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Schlappe für Edeka Kartellamt untersagt Tengelmann-Übernahme

Edeka darf die Filialen des Lebensmittehändlers Kaiser's Tengelmann vorerst nicht übernehmen. Das Bundeskartellamt hat dem Mega-Deal einen Riegel vorgeschoben. Doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

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Im Streit um die geplante Übernahme der Supermarktkette Kaiser's Tengelmann durch Edeka hat das Bundeskartellamt eine Entscheidung getroffen. Quelle: dpa

Es ist ein Satz mit 99 Zeichen und einem Punkt, der nach Ausrufezeichen klingt: "Das Bundeskartellamt hat den Erwerb von rund 450 Kaiser’s Tengelmann Filialen durch Edeka untersagt." So steht es in der Mitteilung zur Kartellamts-Entscheidung zum größten Übernahmeplan im deutschen Lebensmittelhandel seit langem.

Bis auf weiteres ist damit auch der abgespeckte Traum des Edeka-Chefs Markus Mosa, wenigstens drei Viertel der 451 Tengelmann-Filialen übernehmen zu können, auf Eis gelegt.

Zu groß waren die Bedenken der Wettbewerbshüter, dass Edeka - mit einem Marktanteil von 25 Prozent schon jetzt die klare Nummer 1 im Lebensmittelhandel - durch den Zuwachs mancherorts eine "marktbeherrschende Stellung" aufbaut. Zu stark die Sorge, dass die Lebensmittelproduzenten bei den Verhandlungen mit Edeka und den anderen verbleibenden großen Händlern vollends das Nachsehen haben.

Dass Kaiser's Tengelmann mit gerade einmal 0,6 Prozent Marktanteil eigentlich ein Zwerg im Lebensmittelhandel ist, lässt das Kartellamt als Argument nicht gelten. "In diesem Fall kommt es vor allem auf die Marktverhältnisse vor Ort an", so Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamtes. "Der Verweis auf den relativ geringen bundesweiten Marktanteil von Kaiser’s Tengelmann geht an der Sache vorbei. Niemand fährt zum Einkaufen quer durch Deutschland oder auch nur quer durch eine Großstadt."

In vielen Stadtteilen der Metropolen Berlin, München und Düsseldorf sowie einigen Markträumen in Oberbayern und NRW sei Kaiser’s Tengelmann der stärkste Wettbewerber der Handelsgrößen Edeka und Rewe. Das Ausscheiden des Händlers würde die Auswahlmöglichkeiten der Verbraucher vor Ort erheblich reduzieren, begründet Mundt die Entscheidung.

Edeka braucht Tengelmann

Obwohl die Entscheidung nach den erheblichen Bedenken des Kartellamts erwartbar war, ist die Entscheidung ein herber Rückschlag für Edeka. Aus der Unternehmenszentrale hieß es, man habe das Verbot der Wettbewerbsbehörde „mit großer Verwunderung und Enttäuschung“ zur Kenntnis genommen. Kein Wunder: Für die Wachstumspläne des Handelsriesen kämen die Tengelmann-Filialen mehr als nur gelegen.

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Rund 11.600 Edeka- und ebenfalls zum Konzern gehörenden Netto-Märkte gibt es derzeit in Deutschland. Da bleibt wenig Platz, um durch die Eröffnung zusätzlicher Filialen zu wachsen, ohne den bestehenden Kunden wegzunehmen. Deshalb kämen die bestehenden Tengelmann-Filialen gerade recht, zumal Edeka kurzfristig kaum Chancen hat, im Ausland zu wachsen.

Vor wenigen Tagen war der Konzern deshalb noch einen kleinen Schritt auf das Kartellamt zugegangen und hatte offenbar angeboten, nur rund 350 der 451 Tengelmann Filialen übernehmen zu wollen. Für die Wettbewerbshüter ging das weit genug. Die vorgelegten Kompromissvorschläge seien "nicht geeignet, die vom Bundeskartellamt festgestellten wettbewerblichen Probleme auf den betroffenen Märkten zu lösen."

