1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Handel
  4. Vaude, Globetrotter & Co.: Sharing Economy in der Outdoor-Branche

Sharing Economy in der Outdoor-Branche„Wir wollen zirkuläre Geschäftsmodelle etablieren“

Weniger besitzen, mehr benutzen: In der Outdoor-Branche versuchen Hersteller und Händler wie Vaude und Globetrotter, das Verleihen von Ausrüstung und Kleidung zu etablieren. Der Aufwand ist hoch, der Erfolg noch überschaubar.Stephan Knieps 02.12.2023 - 11:26 Uhr

Der schwäbische Hersteller Vaude bietet Kleidung und Ausrüstung wie Zelte und Schlafsäcke zur Miete an.

Foto: dpa Picture-Alliance

Modehersteller, die sich mit Nachhaltigkeit brüsten, stehen vor einem Dilemma: Je mehr sie produzieren und verkaufen, desto weniger passt es zu ihrem Anspruch. Denn der Überkonsum, darin sind sich Experten einig, ist das größte Klimaproblem der Modebranche. Wie aber ist Wachstum möglich, ohne (viel) mehr zu verkaufen? Die Strategie, die Menge zu begrenzen und einfach die Preise stetig zu erhöhen, dürfte rasch an ihre Grenzen stoßen. Die Branche sucht deshalb nach weiteren Geschäftsmodellen. So wie auch Vaude. Der Sportartikel- und Outdoor-Equipmenthersteller, benannt nach den Initialen der Gründerfamilie von Dewitz, sitzt seit der Gründung 1974 in Tettnang am Bodensee. Und vor rund fünf Jahren startete das Familienunternehmen ein Experiment: Kleidung und Ausrüstung mieten.

Dass Vaude sich um Nachhaltigkeit und Klimaschutz bemüht, konnte man einmal mehr Ende November auf der diesjährigen Ispo beobachten, der weltgrößten Sportartikelmesse in München. Dort war Vaude nicht bloß mit einem Stand vertreten, sondern trat überdies als Sponsor eines sogenannten Sustainability Hubs auf. Dort konnten sich Besucher etwa über kreislauffähige, biobasierte Materialien informieren. Einen Tresen des Vaude-Messestands schmückte eine silberfarbene Kugel: Die Siegertrophäe des Deutschen Nachhaltigkeitspreises, den Vaude eine Woche zuvor in der Kategorie „Transformationsfeld Gesellschaft/Wertschöpfungskette“ gewonnen hatte.

Und selbst die Organisation Greenpeace, nicht für Milde bekannt, stellte Vaude im Mai ein für ihre Verhältnisse sehr gutes Zeugnis aus: Bei einer Überprüfung von 14 verschiedenen Nachhaltigkeits-Labels in der Modeindustrie bescheinigte Greenpeace elf Labels Greenwashing. Die Vaude-eigene Plakette namens „Green Shape“ erhielt von Greenpeace den „Grünen Daumen nach oben“ und damit die beste Bewertung.

Vestiaire Collective

Aus Alt mach Heu

Maximilian Bittner hat für die Samwer-Brüder in Südostasien Amazon kopiert. Nun führt er Vestiaire Collective, Europas größte Verkaufsplattform für Secondhand-Luxusmode. Was er mit dem Milliarden-Start-up noch vorhat.

von Stephan Knieps

„Wir wollen zirkuläre Geschäftsmodelle etablieren“, sagt Benedikt Tröster von Vaude am Messestand. „Das bedeutet: Das Geschäft erweitern auf Nachhaltigkeit in allen Facetten.“ Dazu zählt auch das Verleihen. Vaude hat das Geschäft nicht erfunden. Aber in Deutschland gibt es kaum Hersteller in dieser Größenordnung (Umsatz: rund 150 Millionen Euro), die das Konzept anbieten. Wettbewerber Schöffel ist 2020 in Kooperation mit Intersport mit dem Verleih von Bekleidung gestartet, allerdings nur in Österreich und beschränkt auf Ski-Bekleidung. Bei Vaude ist der Miet-Service eine Weiterentwicklung des internen Ausrüstungsverleihs für Mitarbeiter. Aber auch die Camp- und Touren-Wochenenden, die das Unternehmen seit rund zehn Jahren regelmäßig anbietet, spielten eine Rolle: Zusammen mit unterschiedlichen Partnern veranstaltet Vaude für bis zu 50 Teilnehmer geführte Wochenend-Ausflüge in die Natur. Mal sind es Skitouren, mal Bergkletter- oder Mountainbike-Camps, mal Campingtrips. Die Teilnehmer dürfen sich während des Camps aus einem Pool an Vaude-Ausrüstung und -kleidung bedienen, um sie für das Wochenende zu testen. 

2018 habe Vaude das Verleihen auch für Kunden außerhalb dieser Touren angeboten, zunächst aber beschränkt auf die eigenen Geschäfte, so Tröster. Ein Jahr später erweiterte Vaude das Angebot auf ganz Deutschland, indem die Firma die Online-Ausleihe einführte, in Kombination mit Post-Versand. Doch nach wenigen Monaten stellte Vaude das Angebot zunächst wieder ein. „Wir mussten systematisch und besonders IT-technisch nachbessern“, berichtet Tröster.

