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Real-Verkauf „Wir brauchen jetzt endlich Gewissheit“

Quelle: imago images

Zerschlagung oder Fortführung? Die monatelange Käufersuche für die Handelskette Real geht in die entscheidende Phase. Wie die mehr als 32.000 Mitarbeiter den Poker um den Real-Verkauf erleben.

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„Ist das die Ruhe vorm Sturm?“, fragt ein Real-Mitarbeiter bei Facebook. „Das ist kein Poker, es ist ein korruptes mafiöses Geschäftsgebaren“, wettert ein anderer. „Wann kommen die Verantwortlichen von Real ins Gefängnis?“, fragt gar ein Dritter.

Keine Frage, die Nerven liegen derzeit blank unter den mehr als 32.000 Beschäftigten der SB-Warenhauskette Real. Zu lange schon zieht sich der Verkaufsprozess hin. Im September 2018 hatte Olaf Koch, Chef des Real-Mutterkonzerns Metro, angekündigt, die Kette mit ihren deutschlandweit gut 280 Märkten zu veräußern. „Wir wissen, es gibt Interessenten“, sagte Koch. Zum Verkauf stehe ein „profitables Unternehmen mit über sieben Milliarden Euro Umsatz“. Als Zugabe wirbt Koch mit einem Paket von 65 Immobilien. Die Metro wolle sich künftig auf das Großhandelsgeschäft konzentrieren.

Seit der Ankündigung wird über mögliche Käufer und den Stand des Verkaufsprozesses spekuliert. Doch nun scheint die Zielgerade in Sicht. Die Nachrichtenagentur „Reuters“ meldet, ein Konsortium um den auf Handelsimmobilien spezialisierten Investor Redos habe sich mit Metro auf exklusive Verhandlungen über die Übernahme der Real-Märkte verständigt. Zu dem Konsortium gehören auch die Immobilieninvestoren ECE und Morgan Stanley Real Estate. Die Gespräche mit der bislang als Favorit für eine Real-Übernahme gehandelten Gruppe um den Bieter X+Bricks ruhten indes, hieß es weiter. Investoren erwarten bei der Präsentation der Metro-Zahlen zum ersten Geschäftsjahreshalbjahr am Donnerstag weitere Details.

Nach Informationen der „Lebensmittelzeitung“ steht die Edeka-Gruppe in engem Kontakt zu Redos und mache sich durchaus Hoffnungen, Filialen in der Größenordnung von bis zu 100 Standorten übernehmen zu können. Für ein derart großes Standort-Portfolio galt bisher nur Real-Wettbewerber Kaufland als Interessent, der offenbar mit X+Bricks kooperiert. Über den Verkaufsprozess dürfte sich auch der Metro-Aufsichtsrat informieren, der im Tagesverlauf zusammentritt. Der Düsseldorfer Handelsriese will am Donnerstag Quartalszahlen vorlegen. Koch muss sich auf bohrende Fragen zu seinen Verkaufsplänen einstellen.

Und auch die Mitarbeiter wollen endlich wissen, wohin die Reise geht. „Wir brauchen jetzt endlich Gewissheit, wie es weitergeht, endlich Fakten und keine Hängepartie“, sagt die Düsseldorfer Betriebsrätin Isolde Dröfke. „Ich bin froh, wenn endlich klarer wird, wie es mit Real und uns Beschäftigten weitergeht.“

Seit 1995 arbeitet Dröfke im Real-Markt in Düsseldorf-Bilk, als kaufmännische Angestellte ist sie in der Verwaltung tätig und hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Sparrunden erlebt. „Real stand immer wieder auf der Abschussliste“, sagt sie. Alle paar Jahre habe es eine neue Geschäftsführung mit neuen Ideen gegeben, neue Sanierungsprogramme wurden verabschiedet, über Verkaufsgespräche berichtet. „Irgendwann gewöhnt man sich zwar daran, aber die Unsicherheit bleibt“, sagt Dröfke. Und auch die Verärgerung über das Metro-Management.

Denn eine Zeit lang sah es so aus, als würde Real unter dem Metro-Dach bleiben. Real und Verdi hatten im Jahr 2016 einen „Zukunftstarifvertrag“ abgeschlossen, in dem das Management zusagte, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten und zu investieren. Im Gegenzug hatte sich die Gewerkschaft zu einem Verzicht auf Lohnerhöhungen bereit erklärt und die Kürzung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld akzeptiert. Doch im März 2018 kündigte Real den Vertrag überraschend auf. „Bisher liegen unsere Lohnkosten rund 30 Prozent über denen vieler Wettbewerber. Das sind unfaire Wettbewerbsbedingungen, die wir nicht länger akzeptieren konnten“, erklärte Koch damals und warf der Gewerkschaft vor, Tarifverhandlungen über eine wettbewerbsfähige Entgeltstruktur für neue Mitarbeiter „blockiert“ zu haben.

Inzwischen wendet Real bei Neueinstellungen einen Tarifvertrag an, den die Metro Services mit der Gewerkschaft DHV abgeschlossen hat. Der Vertrag sieht längere Arbeitszeiten, weniger Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie eine deutlich niedrigere Bezahlung vor.

Die Folge, sei eine Drei-Klassen-Gesellschaft in den Märkten, kritisiert Dröfke. „Wir haben Real-Mitarbeiter, welche nach dem Verdi-Tarifvertrag entlohnt werden. Wir haben Real-Mitarbeiter welche nach dem DHV Tarifvertrag entlohnt werden“. Hinzu kämen Beschäftigte von externen Dienstleistern. „Ich habe den Eindruck, dass es bei real nur noch darum geht, die Kosten zu senken“, sagt Dröfke.

Ob sich das unter einem neuen Eigentümer ändern wird? Die meisten Mitarbeiter dürften da so ihre Zweifel haben.

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