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Schließung von Karstadt-Kaufhof-Filialen „Bürgermeister, vereinigt euch!“

Thomas Feser, 55, ist seit 2012 Oberbürgermeister der Stadt Bingen am Rhein. Quelle: privat

Als Anführer der „Wutbürgermeister“ sorgte Thomas Feser für ordentlich Wirbel, um die Stadt Bingen am Rhein nach der Schließung von Hertie vor der Verödung zu retten. Was er betroffenen Kommunen heute rät.

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Thomas Feser, 55, ist seit 2012 Oberbürgermeister der Stadt Bingen am Rhein und stellvertretendes Vorstandsmitglied im Städtetag von Rheinland-Pfalz. Von 2013 bis 2017 führt er die Gruppe der 34 deutschen Bürgermeister an, die von der Deutschen Bank eine Verwertung der geschlossenen Hertie-Warenhäuser in ihren Städten forderten. Die Wutbürgermeister, wie die Medien sie nannten, hatten Erfolg.

WirtschaftsWoche: Herr Feser, in mindestens 47 deutschen Städten schließt Galeria Karstadt Kaufhof nun Warenhäuser. Drohen diesen Kommunen nun Shopping-Ruinen in bester Lage wie sie noch viele Jahre nach der Hertie-Pleite in 34 deutschen Städten standen?
Feser: Das hängt sicher vom Einzelfall ab, von den Eigentumsverhältnissen etwa und vielem mehr. Aber die Städte sitzen alle in einem Boot. Sie müssen attraktive Angebote machen, damit aus ihren Einkaufsstraßen nicht Geisterstädte werden. Für eine Kommune ist es ein Desaster, wenn ein Warenhaus mit seiner bisherigen Magnetwirkung schließt. Eine Hängepartie bei der Nachnutzung von Gebäude und Grundstück würde die Entwicklung lähmen. Und das ausgerechnet jetzt, wo es nach dem Corona-Lockdown darum gehen muss, die Menschen wieder in die Städte zu holen.

Was können die Kommunen tun?
Auf keinen Fall einfach abwarten. Alleine hat ein kleiner Bürgermeister wenig Durchsetzungskraft. Aber viele kleine Bürgermeister entfalten enorme Kraft und erreichen was. Die sitzen ja alle in einem Boot.

Bürgermeister aller Warenhaus-Standorte, vereinigt euch?
Genau.

Aber was können die Stadtoberhäupter tun?
Gemeinsam agieren. Der Auftrag ist: Vereinigt euch, stellt klar Eure Forderungen und legt permanent den Finger in die Wunde.

Ist die Situation wirklich vergleichbar? Die meisten der jetzt betroffenen Städte sind deutlich größer als diejenigen, die Sie nach der Hertie-Pleite vertreten haben.
Die meisten der Städte, wo nun Galeria-Karstadt-Kaufhof-Filialen schließen, sind Oberzentren mit großem Einzugsgebiet. Deren Situation ist nicht anders als unsere damals. Die müssen sich zusammen tun, und einer muss die Interessen bündeln.

Im Fall der Hertie-Immobilien waren Sie das.
Ja. Ich war Ansprechpartner, Problembock, Diplomat und Rampensau. Für so eine Aufgabe müssen Sie Leidenschaft haben. Einfach war es nicht. Aber mir hat das auch Spaß gemacht. Wir 34 Bürgermeister waren uns einig: Wir ziehen an einem Strang, bis wirklich alle 34 Immobilien vermarktet sind. Und das haben wir geschafft.

Rampensau?
Der entscheidende Mann war für uns der damalige Deutsche-Bank-Co-Vorstandschef Jürgen Fitschen. Beim Termin in Frankfurt hab ich gedroht: Wenn nicht endlich in die Verhandlungen über die Immobilien Bewegung kommt, dann mach ich euch die Hölle heiß. Ich war, wie man bei uns sagt, emotional ´n bissche hart druff gwese im Gespräch mit Fitschen.

Was war am Ende der Knackpunkt?
Überwiegend war es am Schluss eine Preisfrage. Die Deutsche Bank hatte sehr lange überzogene Erwartungen, wie viel Geld Investoren für die Immobilien auf den Tisch legen sollten. Wir Bürgermeister haben Strippen gezogen und haben mit beiden Seiten gefeilscht, bis es irgendwann passte.

Die meisten der Galeria-Standorte, die nun schließen, sind aber im Streubesitz. Da gibt es nicht einen Ansprechpartner, sondern viele.
Die Bürgermeister müssen eine Strategie entwickeln und koordiniert auf die verschiedenen Immobilienbesitzer zugehen. Es geht darum, die Eigentümer davon zu überzeugen, die Immobilien in dieser zentralen Lage nicht rein wirtschaftlich zu sehen. Warenhaus-Standorte haben – mit oder ohne Warenhaus – eine ganz zentrale Bedeutung für die Zukunft der Stadtzentren.

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Was das Aus der 62 Galeria-Karstadt-Kaufhof-Filialen für die 47 betroffenen Städte bedeuten kann, zeigen die Folgen der Hertie-Pleite von 2008. Erst eine organisierte Gruppe von 34 „Wutbürgermeistern“ sorgte Jahre später für eine neue Nutzung der Ruinen in zentraler Lage. In einigen Städten allerdings sind die Lücken, die Hertie gerissen hat, bis heute nicht geschlossen.

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