Serdar Somuncu

Weihnachten, die Zeit der Besinnungslosigkeit

Wenigstens an Weihnachten ist unser Kolumnist gerne Muslim – so erspart er sich viel Stress.

Serdar Somuncu ist Kabarettist und Buchautor. Quelle: Laif

Ganz ehrlich: Das einzige Mal im Jahr, dass ich froh bin, Muslim zu sein, ist Weihnachten. Kein Stress, kein langweiliger Chill-out mit der buckligen Verwandtschaft. Nur Ruhe. Drei Tage nichts.

Ich habe dieses Fest noch nie verstanden. Ich weiß, es geht um Familie und Zusammensein, Geborgenheit und besinnungslose Besinnlichkeit, aber ich habe es noch nie erlebt, dass es nachher besser war als vorher. Im Gegenteil. Das fängt ja jetzt schon an. Advent, Advent ein Lichtlein brennt. Lauwarmen Glühwein auf dem noch laueren Weihnachtsmarkt, Geschenke hier, Gerichte da.

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Von wegen Besinnlichkeit! Es geht doch vor allem um zweierlei: das florierende Geschäft und um gekünstelte Beschaulichkeit. Damit ich das nicht vergesse, hämmert die Werbung mir das dauerschleifenmäßig in die Birne: Die Leute sollen kaufen. Und zwar wie blöd. Den Schrott, den sie das ganze Jahr über schon kaufen. Nur halt jetzt als Geschenk verpackt. Und mit Anlass.

Werfen wir doch heute schon einen Blick in die Mitte des Januars, und wir können darauf wetten, dass nach dem Fest schon wieder vor dem Fest ist. What comes next? Die Weihnachtsdiät. Peter Klöppel gibt Ratschläge, wie man die Pfunde wieder los wird.

Kommerzialisierung der Traditionen

Wir machen, was wir EZB-Präsident Mario Draghi mit Blick auf unser Geld vorwerfen und was dem doch nicht gelingt, umso perfektionierter mit unserem Gefühlsleben: Wir inflationieren einfach alles. Die heimelige Stimmung, das Beisammensein-Sollen, das Mitgefühl. Es gibt nichts, was man für sich behalten kann. Alles wird kollektiv zelebriert, zerredet, zertrampelt und vermarktet. Alle tun zur gleichen Zeit das Gleiche. Und nichts ist mehr einzigartig. Vielleicht will ich im Juni Weihnachten feiern. Vielleicht im März eine Gans verspeisen, aber die Kommerzialisierung unserer Tradition ist so weit fortgeschritten, dass sie nur dann Ausnahmen macht, wenn die Ausnahme selbst ein Verkaufsargument ist.

Die Dos and Dont‘s auf der Weihnachtsfeier

Stellen Sie sich mal vor, man würde Weihnachten wirklich in sich gehen und nutzen für eine Auseinandersetzung mit sich und seinem seltsamen Verhalten. So eine Art Katharsis, in der man sein Jahr hinterfragt, umstellt und sich Vorsätze macht, die man dann im nächsten Jahr tatsächlich auch einhält.

Weihnachten ohne Geschenke und Gemeinschaftsfraß, ohne Klunker und Klingeling. Nur so. Als Denkdiät? Als ganze individuelle Gemeinschafts-Hype-Deflation.

Oh mein Gott.

In Arbeit
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Auch keine schöne Vorstellung. Also bleiben wir dabei: Weihnachten, das als Winterbrauchtums-Nächstenliebe-Ritual getarnte Fest der seelischen wie kulinarischen Völlerei. Instantspiritualität auf Kalenderblatt.

Alternativlos, offenbar. Bin ich froh, dass es nur ein Fest ist.

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