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Rückrufe bei Lebensmitteln Mäuse bei Ikea, Plastik im Spinat

Um Rückruf wird gebeten: Auch Babynahrung wurde aus dem Verkehr gezogen. Quelle: imago

Seit Jahresanfang gab es bereits 28 Rückrufaktionen von gefährlichen und unhygienischen Lebensmitteln. Geht es in diesem Tempo weiter, steuert die Lebensmittelbranche 2018 auf einen neuen Rekord zu.

Plastikteile in der Salami, Datteln mit Hepatitis-A-Erregern und aufplatzgefährdete Kindersekt-Flaschen – seit Anfang des Jahres hat das staatliche Internetportal lebensmittelwarnung.de bereits 28 Mal vor gefährlichen und unhygienischen Lebensmitteln gewarnt und über entsprechende Rückrufaktionen informiert. Im Vorjahr listete die von Bund und Ländern betriebene Seite zu diesem Zeitpunkt nur acht Warnhinweise auf. Geht es in diesem Tempo weiter, steuert die Lebensmittelbranche 2018 auf einen neuen Rückrufrekord zu.

Nicht nur die Zahl der Meldungen überrascht, sondern auch ihre Inhalte. So zog Iglo im Januar eine Charge Rahmspinat aus dem Verkehr, nachdem darin „kleine schwarze Plastikteile von ca. 8 mm Länge“ gefunden worden waren. Zuvor hatte die Drogeriekette Rossmann Milchnahrung des französischen Molkereikonzerns Lactalis wegen Salmonellengefahr zurückgerufen. Wettbewerber dm fand in Babygläschen Rückstände eines chlorhaltigen Reinigungsmittels. Bei Ikea kontaminierten Mäuse die Produktion von Schaumkonfekt. Aldi Nord rief Spargel zurück – wegen vereinzelter Glassplitter, Lidl einen Fertigblätterteig mit „Metallfremdkörpern“ und Kaufland Delikatess-Bockwürste, weil nicht ausgeschlossen werden könne, „dass sich in einzelnen Verpackungen Bockwurst mit Käse befindet“.

Über die Gründe für den Anstieg der Rückrufe seit Jahresbeginn rätseln Experten. Langfristig gelten die immer komplexeren, weltweiten Lieferketten und mehr Nahrungsmittelimporte aus Asien als Faktoren. Zudem würden Hersteller und Händler heute stärker auf Gesundheitsrisiken durch Unverträglichkeiten und Allergien achten.

Motten in einem frischen Edeka-Produkt

Laut einer im Dezember veröffentlichten Analyse des Industrieversicherers Allianz Global Corporate & Specialty steigen in der Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie auch international die Rückrufzahlen. Nur in der Autoindustrie waren die Schäden 2017 höher. Nicht deklarierte Allergene und Fehler bei der Beschriftung sowie Krankheitserreger und „die Kontamination mit Glas-, Kunststoff- und Metallteilen“ sind demnach die häufigsten Ursachen für Lebensmittelrückrufe.

Edekas Mandel-Motten

Trotz der steigenden Risiken, wird es Verbrauchern noch immer schwer gemacht, auf Mängel und Risiken hinzuweisen, zeigt ein Fall aus Berlin. Dort hatte eine Kundin in ihrem Edeka-Supermarkt blanchierte Mandeln gekauft. „Mindestens haltbar bis 29.03.2018“, stand auf der Verpackung. Doch beim genaueren Blick auf die verschlossene Tüte verging ihrer Familie der Appetit. Im Inneren krabbelten Insekten zwischen den Mandelscheiben – vermutlich Lebensmittelmotten. Sie filmte die Mandelmotten und kontaktierte Edeka via Facebook. Dort wurde sie an den Kundenservice verwiesen und erhielt auf Nachfrage eine Mail mit einem umständlichen Formular im Anhang, ein sogenanntes Produktdatenblatt. „Die dort vom Kunden eingetragenen Produktdaten“ – darunter Mindesthaltbarkeitsdatum, Charge und Lieferantenkürzel – „benötigt unsere Qualitätssicherung, um jedem Einzelfall konkret nachgehen zu können“, heißt es bei Edeka dazu. Ein nicht unerheblicher Aufwand.

Doch auch telefonisch gab es keine einfache Lösung. „Die Frau vom Kundenservice war sehr patzig“, erinnert sich die Berlinerin. Zwei weitere Mails an Edeka folgten. „Auf beide Emails erhielt ich keine Resonanz“. Edeka liegen diese Mails nach eigenen Angaben nicht vor. Schließlich brachte sie die Ware samt Lebendinhalt wieder in die Filiale, wo der Marktleiter die Mandel-Motten „grummelnd“ entgegen genommen habe. Etwas später habe Edeka dann einem Warengutschein über fünf Euro geschickt.

Tatsächlich ging es der Berliner Kundin und ihrer Familie darum, auf das Problem aufmerksam zu machen, nicht um einen Gutschein. Doch der Ablauf zeigt, wie schwierig und aufwendig das in der Praxis schnell werden kann. Edeka bedauert es, dass das Prozedere „nicht zur Zufriedenheit der Kundin erfolgt ist“. Bleibt die Hoffnung, dass Händler schneller agieren, wenn es um ernstere Gefahren als Insekten geht.

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