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Rewe, Picnic, Amazon-Fresh Lebensmittel-Lieferdienste im Check: Wer ist top, wer einfach nur teuer?

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So schlagen sich Picnic, Bringmeister, Mytime und Allyouneed-Fresh

4. Picnic

Gestartet: in Deutschland 2018 (gegründet 2015 in den Niederlanden)
Verbreitung: in NRW rund um die bislang sechs Verteilerzentren in Neuss, Mönchengladbach, Bochum, Viersen, Krefeld und Moers (ab August 2019 auch Langenfeld, Moers, Düsseldorf-Süd)
Lieferkosten: keine Lieferkosten, aber 25 Euro Mindestbestellwert
Lieferung: Heimlieferung mit eigener Flotte
Expertenbewertung: „Picnic ist der Anbieter mit den derzeit stärksten Expansionsbestrebungen – und mit der besten PR-Kampagne. Die kommen sympathisch rüber und ihr niedriger Mindestbestellwert kommt bei den preissensiblen Deutschen auch gut an. Aber der eingeschränkte Lieferdienst mit nur einem vorgegebenen Lieferslot pro Tag schränkt natürlich die Zielgruppe ein. Für Berufstätige ist das wohl eher nicht alltagstauglich. Fokusgruppe sind aus meiner Sicht eher Familien oder Personengruppen, bei denen regelmäßig jemand zu Hause anzutreffen ist.“

In den Niederlanden liefert das Jungunternehmen bereits in mehr als 60 Städten – in eigenen, auffallend schmalen Elektrofahrzeugen. Der Umsatz im Heimatland soll rund 200 Millionen Euro betragen. Für den deutschen Markt bezieht das Startup die Ware größtenteils von der Edeka-Regionalgesellschaft Rhein-Ruhr. Die Handelsgesellschaft hat jüngst vermeldet, ihren Anteil an Picnic von 20 auf 35 Prozent zu erhöhen. „Als wir letztes Jahr gestartet sind, wurden wir ab dem ersten Tag überrannt“, heißt es seitens des deutschen Ablegers: „Wir sehen, dass sich nach rund sechs Monaten in jeder Stadt bereits über 25 Prozent aller Haushalte bei Picnic registriert haben. Diese rasante Entwicklung hat unsere Erwartungen weit übertroffen.“ Im Durchschnitt entwickele sich jedes Verteilerzentrum, „Hub“ genannt, „innerhalb von sechs Monaten nach dem Start profitabel“. Bis Ende des Jahres plant Picnic, „über zwölf Hubs“ zu betreiben. Derzeit sucht das Unternehmen „nach geeigneten Standorten für weitere Logistikzentren in Nordrhein-Westfalen“. Die aktuell vermeldete Expansion nach Langenfeld und Monheim ist Ausdruck dieser Wachstumsambition.

5. Bringmeister

Gestartet: 1997
Verbreitung: Berlin, Potsdam, München
Lieferkosten: Abhängig von der Lieferzeit zwischen 0 und 6,90 Euro, Lieferabo verfügbar; ab 100 Euro kostenlos
Lieferung: Heimlieferung mit eigener Flotte
Expertenbewertung: „Man hört von Bringmeister in letzter Zeit relativ wenig. Sie sind räumlich begrenzt und derzeit sind keine weiteren Expansionsbestrebungen sichtbar. Was Bringmeister sehr gut macht ist, der Yield Management Ansatz beim Thema Liefergebühren: Je nach dem, auf welche Zeit man bestellt, ist es günstiger oder teurer; das kennt man aus der Flugbranche. Und sie setzen auf Eigenauslieferung, das ist ein großer Vorteil. Die eigene Flotte ist fahrbare Werbung – ein Faktor, der definitiv nicht zu unterschätzen ist. Auf lange Sicht wird es spannend sein zu beobachten, ob Edeka, zu dem Bringmeister gehört, sich von der Edeka Regionalgenossenschaft Rhein-Ruhr und deren Engagement bei Picnic überzeugen lassen wird, oder auf eine Expansion bei Bringmeister setzt.“

Ursprünglich im Hause Tengelmann gegründet, wechselte Bringmeister im Zuge des Tengelmann-Verkaufs an Edeka den Besitzer. 2018 machte der Dienst von sich reden, als es zu Lieferengpässen in Berlin kam. Gleichzeitig erweiterte Bringmeister sein Angebot um die Kühlschrank-Lieferung: Hierbei können Bringmeister-Mitarbeiter mittels eines digitalen Türschlosses direkt in die Wohnung des Bestellers und die Waren in den Kühlschrank legen. Aufsehen erregte auch eine zeitlich begrenzte Kooperation mit Lufthansa: Fluggäste von und nach München und Berlin konnten im Zuge dieser Testphase während des Flugs bei Bringmeister Lebensmittelbestellungen aufgeben (im Flugzeug oder in einer Lufthansa-Lounge). Ein Plus: Mit Dominique Locher hat Bringmeister einen anerkannten Experten im Beirat: Locher war Mitgründer und Chef von Leshop, dem führenden Schweizer Internet-Supermarkt (der mittlerweile zu Migros gehört). Locher investierte 2018 in Farmy.ch, einen weiteren Lebensmittel-Lieferservice aus der Schweiz, und arbeitet auch noch für Ozon.ru, den führenden russischen Online-Händler. Zuletzt verkündete Bringmeister eine Kooperation mit der Schweizer Einkaufslisten-App Bring. Weder Bringmeister noch Edeka wollten sich auf WirtschaftsWoche-Anfrage zur aktuellen Lage und zu eventuellen Expansionsplänen äußern. 

