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Rossmann vs. Amazon „Ich würde Amazon aufbrechen“

Raoul Roßmann Quelle: Presse

Der Siegeszug des Onlinegiganten Amazon alarmiert Drogerieunternehmer Raoul Roßmann. Um klassische Einzelhändler und Deutschlands Innenstädte zu schützen, fordert er, „Amazon aufzusplitten“, wie er im WiWo-Podcast sagt.

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In ihrer Abneigung gegen den Onlinehändler Amazon sind sich Vater und Sohn einig. Schon vor Jahren kritisierte Drogeriepatron Dirk Roßmann im Interview mit der WirtschaftsWoche Amazons „Allmachtsanspruch“. Nun legt sein Sohn Raoul Roßmann nach. Der Juniorchef der - nach dm - zweitgrößten Drogeriekette Deutschlands spricht sich für die Zerschlagung des Internetkonzerns aus. Amazon arbeite im europäischen Handelsgeschäft mit Verlust, könne dies aber über Gewinne in der Webservice-Sparte ausgleichen und verfüge so über einen unfairen Wettbewerbsvorteil. „Ich würde das aufbrechen“, sagte Roßmann im WirtschaftsWoche-Podcast Chefgespräch. Um die Spielräume des US-Konzerns zu reduzieren, sei es angezeigt, „Amazon aufzusplitten“.

Entsprechende Forderungen würden derzeit auch unter Kartellrechtsexperten diskutiert, so Roßmann. Tatsächlich ist die Marktmacht der großen Techkonzerne immer wieder Thema. Erst am Dienstag wurde eine Klage des US-Justizministeriums und elf Bundesstaaten gegen den weltgrößten Suchmaschinenbetreiber Google bekannt. Der Konzern missbrauche seine marktbeherrschende Stellung, lautet der Vorwurf.

Man sehe inzwischen, dass die „Marktmacht der großen Silicon-Valley-Player immer größer wird“, argumentiert auch Roßmann. Anders als in anderen Branchen würden sich im Zeitverlauf kaum noch zusätzliche Anbieter behaupten können. Vor allem die Folgen des wachsenden Onlinehandels könnten problematisch werden, warnt Roßmann. So hänge das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft zum Teil davon ab, „dass wir lebendige Innenstädte haben, in denen Gastronomie, Kultur und Einzelhandel ineinandergreifen“. Durch den Erfolg des Onlinehandels würde diese Struktur in vielen Klein- und Mittelstädte jedoch gefährdet, sagt Roßmann. „Das hat eine viel größere Dimension, als sich das viele heute vorstellen.“

Auch wenn es Ausnahmen gibt, geht der Trend zum Online-Shopping vielfach auf Kosten kleinerer Geschäfte und damit auch der deutschen Innenstädte. Die Coronapandemie verschärft die Lage zusätzlich – und hat bereits die Bundespolitik auf den Plan gerufen. So will Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) eine „Trendwende“ hin zu mehr neuen Geschäften und lebendigen Stadtzentren erreichen und hat jüngst mehr als 20 Experten zum digitalen Austausch gebeten, wie dies gelingen kann. Weitere Gespräche sollen folgen, an deren Ende ein schnell umsetzbares Handlungskonzept stehen soll. 2021 solle das Ladensterben gestoppt und 2022 umgekehrt werden, sagte Altmaier - dann sollten es wieder mehr Menschen wagen, sich in den Innenstädten selbstständig zu machen.

Doch der Weg dahin ist weit. Der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands HDE, Stefan Genth, sieht derzeit bundesweit bis zu 50.000 Geschäfte in Gefahr. Digitalisierung ist aus Sicht der Experten einer der Schlüssel, um die Abwanderung der Kunden zu Amazon zu stoppen. Von den Vorteilen der Online-Ökonomie sollten auch Einzelhändler profitieren, so Altmaier.

„Für die Mehrheit sehe ich schwarz“

Raoul Roßmann ist indes skeptisch, ob das im großen Stil gelingt. „Wenn man sagt, man muss stationäre Händler befähigen, digital zu denken“ sei das „ja alles völliger Blödsinn.“ Zehntausende Händler würden heute in ihren Läden beispielsweise Adidas-Schuhe verkaufen. Wenn diese jetzt damit anfangen, die Schuhe zusätzlich online zu verkaufen, funktioniere das nicht, so Roßmann. Nur die jeweils ersten drei Anbieter, die bei Amazon, Zalando oder in der Google-Suche oben erscheinen, hätten eine Chance, ein Geschäft zu machen. „Für die Mehrheit sehe ich schwarz“, so Roßmann.

Das eigene Unternehmen sieht der Juniorchef dagegen gut aufgestellt, zumal das Internet im Drogeriehandel bislang eine untergeordnete Rolle spielt. Eine Kooperation mit Amazon Prime Now hatte das Unternehmen bereits 2019, nach knapp zwei Jahren, eingestellt. Die Zusammenarbeit habe sich für Roßmann wegen des hohen Logistik- und Kommissionieraufwands nicht gelohnt. „Wenn jemand für 100 Euro bestellt hat, dann sind für uns am Ende des Tages zehn Euro übrig geblieben“, so Roßmann. „Kostentechnisch ist das alles gar nicht abbildbar in unserem Segment.“ 

Auch Amazon könne zahlreiche Drogerieartikel nur anbieten, weil das Unternehmen über Erträge aus anderen Sparten verfüge. Neben dieser „Quersubventionierung" und steuerlichen Vorteilen kritisiert Roßmann vor allem die ungleiche Behandlung von Onlinehändlern und stationären Anbietern in punkto Haftungspflichten. Bislang haftet ein Online-Riese wie Amazon nur, wenn er Kenntnis davon hat, dass sich illegale Produkte eines Händlers auf seiner Plattform befinden. Eine Pflicht, das dort Feilgebotene auf illegale Ware zu sichten, besteht nicht. Anbieter riskieren erst dann, das Haftungsprivileg zu verlieren, wenn sie nach einem Hinweis offenkundig illegale Produkte nicht entfernen. Plagiate sind dabei das bekannteste Problem. 


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Aber auch unsichere Produkte, zum Beispiel falsch gekennzeichnete oder verunreinigte Kosmetika, die chinesische Händler auf den großen Portalen anbieten, bereiten der Branche Sorge. Bereits vor zwei Jahren hatten Rossmann, dm und Douglas in einem Brandbrief an die Bundesregierung gefordert, Plattformen für die Produktsicherheit ihrer Angebote in die Haftung zu nehmen. Bis heute sei jedoch nichts passiert, sagt Roßmann. Immerhin wolle die EU jetzt handeln. So erklärte jüngst Binnenmarktkommissar Thierry Breton zum Auftakt der Konsultation: „Wir wollen noch vor Jahresende klare Regeln vorschlagen, um die Verantwortung der Plattformen für den Schutz unserer Bürger und unserer Werte zu definieren – ohne sie für alle Inhalte haftbar zu machen.“

Für den streitbaren Drogisten dürfte das nur ein Zwischenerfolg sein. „Ich lege immer wieder den Finger in die Wunde und hoffe“, sagt Roßmann, „dass das Thema immer mehr durchdringt“. Auch dabei dürfte er sich mit seinem Vater durchaus einig sein. 

Mehr zum Thema: Hier hören Sie das Chefgespräch mit dem Sohn des Rossmann-Gründers Raoul Roßmann im Podcast. 

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