Nach Einschätzung der Wettbewerbsbehörde hätte der Handelsriese im Interesse des Wettbewerbs im Höchstfall rund ein Drittel der Kaiser's Tengelmann-Supermärkte - insgesamt 150 bis 170 Geschäfte - übernehmen können. Es gebe eine ganze Reihe konkreter Hinweise auf alternative Interessenten für Teilnetze, hieß es im Kartellamt.

Wie es für Edeka und Tengelmann weitergeht

Zufrieden mit der Entscheidung dürfte hingegen Alain Caparros sein. Der Rewe-Chef hat nie einen Hehl daraus gemacht, was er von den Zuwachsplänen seines Erzrivalen hält. Noch am Dienstag gab er sich anlässlich der Präsentation der Rewe-Jahreszahlen besonders kämpferisch: Er werde „alles probieren - mit fairen Methoden und nur legal“, dass Edeka Kaiser's Tengelmann nicht bekomme, so Caparros.

Tengelmann-Chef will aussteigen

Wie es derweil mit den Tengelmann-Filialen weitergeht, ist nicht klar. Daran, dass er aus dem Lebensmittelhandel aussteigen will, hat Eigentümer Karl-Erivan Haub wenig Zweifel gelassen. Er sehe "keine Perspektive mehr", die schon lange defizitäre Supermarktkette "aus eigener Kraft" profitabel zu machen, erklärte Haub im vergangenen Jahr. Andere Unternehmensteile sollen in den Fokus des Familienimperiums rücken, der Textildiscounter Kik zum Beispiel.

Rewe-Chef Caparros hatte zuletzt wiederholt sein eigenes Unternehmen als Übernahmepartner für Tengelmann ins Spiel gebracht. Dass das Kartellamt dem Plan ohne Abstriche zustimmen würde, gilt als unwahrscheinlich. Immerhin ist Rewe mit 16 Prozent Marktanteil die Nummer zwei der Branche.

Möglich - und von der Kartellbehörde sicher favorisiert - wäre der Einstieg von Drittanbietern, also kleinen oder ausländischen Händlern. Doch etwaige Kandidaten halten sich bislang bedeckt.

Die Pläne von Edeka

Kaiser's Tengelmann und Edeka gaben an, nun rasch über ihr weiteres Vorgehen entscheiden zu wollen. Beide Unternehmen betonten, sie würden nun die Argumentation des Amtes ausgiebig prüfen. In Argumentation pochen die Händler weiter darauf, durch die Übernahme auch Sicherheit für die Angestellten schaffen zu wollen. So heißt es aus der Tengelmann-Pressestelle: "Die Entscheidung der Wettbewerbsbehörde führt leider zu größter und vor allem vermeidbarer Unsicherheit bei unseren 16.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei Kaiser's Tengelmann, die nun weiterhin um ihren Arbeitsplatz bangen statt sich auf eine sichere Zukunft im Edeka-Verbund verlassen zu können."

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Nach wie vor sei es das erklärte Ziel von Tengelmann, die eigene Supermarktkette als Ganzes in andere Hände zu geben und unter allen Umständen eine Zerschlagung und den damit verbundenen Verlust vieler Arbeitsplätze zu vermeiden.

Die Kartellamtsentscheidung muss dabei in der Tat nicht das endgültige Aus der Übernahmepläne bedeuten. Es bleibt der Gang zum Oberlandesgericht Düsseldorf. Dort können die Beteiligten innerhalb eines Monats Beschwerde gegen die Entscheidung einlegen und darauf hoffen, dass die Richter den Fall anders bewerten. Zudem könnte Edeka versuchen, eine Ministererlaubnis zu erwirken: Stimmt Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) der Übernahme zu, wäre das "Nein" des Kartellamts hinfällig.

Gabriel ließ allerdings über seine Sprecherin mitteilen: "Eine Ministererlaubnis steht für uns nicht zur Debatte." Es sei aber Sache der Unternehmen, wie sie mit der Kartellamtsentscheidung umgehen und ob sie Rechtsmittel ergreifen wollen.

Mit Material von dpa

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