Stephans Spitzen

Der Einzelhandel muss handeln, nicht klagen

Cora Stephan Politikwissenschaftlerin

Wer kein Bedarf an Mobiltelefonen oder Billigklamotten hat, verspürt in vielen deutschen Citys wenig Freude am Flanieren. Statt auf die Kundschaft zu schimpfen, müssen sich die Kaufleute auf ihre Stärken besinnen.

Deutschlands teuerste Einkaufsstraßen
Platz 10Die Fußgängerzone Grimmaische Straße in Leipzig rangiert mit einem durchschnittlichen Quadratmeterpreis von 120 Euro pro Monat auf dem zehnten Platz der teuersten Shoppingmeilen Deutschlands. Quelle: dpa
Platz 9Auf den Nürnberger Einkaufsstraßen Ludwigsplatz / Hefnersplatz / Karolinenstraße liegen die durchschnittlichen Sätze für ein Ladenlokal bei 160 Euro pro Quadratmeter. Quelle: dpa
Platz 8Bekannt für Politklüngel und Hochdeutsch: In Hannover kostet eine Gewerbeimmobilie etwa auf der Georgstraße im Schnitt 195 Euro pro Quadratmeter. Quelle: Creative Commons-Lizenz
Platz 7 / 6Auf der Königstraße in Stuttgart tummeln sich zur Spitzenzeit 11.335 Personen. Mit durchschnittlich 250 Euro pro Quadratmeter Ladenfläche müssen Händler hier rechnen. Quelle: dpa
Platz 7 / 6Auch auf der Kölner Schildergasse bezahlen Händler 250 Euro für den Quadratmeter Ladenfläche. Quelle: dpa
Platz 5Auf der Spitaler Straße in Hamburg tummeln sich zu Spitzenzeit 9840 Personen. In Sachen Ladenmiete sind bis zu 275 Euro pro Quadratmeter fällig. Quelle: Gemeinfrei
Platz 4Rang vier geht an die Kö in Düsseldorf. Wer hier seinen Laden neben Armani, Gucci oder Chanel platzieren will, legt dafür im Schnitt 285 Euro monatlich pro Quadratmeter hin. Quelle: dpa/dpaweb
Platz 3 / 2Der zweite und dritte Platz liegt gleichauf. Da ist die Zeil in Frankfurt am Main: 300 Euro kostet der Quadratmeter auf der Frankfurter Einkaufsmeile... Quelle: dpa
Platz 3 / 2... und die Tauentzienstraße in Berlin. Dort kostet der Quadratmeter Ladenfläche ebenfalls 300 Euro. Quelle: dpa
Platz 1Spitzenreiter bleibt München mit bis zu 360 Euro pro Quadratmeter auf der Haupteinkaufsstraße Kaufinger Straße und rund um den Marienplatz im Herzen der Isarmetropole. Datenquelle: Jones Lang LaSalle/Statista: Monatsmieten auf Deutschlands Einkaufsstraßen im 2. Halbjahr 2014 in Euro pro Quadratmeter. Quelle: AP

Vielleicht fällt das ja im Sommer besonders auf, wenn man ziellos genießend durch die Stadt schlendern will: wie öde die verkehrsberuhigten Zonen selbst da sind, wo noch ein alter Stadtkern vorhanden ist. Wer kein Bedarf an Mobiltelefonen oder Billigklamotten verspürt und Fastfood oder Eis nicht mag, hat wenig Freude am Flanieren oder gar am guten alten Schaufensterbummel. Es gibt nichts zu sehen, außer den viel zu vielen anderen Menschen.

Was fehlt, nicht nur in Deutschland, auch anderswo? Das bunt wuchernde Gemisch aus Cafés, Kleingewerbe, Kneipen, Lädchen für dieses und für jenes, und das gibt es selbst da nicht mehr, wo keine hohen Mieten drohen. Was bleibt sind Klamottenläden, einer am nächsten, als ob ganz Deutschland nichts nötiger hätte als Oberbekleidung. (Was  angesichts manch unbedeckter Blöße bei diesem heißen Wetter nicht gänzlich abwegig wäre.)

Stirbt der Einzelhandel? Nun, Klagen gehört zum Beruf des Kaufmanns, und der klagt schon immer. Heute hat er, scheint’s, mehr Grund dafür denn je. Schuld ist, was sonst, das Internet.

Kein Einzelhandelsgeschäft, noch nicht einmal ein Warenhaus kann an die Auswahl im Onlinehandel heran. Selbst das Außer- und Ungewöhnliche findet man heute eher im Internet als in einem aufs Besondere spezialisierten Ladengeschäft. Und wer hat noch nicht von ihnen gehört, den mit dem Smartphone bewaffneten Shoppern, die sich im stationären Handel beraten lassen, um das Gewünschte hernach online zu bestellen, weil es da ein paar Euro günstiger ist?

Die attraktivsten Expansionsziele im Einzelhandel

Sind das Internet und die Schnäppchenjäger also verantwortlich dafür, dass unsere Innenstädte veröden? Oder ist das typisch für den ewig klagenden Handel: immer ist der Kunde schuld?

Ich schlage einen dritten Verdächtigen vor: den Stadtplaner. Vor Jahrzehnten ließen Stadtobere noch Schneisen durch die wenigen erhaltenen Altstädte schlagen, um die Stadt „autogerecht“ zu machen. Heute bevorzugen sie, umgekehrt, die autofreie Stadt und tun alles, was in ihrer Macht steht, um es Autofahrern so schwer wie möglich zu machen. Zur Willkommenskultur gehört eine Ampelschaltung, die dafür sorgt, dass sich der Shoppingfreund aus dem Umland dem Stadtzentrum nur im quälenden Stop and Go nähern kann. Das klopft ihn schon mal weich. Im Herzen etwa Frankfurts am Main angekommen, gilt es, die Fußgängerzonen weiträumig zu umfahren und gehörig in die Ablasskasten eines der Parkhäuser zu zahlen. Protest ist zwecklos: dass Autos in der Stadt nichts zu suchen haben, ist das neue Mantra, die Klagen des schnöden Kommerz hört schon niemand mehr, und jemand, der weiß, was er will, fährt ja sowieso die Großmärkte vor den Stadttoren an, da sind die Wege kurz und das Parken kostenlos, was Großeinkäufe enorm erleichtert.

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