Stephans Spitzen

Suhrkamps Geld und die Liebe der Autoren

Cora Stephan Politikwissenschaftlerin

Die Empörung deutscher Geistesgrößen über die angebliche Kommerzialisierung des Suhrkamp-Verlags war verlogen. Wenn es ihnen selbst zugute kommt, haben Autoren nichts gegen Geld.

Bücher der

Ach, wie düster tönte die Klage! Der legendäre Suhrkamp Verlag in den Händen eines skrupellosen Aktionärs - das erschütterte (und unterhielt) die literarische Welt acht Jahre lang. Nun ist der bittere Streit zwischen den Suhrkamp-Gesellschaftern Ulla Berkéwicz-Unseld und Hans Barlach beendet, denn es gibt neue Gesellschafter mit frischem Geld: die Wella-Erben Ströher.

Der Verlag mit dem großen Charisma ist nun eine Aktiengesellschaft, an der Spitze steht ein Volkswirt anstelle einer Schriftstellerin, und alle freuen sich. Insbesondere Ulla Berkéwicz-Unseld, die schon die „geistige Auszehrung“, die „Kapitalisierung unserer Innenwelt, die organisierte Entmündigung“ fürchtete.

Mit dem neuen Kapital aber steht dem freien Geist offenbar nichts mehr im Weg, jedenfalls hört man bislang keine Klagen über „Unholde“ und „Abgrundböse“ (Peter Handke über Barlach) oder über den „Zugriff des Kapitals“ (Volker Braun). Weil sich das neue Kapital bislang besser aufführt als das alte?

Der Suhrkamp-Verlag auf einen Blick

Nun, Schriftsteller sind rätselhafte Wesen, die selbst bei hohen Verlagsvorschüssen noch an den Gegensatz von Geist und Geld glauben. Autoren wollen Geld und Liebe, hat Verleger Klaus Eck einmal gesagt. Das stimmt – und von beidem reichlich, auch wenn sie oft so tun, als ob ihnen nur die Liebe wichtig sei. Noch immer herrscht hier Sehnsucht nach der „charismatischen Verlegerpersönlichkeit“, die mit Gefühl und Härte regiert und ihren Schäfchen abnimmt, wovon sie nichts verstehen: von Geldangelegenheiten, nämlich. Für Liebe hat manch ein Autor schlechte Verträge unterschrieben.

Bücher schreibt man, weil man will

Der Patriarch (und die Patriarchin) klassischer Schule regierte seine Autoren mit Zuckerbrot und Peitsche, und viele mochten (und mögen) das, es bringt Ordnung in ein Leben, das man sich nicht wie jeden anderen Schreibtischjob vorstellen darf. Als Buchautorin kann ich das Autorendilemma bestätigen: Bücher schreibt man, weil man will, nicht weil es ein Job wie jeder anderer ist, „mit Schreiben ist kein Geld zu verdienen“, heißt das, und das stimmt leider Gottes. Einen Bestseller zu landen ist wie ein Sechser im Lotto, und das Handwerk selbst ist ein derart einsames Geschäft, dass nichts einen Autor dankbarer macht als ein freundliches, zugewandtes Wesen, sei es Verlegerin oder Lektorin.

Siegfried Unseld war so einer: ein charismatischer Guru. Weshalb manch einer vergisst, dass er auch und vor allem ein cleverer Geschäftsmann war. Denn wer als Schriftsteller (oder Übersetzer) nicht zu den eingeweihten Kreisen gehört, in denen Literaturstipendien verteilt werden, an Literaturliteraten, die auf dem schnöden Markt keine Chance haben – womöglich, weil sie an den Lesern vorbeischreiben – , wer also nicht zur Literaturelite gehört, ist auf einen Verlag angewiesen, der Geld verdient und Garantiehonorare zahlen kann.

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