6. Mytime.de

Gestartet: 2012
Verbreitung: bundesweit
Lieferkosten: 4,99 Euro; bzw. bei Kühl- oder Tiefkühlartikeln zuzüglich 5,90 Euro.
Lieferung: Keine eigene Flotte, Versand via DPD und DHL.
Expertenbewertung: „Mytime steht nicht wirklich im Fokus, man hört relativ wenig. Es hat einen gewissen Experimentiercharakter, nach dem Motto: Ich lerne jetzt mal mit und nutze es später im großen Stil.“

Der Internet-Supermarkt Mytime.de gehört dem Handelsunternehmen Bünting aus dem ostfriesischen Leer (Umsatz 2017: ca. 1,6 Milliarden Euro). Zum Unternehmen gehören mehrere regionale Supermarktketten wie etwa Combi (in Niedersachsen), Jibi (rund um Bielefeld) und Minipreis (Ostwestfalen-Lippe). Eine Bünting-Sprecherin lässt ausrichten, man stehe mit Mytime.de „nicht mehr am Anfang“, sondern habe „bereits lehrreiche Erfahrungen sammeln und diese zu unseren Gunsten einsetzen“ können. Im Sommer 2017 jedoch schloss die Handelsgruppe das Logistiklager des Internet-Supermarkts in Oldenburg. Rund 70 Mitarbeiter mussten gehen. Hat der schmerzhafte Einschnitt Ergebnisse gebracht? „Auch bei Mytime.de wachsen die Kundenzahl und die durchschnittlichen Warenkörbe stetig“, heißt es aus dem Unternehmen. „Aus der ersten, verlustbringenden Investitionsphase sind wir inzwischen herausgetreten. Daher sind wir grundsätzlich zufrieden mit unserer Performance“. Seit Oktober 2018 bietet auch Büntings Kette Combi einen Lieferservice an, in vier Märkten gibt es sogenannte Click-&-Collect-Stationen. Zudem hat Bünting eine erste Paket-Abholstation installiert, die eine 24-Stunden-Abholung ermöglicht. 

7. Allyouneed Fresh

Gestartet: 2010
Verbreitung: bundesweit
Lieferkosten: 6,90 Euro bzw. 3,90 Euro ab einem Einkaufswert von 60 Euro; ab einem Einkauf von 85 Euro entfallen die Liefergebühren.
Expertenbewertung: „Nach dem Ausverkauf bei der Post ist es still geworden um Allyouneed Fresh. Der neue Eigentümer Delticom könnte auf lange Sicht Allyouneed Fresh mit dem Feinkosthändler Gourmondo.de verschmelzen, der ihm ja schon länger gehört.“

Im Oktober 2012 übernahm Deutsche Post DHL die Mehrheit am Lebensmittel-Startup, das damals noch Allyouneed hieß, weil es hauptsächlich Lebensmittel aus dem Trockensortiment anbot. In der Folge investierte der Bonner Großkonzern (Umsatz: 61,5 Milliarden Euro) zunächst reichlich in die Logistik des Online-Supermarkts und zeigte sich durchaus experimentierfreudig: 2016 testete die Post in einem Pilotprojekt das Einkaufen via Whatsapp, 2017 versuchte man es mithilfe von Amazons schlauem Sprachassistenten Alexa. Aber nach sechs Jahren hatte DHL offenbar Lust und Geduld verloren: Im vergangenen September verkauften die Bonner Allyouneed Fresh an den Hannoveraner Online-Reifenhändler Delticom, der mit Gourmondo.de und lebensmittel.de bereits zwei vergleichbare Portale besitzt. Der neue Eigentümer tauschte das Management aus, der langjährige Chef und Handelsexperte Udo Kießlich verließ das Unternehmen vergangenes Jahr. Weder Allyouneed Fresh noch Delticom wollten sich auf Anfrage der WirtschaftsWoche zu eventuellen Plänen der Plattform äußern. Auffällig ist: Die Plattform bietet derzeit keine frische Ware mehr an. Unter der Kategorie „Obst und Gemüse“ findet sich derzeit nur ein einziges Produkt: trockene Apfelwürfel. Es dominieren H- und Kondensmilch sowie Instant-Getränke. Im Mai vermeldete die „Lebensmittelzeitung“ zudem, Delticom verhandele mit Bünting über eine Kooperation im Online-Lebensmittelhandel. 

 

Fazit von Handelsexperte Matthias Schu: „Bis sich Lebensmittel-Bestellung in Deutschland so weit durchgesetzt hat, dass man von einem relevanten Marktanteil sprechen kann, wie heute etwa bei der Internetbestellung von Bekleidung oder Elektronik, wird es wohl mindestens noch fünf bis zehn Jahre dauern.“ Fragt sich, wer von den Genannten so lange durchhält.

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