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Pleitewelle droht 4-Punkte-Plan: So überleben Modehändler den Corona-Winter

Schaufensterfiguren, die Anzüge mit Skelettmotiv und Mund-Nasen-Schutz tragen, stehen in einem geschlossenen Geschäft in der Innenstadt neben Einkaufstüten mit der Aufschrift

Der Shutdown hat dem stationären Modehandel das Geschäft ruiniert, Ladeninhaber kämpfen um ihre Existenz. Ein Restrukturierungsprofi sagt, was Händler jetzt tun können, um die nächsten Wochen durchzustehen.

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Esprit, Galeria Karstadt Kaufhof, Sinn, Appelrath Cüppers, Hallhuber und vor Kurzem auch noch Adler: Reihenweise haben bekannte deutsche Modehändler seit Beginn der Corona-Krise Rettung in einem Insolvenzverfahren suchen müssen. Und weitere dürften bald folgen. Der Branchenverband BTE sagt bereits eine Pleitewelle in der mittelständisch geprägten Branche mit dem Verlust von weit über 100.000 Arbeitsplätzen voraus, wenn die Politik sich nicht endlich in die Bresche werfe. Einer aktuellen Erhebung des Einzelhandelsverbands HDE zufolge fürchten 61 Prozent der befragten Textilhändler, 2021 ihr Geschäft aufgeben zu müssen: Rund 33.000 Einzelhandelsunternehmen verkaufen dem BTE zufolge in der Bundesrepublik Mode, Schuhe und Lederwaren. Sie betreiben insgesamt etwa 80.000 Läden mit rund 440.000 Mitarbeitern. Vor Corona setzte die Branche im Jahr netto rund 50 Milliarden Euro um. Doch diese Zeiten sind vorbei: „Allein die Umsatzverluste des gesamten Winter-Lockdowns dürften sich bis Ende Januar auf rund zehn Milliarden Euro aufsummieren“, rechnet Rolf Pangels, Hauptgeschäftsführer des BTE, vor.

Das Hauptproblem momentan: In den Regalen vieler Unternehmen derzeit die Winterware – und findet wegen des Lockdowns keine Käufer. Wer kann, nutzt den eigenen Onlineshop, um Daunenjacken und gefütterte Stiefel loszuwerden – und Platz zu schaffen für Frühjahrs- und Sommerkollektionen. Viel Geld bringt das nicht: Weil alle ihre Lager leeren, brechen die Preise ein.

Liquidität ist Trumpf

„Für viele Händler geht es nun darum, ihre Existenz zu sichern und die Frage, wie sich die Fixkosten bei ausbleibenden Umsätzen senken lassen“, sagt Sebastian Wilde, Partner der Restrukturierungsberatung Falkensteg. Er kennt das Geschäft der Händler, unter anderem war er bei der Neuausrichtung des Textilhändlers AWG im Einsatz. Wilde empfiehlt vier konkrete Maßnahmen, um die Kosten runterzufahren und die nächsten Wochen und Monate zu überstehen:

1.    Zahlentransparenz: „Unternehmen sollten eine professionelle Liquiditätsplanung und -steuerung aufsetzen“, sagt Wilde. Grundlage sollte eine Planung auf Wochenbasis, idealerweise mit Berücksichtigung unterschiedlicher Szenarien sein. „Diese dient auch zur Prüfung der Zahlungsfähigkeit.“ Denn ist die Zahlungsunfähigkeit eingetreten, erhöhen sich die Haftungsrisiken für das Management erheblich.

2.    Verhandlungen: Modehändler müssen zur Anpassung ihrer fixen Kosten in Verhandlungen mit ihren Geschäftspartnern eintreten. „In Zeiten der Pandemie lassen sich für eine im Ganzen existenzbedrohte Branche nur gemeinsame Lösungen in Zusammenarbeit zwischen Unternehmensleitung, Belegschaft, Vermietern und Lieferanten finden“, sagt Wilde. Kurzarbeit, Steuer-Stundungen und Staatshilfen seien dabei der Beginn der Liquiditätsschonung. Stundungsvereinbarungen sind auch mit Lieferanten und Dienstleister möglich. Bei Gesprächen mit Lieferanten könnte versucht werden, Bestellungen zu reduzieren, oder andere Warengruppen zu ordern.

3.    Neuausrichtung der Sortimentspolitik: Generell rät der Experte zu einem anderen Orderverhalten: „Händler sollten versuchen, den Anteil der NOS-Ware -  Never Out of Stock – also Artikel, die das ganze Jahr laufen, zu erhöhen, um Abhängigkeit von einzelnen Kollektionen zu reduzieren.“ Das Kalkül: Egal, ob ein weiterer Lockdown kommt, oder das Wetter Kapriolen schlägt: Standardprodukte wie Shirts, Jeans und Socken lassen sich im Grunde immer verkaufen und müssen im Zweifel nicht verramscht werden, weil sich etwa das Verkaufsfenster für Winterware schließt.



4.    Miete reduzieren: Eine wesentliche Kostenposition sind die Mieten für die Verkaufsflächen. „Der Gesetzgeber hat die Verhandlungsposition gewerblicher Mieter Anfang dieses Jahres erheblich gestärkt“, sagt Wilde. Eine coronabedingte Schließung sei demnach eine Störung der Geschäftsgrundlage. Dies ermögliche eine Anpassung des Mietvertrages, die sich nach der Verteilung der Risiken richtet. So könne es durchaus angemessen sein, Mieten zeitweise um bis zu 50 Prozent zu kürzen. „Das hängt aber vom Einzelfall ab und sollte eher im Konsens mit dem Vermieter als über ein Gerichtverfahren erreicht werden“, so Wilde. Schließlich will man auch nach der Pandemie weiter zusammenarbeiten. Zudem könnte über neue Mietverträge für die Zeit nach der Pandemie nachgedacht werden. Sie könnten neben einem Fixbetrag beispielsweise auch eine umsatzabhängige Komponente enthalten.

Das seien allerdings primär kurzfristige Maßnahmen, sagt Wilde. Langfristig müssten sich viele Unternehmen grundlegend sanieren. Dabei stünden ihnen zwei Wege offen: die Restrukturierung durch den präventiven Restrukturierungsrahmen oder ein Insolvenzplanverfahren in Eigenverwaltung. 

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Erstere Verfahrensart ist seit Anfang Januar möglich und zielt vor allem auf die finanzwirtschaftliche Sanierung außerhalb eines Insolvenzverfahren. So können explizit auch pandemiebedingte Verbindlichkeiten wie KfW-Kredite oder Forderungsstundungen über das Verfahren reduziert werden, wenn die dafür nötigen Mehrheiten erreicht werden. Als Nachteile gelten der vergleichsweise hohe Beratungsaufwand und fehlenden Möglichkeiten, ins operative Geschäft einzugreifen. 

„Liegen die Probleme auch im operativen Bereich, ist ein Eigenverwaltungsverfahren das Mittel der Wahl“, so Wilde. Dabei lassen sich vorzeitig und einseitig ungünstige Verträge kündigen. „Ebenso sind Personalanpassungen hinsichtlich der Sozialplanhöhe und Kündigungsauslauflöhne privilegiert.“ Zudem übernimmt die Bundesagentur übernimmt für maximal drei Monate die Personalkosten als Insolvenzgeld und unterstützt damit die Sanierung.

Mehr zum Thema: Lange zögerten die deutschen Verbraucher beim Einkauf von Lebensmitteln im Internet. Doch seit Beginn der Coronapandemie ändert sich das. Und immer mehr Anbieter machen sich bereit, den Milliardenmarkt zu entern. 

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