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Prunk in der Provinz In der Karstadt-Krise entsteht ein Luxus-Warenhaus

Während die Zukunft für Karstadt immer düsterer wird und der Konzern hunderte Stellen streichen muss, erstrahlt ein Warenhaus in der ostdeutschen Provinz in neuem Glanz. Prunk und Luxus sollen die Kunden locken.

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Das Kaufhaus im ostsächsischen Görlitz steht noch leer, doch zum Weihnachtsgeschäft 2015 sollen hier wieder Kunden ein und aus gehen Quelle: dpa

Der Blick geht weit über die Dächer von Görlitz. „Von hier aus können Sie das Riesengebirge sehen“, sagt Jürgen Friedel und deutet ins Ungefähre. Friedel – weißes Haar, Businesshemd – lehnt am Geländer eines schmalen Balkons ganz oben im alten Kaufhaus der Stadt und schwärmt von einer Restaurant-Terrasse, die er hier anbauen will. Nur das Hämmern im Hintergrund stört den Traum vom Sonnendeck.

Die Terrassenpläne seien die Kür, zunächst komme die Pflicht, sagt Friedel. Nach Jahren des Leerstands will er das alte Warenhaus in der sächsischen Stadt wieder eröffnen. Ein Warenhaus? In Görlitz? Wann immer Friedel, der zuvor Flughäfen plante, sein Projekt präsentiert, darf er sich ungläubiger Blicke gewiss sein.

Fujitsu streicht 400 Jobs
Fujitsu Der japanische Elektronikkonzern Fujitsu will einem Zeitungsbericht zufolge in Deutschland 400 bis 500 Arbeitsplätze abbauen. Eine endgültige Entscheidung solle nach Verhandlungen mit den Beschäftigten fallen, berichtete die japanische Wirtschaftszeitung "Nikkei". Insgesamt beschäftigt der Konzern hierzulande 12.000 Menschen. Die Stellenstreichungen beträfen hauptsächlich Entwicklung und Informationstechnik. Bereits am Dienstag hatte der Konzern bekanntgegeben, in Großbritannien 1800 Jobs zu streichen. Das entspricht 18 Prozent der Belegschaft dort. Insidern zufolge könnte sich Fujitsu künftig auf IT-Dienstleistungen konzentrieren. Mit dem weltgrößten Computer-Hersteller Lenovo verhandelt das Unternehmen offenbar über einen Verkauf des PC-Geschäfts von Fujitsu. Quelle: REUTERS
Lufthansa Technik Quelle: dpa
DAK Gesundheit Quelle: dpa
EnBWDer Energieversorger baut weiter Stellen ab: Die Energie Baden-Württemberg werde sich aus dem Strom- und Gasvertrieb an Großkunden der Industrie zurückziehen, teilte das Unternehmen am Dienstag mit. Davon seien 400 Beschäftigte betroffen, denen ein Aufhebungsvertrag oder ein alternativer Arbeitsplatz im Konzern angeboten werde. Auch im Privatkundengeschäft, der Energieerzeugung und der Verwaltung steht demnach Stellenabbau bevor, der noch nicht beziffert wurde. In den vergangenen zwei Jahren waren bereits rund 1650 Stellen weggefallen. Quelle: dpa
Intel Quelle: REUTERS
Nokia Quelle: dpa
Der IT-Konzern IBM plant in Deutschland offenbar einen massiven Stellenabbau Quelle: dpa

Tatsächlich wirkt die Idee angesichts des Dramas bei Karstadt fast surreal. Seit Monaten beherrscht die Dauerkrise der früheren Handelsikone die Schlagzeilen. Am Donnerstag traf sich der Karstadt-Aufsichtsrat zur ersten Sitzung nach der Übernahme durch den österreichischen Investor René Benko. Statt Aufbruchsstimmung stand der Dreiklang des Niedergangs auf der Agenda des Gremiums: Personalabbau, Sparmaßnahmen, Filialschließungen. Laut neusten Berichten soll eine Sanierung mehr als 200 Millionen Euro kosten. Offenbar werden mindestens 2000 Stellen gestrichen.

So geht es seit Jahren. Überall im Konzern wird gekürzt, gerechnet und jener goldenen Warenhaus-Ära nachgetrauert, der auch das Haus in Görlitz entstammt.