In der Praxis erweist sich das Verleihen als komplex

Das Unternehmen stellte fest, dass eine gute Idee auch einer guten Umsetzung bedarf. Und in der Praxis sei das Geschäftsmodell recht komplex, erzählt der Vaude-Mann. Das bestätigt auch Philipp Gramse. Der Manager leitete viele Jahre die Hannover-Filiale des Hamburger Outdoor-Ausrüstungs- und -Modehändlers Globetrotter. Seit dem Frühjahr trägt er beim Unternehmen den neu geschaffenen Titel Senior Product Lifecycle Manager. In der Abteilung bündelt Globetrotter alle Maßnahmen zur Lebensverlängerung der angebotenen Produkte: Werkstatt, Second-Hand, Recycling, Upcycling (etwa aus alten Isomatten Taschen herstellen) sowie das Verleih-Geschäft.

Familienunternehmer Peter Schöffel

„Jetzt schieben alle Branchen diese riesigen Warenberge auf die Märkte“

Peter Schöffel ist ein Veteran der Outdoor-Branche. Im Interview spricht er über den neuen Geschäftsbereich Arbeitskleidung, die schwierigen Entscheidungen der Nachhaltigkeitsziele und den Einstieg seines Sohnes.

von Stephan Knieps

Den Mietservice führte Globetrotter im Sommer 2020 ein. Der Händler beschränkt sich auf Ausrüstung wie Zelte, Rucksäcke, Kajaks, Fahrräder und Outdoor-Küchen; Bekleidung kann man nicht leihen. Und auch wenn Globetrotter das Angebot online und damit theoretisch überall anbietet: „Mehr als 70 Prozent der Kunden holen es selbst ab“, sagt Gramse. „Die meisten wollen eben zunächst eine Beratung und entscheiden dann, welche Ausrüstung sie benötigen.“ Und von den 21 Globetrotter-Filialen haben derzeit nur acht Geschäfte die nötigen räumlichen Kapazitäten für das Verleih-Geschäft. Die neueren Globetrotter-Geschäfte sind zumeist kleiner und in zentraler Lage. Dort herrscht Platzmangel. Gramse: „Da steckt eine aufwendige Logistik hinter.“

Vaude holt sich Hilfe für das Verleih-Geschäft

Vaude holte sich nach den ersten Erfahrungen Hilfe. Für die Software bedient sich das Unternehmen bei der jungen französischen Software-Firma Lizee. Das Start-up hat für Hersteller und Händler ein datengesteuertes, sogenanntes Rental Management System (RMS) entwickelt: eine Plattform, auf der die Abwicklung des Verleihs im Geschäft und online bis hin zum Versand verwaltet werden kann, später dann auch Rückgabe, Aufarbeitung und schließlich erneuter Verleih. Auch Firmen wie Adidas, Decathlon und VF Corp (The North Face, Vans) haben laut Firmenangaben schon mit Lizee gearbeitet. 

Für die praktische Logistik und Aufbereitung der zurückgegebenen Produkte arbeitet Vaude mit dem niedersächsischen Dienstleister WKS zusammen. Dort prüfen, reinigen und reparieren Mitarbeiter bei Bedarf die Kleidung, wie Vaude in einem Video auf der Webseite zeigt. Bei Globetrotter übernehmen eigene Mitarbeiter in den Filialen die Aufbereitung der verliehenen Produkte nach der Rückgabe. Für die online ausgeliehenen und per Post zurückgesandten Stücke sind die Mitarbeiter im Globetrotter-Logistik-Zentrum in Ludwigslust zuständig.

Doch spielen für das Angebot wirklich vor allem Nachhaltigkeitsgründe eine entscheidende Rolle? Oder sind es auch finanzielle Gründe? Denn zwischen Mietgebühren und Neupreis liegt eine gehörige Spanne: Die dreilagige, wasserdichte „Hardshell“-Jacke „Monviso“, die Vaude für 450 Euro verkauft, gibt's für zwölf Euro am Tag auch zur Miete. Das 6-Personen-Zelt „Badawi Long“ für 22 Euro pro Tag (Neupreis: 1100 Euro). Und bei Globetrotter gibt es den Kindertrage-Rucksack von Deuter ab 20 Euro für drei Tage. Wer ihn nicht nur kurzzeitig benutzen, sondern dauerhaft besitzen will, zahlt 350 Euro.

„Es sind verschiedene Gründe für den Verleih“, sagt Philipp Gramse von Globetrotter: „Es gibt die Leute, die es aus Nachhaltigkeitsgründen machen, aber genauso gibt es Kunden, die die Dinge nur einmal im Jahr nutzen und Geld sparen oder auch Produkte einfach mal ausprobieren wollen.“

Bei Vaude heißt es etwas vage, das Verleih-Geschäft komme „super an“, sowohl bei den Kundinnen und Kunden, wie auch bei Politikern. Am häufigsten werden Zelte und Fahrrad-Packtaschen ausgeliehen. Finanziell jedoch spreche man von einem „zu vernachlässigenden Umsatzanteil“: Weniger als 50.000 Euro trage dieser Geschäftszweig bislang bei zum Gesamtumsatz von zuletzt rund 150 Millionen Euro. Globetrotter-Manager Gramse sagt, das Geschäft befinde sich „in der Aufbauphase“. Und er betont: „Ein Verlustgeschäft ist es nicht.“

Mehr Potenzial verspricht sich Vaude vorerst vom Geschäft mit gebrauchter Mode. Hier sei im nächsten Jahr ein sechsstelliger Umsatz geplant.

Lesen Sie auch: Müllberge aus Kleidung – auf diesen Halden in Ghana und Chile landet die Ultra-Fast-Fashion

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick