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Spitzenweine aus Hamburg oder Dortmund Was der Klimawandel für den Weinbau bedeutet

Weinbauern erleiden dank extremer Wetterbedingungen immer häufiger starke Schäden im Berg. Schreitet der Klimawandel so voran, verschiebt sich die Weltkarte des Weinanbaus. Zum Wohle deutscher Winzer.

Mittlerweile gibt es Weingärten in Hamburg und auf Föhr und Sylt. Quelle: dpa/Montage

Der 2. August 2013 war zunächst ein netter Sommertag in der Charente. Sonnig, vielleicht ein bisschen feuchtwarm. Erst am Abend um halb neun brauten sich die Wolken zu einer dunkelgrauen Masse zusammen, heftiger Wind setzte ein und dann der Hagel. „So groß wie Boule-Kugeln waren die Dinger“, erinnert sich Michel Martineau und formt mit beiden Händen einen Kreis. Zehn Minuten später war alles vorbei. Auch die Weinernte. Von den Trauben des Winzers war nichts mehr übrig. Nicht mal Blätter hatten die Hagelkörner am Stock gelassen.

Regen und Hagelschlag sind nicht ungewöhnlich im Weinbau. Doch die Extremwetterphänomene werden jedes Jahr mehr und heftiger. Das Bordelais verlor 2013 so fünf Prozent seiner Ernte. Dieses Jahr erwischte es das südwestfranzösische Languedoc am heftigsten. „Wir rechnen mit 60 Millionen Liter Verlust“, erklärt Philippe Vergnes, Präsident der Landwirtschaftskammer von Aude.

In Anbaugebieten weniger gemäßigter Zonen schlägt das Wetter noch brutaler zu. Ein arktischer Wirbelsturm zerstörte diesen Frühling in den nördlichen USA nicht nur einen großen Teil der Ernte. Bei Temperaturen von mehr als 20 Grad Celsius unter dem Mittelwert erfroren in den Finger Lakes und Niagara viele Rebstöcke. Doch auch wenn regelmäßige Extremwetterphänomene unter Forschern als ausgemacht gelten, könnten die langfristigen, weniger spektakulären Folgen des Klimawandels gravierender sein.

Zehn überraschende Fakten über Wein
Sonnenkollektoren und WeineAuf den ersten Blick haben Sonnenkollektoren und Wein nur eines gemeinsam: Sie benötigen Sonne. Im Zuge eines Handelsstreits zwischen Europa und China sind beide aber nun noch enger miteinander verbandelt. Die Ankündigung der EU, Strafzölle auf Sonnenkollektoren zu verhängen, beantworteten die Chinesen mit der Ankündigung von Strafzöllen für Europäischen Wein. Ein herber Schlag wäre das für europäische Winzer, denn der Anteil chinesischer Kundschaft steigt kräftig, vor allem der für die teuren Roten. Beides ist passé – keine Zölle. Weder für Kollektoren noch für Wein. Quelle: dpa
Champagner-SchutzDer Münchener Michael Nieder steht als Fachanwalt für gewerblichen Rechtsschutz nicht auf Anhieb im Verdacht, sich in der Kanzlei Klakla viel mit Champagner während der Arbeit zu beschäftigen. Tatsächlich aber verlieh ihm als zweiten Deutschen die Corporation des Vignerons e Champagne Saint-Vincent die goldene Ehrenmedaille. Verdient hat er sich diese Auszeichnung in 400 Rechtsfällen in den vergangenen 32 Jahren, in den Niedel das Markenrecht in Deutschland des Begriffs „Champagner“ schützte. Verhindert hat Niedel – ganz im Sinne der Franzosen – dass Produkte von Pflegemitteln bis zu Duftstoffen mit dem Zusatz „Champagner“ versehen werden. Quelle: Presse
Wein im BeutelSauerstoff ist der größte Feind des Weines, sobald er in der Flasche ist. Was dem Eisen der Rost, sind dem Wein die Noten, die er bekommt, wenn er oxidiert. Ein wenig Oxidation ist gewollt, beim jahre- gar jahrzehntelangen Reifen in der Flasche oder auch im Glas, damit er sich ein wenig ordnet. Doch eine geöffnete Flasche ist nicht lange gleich gut. Wein aus Beuteln in der 3-Liter-Größe sind für den ganz großen Durst. Genau am anderen Ende der Skala bewegt sich Oneglass. Eine Portion im Beutel, aufzureißen wie ein Sportgel. Für zwischendurch, zum Mitnehmen – und garantiert rostfrei. Quelle: Presse
Sylt-WeinIn diesem Bild ist kein Fehler versteckt. Und doch sieht es so aus. Auf der Homepage des Rheingauer Weinguts Balthasar Ress sind die gutseigenen Lagen verzeichnet. Und? Fällt etwas auf? Richtig. Keitum. Sylt. Kein Scherz, kein Versehen, keine komische Sache. Ress baut tatsächlich in dem possierlichen Dörfchen auf Sylt Wein an. Und er ist wohl nicht mal schlecht. Auf jeden Fall ist er rasch ausverkauft. Damit ist Sylt um einen weiteren Superlativ reicher: Nördlichstes Weinbaugebiet Deutschlands. Quelle: Presse
SchützenhilfeDer badische Winzer und Präsident des Fußballclubs SC Freiburg, Fritz Keller (rechts), pflegt schon seit einigen Jahren eine enge Partnerschaft mit dem Lebensmitteldiscounter Aldi. Unter Kellers Ägide bauen mehrere hundert Winzer mit teils winzigen Parzellen, die sie dem Erbrecht zu verdanken haben, den Wein so an, dass Keller seinen Namen dafür hergibt. Nun taucht ein weiterer großer Name in Deutschland auf. Michel Rolland, der als Weinberater im Bordeaux einige sehr renommierte und sündhaft teure Güter berät. Für Edeka in Deutschland ist Rolland nun tätig geworden und ist verantwortlich für eine Cuvée, die für unter 10 Euro weit weniger kostet als vieles, was Rolland sonst verantwortet. Quelle: dpa
WeinfotosKein Geld für teure Weine? Und keine Zeit, die sagenumwobenen Kellereien zu besuchen? An der Architektur der Weinkeller haben sich zahlreiche Fotografen abgearbeitet. Der Wiesbadener Fotograf Rafael Neff war in einigen der bekanntesten Weingüter der Welt unterwegs und hat die Keller mitsamt der Fässer als beeindruckend inszenierte Stillleben fotografiert. Die Bilder sind nicht günstig, werden aber im Gegensatz zu den Weinen beim Genuss nicht vernichtet. Quelle: KNA
Bekannte WinzerGerard Dépardieu. Francis Ford Coppola. Günter Jauch. Nein – haben alle etwas miteinander zu tun, auch wenn es zunächst nicht so scheint. Ihnen gehören Weingüter. Bei Fernsehmoderator Jauch ist es das renommierte Gut von Othegraven an der Saar. Die Toten Hosen haben zwar keinen eigenen Wein, aber mit dem „Weißes Rauschen“ vom Weingut Tesch an der Nahe einen Riesling, der zusammen mit ihnen produziert wurde. Quelle: dpa

