WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Stephans Spitzen

Der Einzelhandel muss handeln, nicht klagen

Seite 2/2

Das Ergebnis sind die Innenstädte, wie wir sie kennen. Öde und leer.

Doch dann begegnet man einem Phänomen, das es eigentlich gar nicht geben kann, dem bunten Hund, dem Ausreißer, einem Unikum. Im Herzen von Frankfurt am Main, in einer schmalen Straße parallel zur überlaufenen Einkaufsmeile Zeil, gibt es einen Laden, der dem mächtigen Trend widersteht; der nicht am Abgrund vor sich hinsiecht, der bleibt und gedeiht. Ein unscheinbares kleines Geschäft, das nichts besonderes zu bieten hat, seine Waren haben keinen Seltenheitswert,  es gibt nichts kostenlos und auch keinen Event oder irgend eine optische Verlockung. Das Geschäft existiert seit 1868, es hat drei Kriege überlebt, doch auch sonderlich nostalgisch geht es hier nicht zu und nichts deutet darauf hin, dass hier eigentlich der Eingang zu Harry Potters magischen Universum ist.

So will der Einzelhandel dem Online-Geschäft die Stirn bieten

Das Phänomen heißt „Samen-Andreas“ und ist genau das: ein Geschäft für Sämereien und Gartenbedarf wie Dünger, Rattengift, Mausefallen und Vogelfutter. Es hat kaum etwas, das nicht auch im riesigen Gartenmarkt vor den Pforten der Stadt zu erstehen wäre. Und doch hat der inhabergeführte Laden überlebt und mittlerweile Kultstatus.

Warum?

Die Antwort scheint, nach allem, was man weiß, ganz einfach zu sein: Es liegt an den Menschen, vor allem am Juniorchef und seinen beiden Sidekicks, ansehnliche junge Männer mit großer Sachkenntnis und umwerfend guter Laune, und mit beidem gehen sie derart verschwenderisch um, dass die Stammkundschaft ihnen treu bleibt und sie beständig neue Kunden dazugewinnen. Wer was zu lachen haben will, geht zu Samen-Andreas, das ist ein Extra-Bonus, den kein noch so gut organisierter Onlinehandel zu bieten hat.

Handel



Faktor Mensch, also. Ein in der Servicewüste Deutschland gern unterschätzter Player, den man fälschlicherweise nicht als Nutzbringer, sondern als Kostenfaktor ansieht und entsprechend behandelt, was manch unterbezahlte Kraft an den Kunden weitergibt. Erst dann aber wird das Personal kostspielig, denn ein einziger unzufriedener Kunde kann unübersehbaren Schaden anrichten: er kommt nicht nur nicht wieder, er sagt es auch noch weiter.

Die aber sind unbezahlbar, die dem Kunden nicht nur das verkaufen, was er will, sondern auch das, was er sonst noch brauchen könnte, und ihn mit einem Lachen wieder entlassen. Gemeinsam lachen kann man online nicht. 

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%