefergebühren sind abhängig von der Strecke, die die Kurierfahrer zum Kunden zurücklegen müssen, und beginnen bei 1,79 Euro. Fragen zu Umsatz und Profitabilität in Deutschland beantwortet Wolt nicht.

Lieferando

Auch der deutsche Marktführer für Essensbestellungen, Lieferando, versucht seit ein paar Jahren, im Lebensmittelgeschäft mitzuverdienen. 2021 startete Lieferando erste Tests und verknüpfte in einigen Städten das Angebot der Mini-Supermarktkette Spar-Express. Wenig später folgten die „Servicestore“ genannten Minimärkte der Deutschen Bahn. Heute gibt Lieferando die Anzahl von Lebensmittelpartnern mit „mehreren hundert“ an. Ende 2022 integrierte Lieferando das Angebot von Getir/Gorillas in seine App; im November 2023 folgte dann das Angebot von Flink (jeweils in jenen Städten, in denen Getir/Gorillas bzw. Flink verfügbar ist). In Berlin betreibt Lieferando mittlerweile auch zwei eigene kleine Warenlager für den eigenen Lebensmittel-Lieferdienst. Entsprechend gelten bei Lieferando auch die Mindestbestellwerte und Liefergebühren der Partner. Bei Händlern, für die Lieferando ausliefert, liefert das Unternehmen in Metropolen wie Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt ohne Liefergebühr bis in die umliegenden Stadtviertel der jeweiligen Filiale. Bei Lieferungen aus den Spar-Express- und DB-Service-Geschäften variieren die Liefergebühren zwischen 0,49 Euro und 4,99 Euro.

Lieferando ist mit einer Kurierfahrerflotte von rund 10.000 Personen der mit Abstand personalstärkste Lieferdienst, das Unternehmen erreicht laut eigenen Aussagen mit seinem Marktplatz 95 Prozent der deutschen Bevölkerung. Als echten Konkurrenten müssen Rewe, Picnic und Knuspr das Unternehmen dennoch nicht fürchten: Der Kern des Lieferando-Geschäfts ist die Bestellplattform für fertige Mahlzeiten; das Lebensmittelgeschäft ist bloß ein kleiner Zusatz.
 

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