Wiedereröffnung bis Weihnachten 2015

Mit seinen Granitarkaden, der Glaskuppel, die sich über den Lichthof im Inneren spannt, und den großzügigen Fensterfronten galt der 1913 errichtete Bau lange Zeit als eines der schönsten Warenhäuser des Landes. Doch zuletzt nutzten nur noch Filmemacher das Jugendstilambiente als Kulisse. So drehte US-Regisseur Wes Anderson hier „Grand Budapest Hotel“, Werbeclips und Dokumentationen entstanden in den Räumen, nur verkauft wird hier schon seit fünf Jahren nichts mehr.

2005 war das Haus als Teil von Karstadt Kompakt an einen britischen Investor verkauft worden. Der führte die Warenhäuser unter der Marke Hertie weiter. Seit deren Pleite steht das Görlitzer Kaufhaus leer. Zum Weihnachtsgeschäft 2015 soll es wieder öffnen. Der Zeitplan ist sportlich.

Kaufhaus oder Online-Shop - Was ist besser?

Rohre und Kabel ragen aus den Wänden in der dritten Etage, auf dem Boden liegt ein Stück Putz. „Wir haben schon mehr als 2000 Tonnen Schutt aus dem Gebäude geholt“, sagt Projektleiter Friedel und zeigt in den Raum: Vorn am Balkon soll eine Prosecco-Bar entstehen, weiter hinten die Sport- und Elektronikabteilung und gleich daneben das Männerland. Friedel lacht. Im Männerland könnten Kundinnen ihre einkaufsmüden Partner bei Fußball-TV und ähnlichen Vergnügungen parken, derweil sich die Damen durchs Sortiment shoppen.

Mit solchen Details will Friedel später Kunden locken, zunächst aber Mieter gewinnen. Das Warenhaus soll als eine Art Shop-in-Shop-Konzept funktionieren. Anders als in einem Center würden die Übergänge zwischen den einzelnen Geschäften aber fließender gestaltet. Es gehe nicht darum, einfach ein altes Haus zu sanieren und ein paar Shops reinzupacken, sagt Friedel: „Das Kaufhaus soll aus einem Guss sein, Herr Stöcker will es schön haben.“

"Das ist kein Nostalgie-Projekt"

Winfried Stöcker ist der eigentliche Initiator des Kaufhaus-Projekts. Rund 20 Millionen Euro will der Lübecker Unternehmer dafür in die Hand nehmen.

Stöcker kennt das Kaufhaus noch aus Kindertagen. Sein Vater betrieb in der Nähe von Görlitz eine Spinnerei. 1960 ging die Familie in den Westen. Der Junior studierte Medizin und gründete 1987 Euroimmun, ein Unternehmen für Labordiagnostik. Euroimmun peilt 2014 rund 200 Millionen Euro Umsatz an, ist hochprofitabel und gilt als einer der innovativsten Mittelständler. Den Verfall des Kaufhauses in seiner alten Heimat hatte Stöcker schon länger beobachtet. Als er dann in einem Zeitungsartikel über die Dreharbeiten zu „Grand Hotel Budapest“ las, machte Stöcker einen Termin mit dem Görlitzer Bürgermeister aus.

Wenig später unterschrieb er den Kaufvertrag für das Gebäude. „Sicherlich hat meine Herkunft aus der Oberlausitz bei der Entscheidung eine Rolle gespielt“, sagt Stöcker, „aber das ist kein Nostalgie-Projekt.“ Selbst zu Hertie-Zeiten hätte die Görlitzer Filiale schwarze Zahlen geschrieben.