Wein wächst in gemäßigten Breitengraden. Auf der Nordhalbkugel ist das etwa zwischen Mainz und dem Maghreb-Gebirge. Heizt sich das Klima auf, ändern sich die Wachstumsbedingungen. „Der Austrieb kommt jedes Jahr früher“, sagt Pierre Frick, elsässischer Biowinzer. „Kommt im Frühling Frost, sind die Triebe hin.“ Um der Hitze zu trotzen, können Winzer auf geeignete Rebsorten zurückgreifen. Auch mit einer schattigen Hang- oder Höhenlage und dem richtigen Rebschnitt können sie die Trauben vor zu viel Hitze schützen. Nachts zu ernten und dann den Traubensaft in einem gekühlten Tank zu vergären ist bereits jetzt schon eine gern angewandte Praxis.

Kampf gegen die Natur

Manche Winzer versuchen verzweifelt, die Natur selbst zu ändern. Im Burgund schossen unlängst 30 Kanonen Silberjodid in die Wolken, die die Hagelkörner schmelzen sollten. In Kanada verwirbeln Windmaschinen und Hubschrauber die Luft, um Frostschäden zu vermeiden.

Studien gehen davon aus, dass mittelfristig große Teile der weltweiten Anbaufläche nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben sein werden. Die Wasserversorgung könnte das größte Problem werden. In Chile etwa stehen bereits heute 95 Prozent aller Reben unter Wasserstress. Bei geringeren Niederschlagsmengen könnte das Grundwasser noch weiter absinken.

Der Klimawandel verändert den Weinanbau
Bei vier Grad Erwärmung lägen die Bedingungen der Champagne in England.
An der Südküste Australiens würde die Weinqualität leiden.
Auch in den USA würden sich die idealen Anbaugebiete verlagern.
Und in Neuseeland würde es für Weinanbau im Norden zu heiß.

Am härtesten wird es wohl Australien treffen, dessen heutiger Premierminister Tony Abbott die Daten zum Klimawandel einmal schlicht als „Mist“ bezeichnete. Schon jetzt sinkt die Produktion Jahr für Jahr. Mehr als 70 Prozent der Anbaufläche könnten ausfallen, rechneten Wissenschaftler der University of Texas vor. Experten befürchten, dass der üppige Shiraz aus dem Barossa Valley, eine Art Markenzeichen des Landes, ganz verschwindet. Die ersten Winzer haben bereits aufgegeben.

Extreme Dürreperioden gab es in Kalifornien schon in vorkolumbianischer Zeit. Hätte es die Region mit den namhaften Anbaugebieten Napa Valley und Sonoma wieder mit einer natürlichen Schwankung zu tun, könnte der liberale Lebensstil das Problem verschärfen. Viele Kalifornier empfinden es schon als Freiheitsberaubung, den eigenen Wasserverbrauch auch nur zu messen. Statt Wassersparen zu propagieren, schlagen Politiker unterirdische Tunnel bis in den feuchten Norden vor.

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