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Rewe testet Bistro-Konzept „Macht euch warm, wenn gleich der Ansturm kommt“

Ein Restaurant im Supermarkt: Der Handelsriese Rewe wagt sich auf neues Terrain. In einer Filiale in Köln testet er die Reaktion der Kundschaft. Wir gehörten zu den ersten Gästen und haben uns dort umgeschaut.

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Der erste Test-Standort der Rewe-Bistro-Kette „Made by Rewe“ hat am Kölner Waidmarkt eröffnet. Der Laden wirkt aufgeräumt und freundlich.(Quelle: Carina Groh-Kontio)

Köln „Toll, Sie sind unser dritter Gast heute. Ich erkläre Ihnen mal, was das alles hier so geht“, strahlt mich eine sympathische Mitarbeiterin an. So früh an diesem Dienstag, den sich die experimentierfreudige Rewe-Handelskette zur Eröffnung ihres ersten Bistro-Ladens ausgesucht hat, sind die Freundlichkeitsakkus hier noch ordentlich aufgeladen. „Ikea-Restaurant trifft Kantine“ und „Eine riesige Wohnküche“ schreiben die anderen. Unser Eindruck: ein bisschen Italien, ein bisschen Asien, etwas Ikea und die mysteriöse Erinnerung an einen alten Bekannten.

Hier am Kölner Waidmarkt – einem Hotel-, Gewerbe- und Büroquartier – will Deutschlands zweitgrößte Supermarktkette Synergien zwischen Gastro- und Lebensmittelgeschäft ausnutzen. Das ganze nennt sich „Made by Rewe“ - eine Fusion aus Supermarkt und Restaurant, die immer im Doppelpack erscheinen. Auch die Öffnungszeiten sind identisch: von 7 bis 22 Uhr. Das Management hofft darauf, dass die Bistro-Kundschaft nach einem kleinen Sandwich oder einem Dessert im Supermarkt nebenan noch ein paar Dinge für zu Hause einkauft und dass umgekehrt auch einige hungrige Supermarkt-Kunden im Bistro Lust auf einen Imbiss bekommen.

Bestellt und bezahlt wird vorne an einer langen Theke, die einen freien Blick in die offene Küche gewährt. Hier stehen übrigens heute die Männer am Herd. Die frischen Zutaten kommen aus dem Supermarkt nebenan und werden allesamt vor den Augen der neugierigen Kundschaft vorbereitet.

Kochen vor den Augen der Kundschaft? Das Selbstbedienungskonzept dürfte vielen nicht unbekannt vorkommen. Dahinter steckt nämlich der Vapiano-Gründer Mark Korzilius, ein System-Gastronom erster Klasse. Sein Vapiano-Konzept zählt in der Branche zum Innovativsten, was die Gastro-Industrie seit Jahrzehnten hervorgebracht hat. Für Rewe ist Korzilius also ein Glücksgriff, der mit seinem Erfolg die neue Bistro-Kette bestäuben soll. Der Lebensmittelhändler hatte ihn schon in der Entwicklungsphase an Bord geholt. Jetzt und inzwischen marktreif wird das Konzept in Eigenregie umgesetzt.

Und das kann sich durchaus sehen lassen. Frische weiße Rosen stehen mit kleinen Essig- und Ölkaraffen auf den großen langen Tischen. Die Hintergrundmusik ist nicht zu laut und nicht zu aufdringlich. Die Speisekarte stehen unter anderem Linsensalat mit roter Beete und Ziegenkäse für 6,50 Euro, Tandoori-Curry für 6,90 Euro und eine Lunchbox mit Roastbeef und Kartoffelsalat für 6,50 Euro. Einen Latte Macchiato für 3,20 Euro muss man sich in Eigenregie mit einem Nespresso-Pad am Automaten zubereiten. Immerhin gibt's aber einen kleinen Crashkurs für den hochglanzpolierten Apparat: „Darf ich Ihnen behilflich sein?“, spricht mich die nächste freundliche Mitarbeitern an, bevor sie sich umdreht und ihren Kolleginnen zu ruft: „Macht euch schonmal warm, wenn jetzt gleich der Ansturm kommt.“


„Einfallslose Salate in die Kühltheke schleudern reicht nicht“

Neben der SB-Kaffeestation surren zwei große Weinkühlschränke vor sich hin und warten auf den Abend, an dem sich das Bistro in eine Art Weinbar verwandelt. „Made by Rewe ist für uns der konsequente Schritt, Supermärkte in hochfrequentierten Lagen verstärkt zu sozialen Treffpunkten zu machen, wo unsere Kunden neben dem Lebensmitteleinkauf auch vom Außer-Haus-Verzehr profitieren können“, sagt Lionel Souque, Vorstandsmitglied der Rewe Group anlässlich der Eröffnung.

Einen weitere Test-Filiale soll es demnächst am Höninger Weg in Köln-Zollstock geben. Wie lange ausprobiert wird, erfahren wir noch nicht. Es gelte jetzt, über einen bestimmten Zeitraum Erfahrungen zu sammeln, erst dann wird über weitere Schritte entschieden. Die Investitionssumme und entsprechende Umsatzerwartungen sucht man in der Pressemitteilung der Gruppe vergeblich.

All das macht die Handelskette freilich nicht aus Altruismus und um den modernen Großstadtmenschen mit gesunden Lebensmitteln zu versorgen. „Dahinter steckt auch die Notwendigkeit neben dem klassischen Supermarktgeschäft neue Einnahmequellen zu finden“, sagt Kai Hudetz vom Kölner Institut für Handelsforschung (IFH). „Mit diesem Gastronomiekonzept differenziert sich das Unternehmen vom Wettbewerb und geht den eingeschlagenen Weg in Richtung mehr Convenience konsequent weiter“, so Hudetz.

Der Supermarktexperte Peer Schader schreibt hingegen in seinem Blog, dass sich Rewe beim Thema Fertigessen erst am Anfang befindet. Convenience sei „bislang eine der größten Schwachstellen der Rewe-Märkte in Deutschland, die auch dreieinhalb Jahre nach dem Start von Rewe to Go nicht behoben ist.“

Ein Mangel, der die Rewe-Gruppe noch empfindlich treffen könnte. Schließlich gibt es inzwischen mit dem niederländischen Ahold-Konzern einen ernstzunehmenden Konkurrenten. Ahold kam vor genau einem Jahr mit seinem Ladenkonzept „Albert Heijn to Go“ in die Republik und hat sich gerade bis nach Köln vorgearbeitet. Rewe muss sich also etwas einfallen lassen. Peer Schrader: „Ein paar einfallslose Salate und Wraps in die Kühltheke zu schleudern, mache einen eben noch nicht zum Starbucks-Konkurrenten.“

Der Handelsexperte Kai Hudetz weiß um das raue Klima in der Branche, wo die Margen extrem niedrig sind. „Der klassische Lebensmitteleinzelhandel ist in Deutschland sehr wettbewerbsintensiv. Die Gastronomie biete hier ganz andere Chancen. Wer es schafft, hier eine Nische zu besetzen, in der die Kundschaft mehr ausgibt als am Supermarktregal, kann künftig im Wettbewerb die Nase vorne haben.

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