Die 30 kreativsten Mittelständler
Rund 3000 Unternehmen mit einem Umsatz zwischen zehn Millionen und etwa einer Milliarde hat die Unternehmensberatungsberatung Munich Strategy Group für das WirtschaftsWoche-Ranking analysiert. Für 400 von ihnen haben die Berater nach der Auswertung von Experten-Interviews und Analysen einen Vergleichswert, den Innovations-Score ermittelt. In diesen fließt die Zahl der neuen Produkte und deren Marktchancen ein. Gleichzeitig hat MSG ermittelt, in welchem Maße die Innovationskultur im Unternehmen verankert ist. Die Top 30 der innovativen Mittelständler zeigt die folgende Übersicht. Quelle: Fotolia
Platz 30: VacomUmsatz: 16 Mio. EuroInnovations-Score: 135Das 1992 gegründete Unternehmen Vacom  gilt als einer der führenden Anbieter von Vakuumtechnik. Der Mittelständler aus Jena produziert unter anderem für Unternehmen aus Bereichen wie der Analytik, Elektronik, Optik, Solar- und Beschleunigertechnik. Quelle: Screenshot
Platz 29: Elementar AnalysesystemeUmsatz: 42 Mio. EuroInnovations-Score: 136Ob Kohlen-, Stick- oder Wasserstoff: Die Analyse nicht-metallischer Elemente ist das Kerngebiet des Geräteherstellers aus Hanau (Hessen). Quelle: Screenshot
Platz 28: GK SoftwareUmsatz: 27 Mio. EuroInnovations-Score: 138Das Technologie-Unternehmen GK Software aus Sachsen entwickelt und vertreibt spezielle Computer-Programme für den Einzelhandel - darunter Software für Kassen und Backoffice-Programme. Die börsennotierte Firma wurde 1990 gegründet. Quelle: PR
Platz 27: Walter Rau Neusser Öl und Fett AG Umsatz: 333 Mio. EuroInnovations-Score: 140Fett und Öl - damit verdient das Neusser Unternehmen Walter Rau Geld. Rund 200 Mitarbeiter veredeln pflanzliche Rohstoffe zu Spezial-Fetten für Lebensmittel. Quelle: Presse
Platz 26: WiloUmsatz: 1187 Mio. EuroInnovations-Score: 141Die Dortmunder Unternehmens-Gruppe zählt zu den führenden Herstellern für Pumpen und Pumpsysteme. Mehr als 7000 Wilo-Mitarbeiter arbeiten weltweit daran, Produkte für Wärme- und Klimatechnik sowie die Wasserversorgung zu entwickeln und zu produzieren. Quelle: dpa Picture-Alliance
Platz 25: Becker Marine SystemsUmsatz: 74 Mio. EuroInnovations-Score: 144Egal ob Luxus-Jacht oder Super-Tanke: Die Hamburger von Becker Marine Systems sind auf Ruder und Steuerungseinheiten für Schiffe spezialisiert. Das 1946 gegründete Unternehmen hat mittlerweile mehr als 110 Mitarbeiter und Büros in China, Singapur, Korea und Norwegen. Quelle: Presse

In der Boss-Liga

Stöckers Mann in Görlitz schreitet die imposante Freitreppe hinab in die zweite Etage, dann weiter ins erste Obergeschoss. Wie eine Galerie rahmt die zukünftige Verkaufsfläche den Lichthof ein. Wo genau sich später die Herren- und Damenabteilung befinden soll, sei noch offen. Doch die Ausrichtung ist klar: „Wir wollen nicht unbedingt in der Gucci-, aber durchaus in der Boss-Liga spielen“, sagt Friedel.

Ein Hauch von Luxus in Görlitz? Die Bevölkerung der Stadt ist seit 1994 um fast ein Fünftel geschrumpft. Gemessen an der Kaufkraft seiner Einwohner, ist Görlitz das Armenhaus der Republik.

„Natürlich kennen wir die Statistiken“, sagt Friedel. Aber: Die Zahl der Touristen steige seit Jahren. Entsprechend zielen Stöcker und Friedel nicht nur auf die 55 000 Görlitzer, sondern wollen auch Kunden aus Dresden, dem polnischen Breslau und dem tschechischen Liberec in ihr Haus locken. Zugleich verhandeln sie mit polnischen Markenherstellern, die mit dem Sprung auf den deutschen Markt liebäugeln und die Grenzstadt als Experimentierfeld nutzen wollen.

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Draußen vor der verriegelten Eingangstür stehen ein paar Touristen und blicken in den Innenraum des Baus. Das Erdgeschoss wirkt luftig wie ein Ballsaal. Parfüms und Accessoires, Bücher und Geschenkartikel will Friedel hier unter Kronleuchtern verkaufen.

Ursprünglich hatte Kaufhaus-Betreiber Stöcker den Namen KaDeO für sein Haus favorisiert – wahlweise lesbar als Kaufhaus des Ostens oder der Oberlausitz. Doch die Anspielung auf das Karstadt-Flaggschiff KaDeWe in Berlin war rechtlich zu heikel. Inzwischen prangt der schlichte Namenszug Kaufhaus Görlitz am Schaufenster, daneben der Hinweis: „Hier wird renoviert, was Sie morgen fasziniert.“

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