Streit mit Stiftung Warentest Viele Ritter-Sport-Sorten enthalten Piperoncal

Der Streit um die Auszeichnung eines Aromas in Ritter-Sport-Tafeln hat eine noch größere Bedeutung für den Hersteller. Denn viele Schokoladensorten enthalten den Stoff – und bei allen wird er als natürlich bezeichnet.

Quadratisch, praktisch, gut: Auf der Ritter-Sport-Facebookseite halten die Kunden trotz Aroma-Streits zum Unternehmen. Quelle: dapd

Der Schokoladenhersteller Alfred Ritter hat bestätigt, dass nicht nur die von der Stiftung Warentest mit „mangelhaft“ bewertete Tafelschokolade „Voll-Nuss“ das Aroma Piperonal enthält. Alle Sorten mit Vollmilchschokoladen enthielten den Stoff, der den Geschmack abrunden soll, bestätigte eine Sprecherin dem SWR. Die Verbraucherschützer hatten das negative Urteil damit begründet, dass das Piperonal fälschlicherweise als „natürliches Aroma“ auf der Zutatenliste aufgeführt werde. In anderen Kategorien hatte die Schokolade mit „gut“ abgeschnitten, was aber nicht vor der Herabstufung wegen vermeintlicher Verbrauchertäuschung schütze.

Piperonal werde aus natürlichem Rohstoffen nicht im industriellen Maßstab gewonnen und dürfe daher nicht als „natürliches Aroma“ ausgewiesen werden, so die Stiftung Warentest. Stattdessen müsste der Stoff nur als „Aroma“ gekennzeichnet werden, wie es die Regeln zur Lebensmittelkennzeichnung bei synthetischen Aromen vorschreiben.

Quadratisch, praktisch, 100 Jahre alt
Waldenbuch, im Juni 2012 – Waldenbuch ist eine Kleinstadt im schwäbischen Landkreis Böblingen. Sie hat eine historische Stadtkirche, ein Schloss und etwa 8.500 Einwohner. Und Waldenbuch hat Ritter Sport. Seit 1930 produziert das Familienunternehmen seine Schokolade am Rand des Naturparks Schönbuch, was man bei gutem Wetter im ganzen Ort riechen kann. Jeden Tag verlassen 2,5 Millionen Tafeln das Schokoladenwerk in Waldenbuch. Quelle: dpa
Die Geschichte des Unternehmens beginnt aber in Stuttgart-Bad Cannstatt – vor genau 100 Jahren. Drei Generationen der Familie Ritter haben der Schokolade in diesem Firmen-Jahrhundert ihre ganz eigene Handschrift verliehen. Bildquelle: PR
Der Grundstein für Ritter Sport ist die Liebe: Der Konditor Alfred Eugen Ritter (siehe Bild) und Clara Göttle, Inhaberin eines Süßwarengeschäfts, heiraten 1912 und gründen ihre Schokolade- und Zuckerwarenfabrik in Stuttgart-Bad Cannstatt. Bildquelle: PR
Schokolade ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein gefragtes Gut und die Mitarbeiterzahl wächst schnell. 1930 zieht die Firma aus Platzgründen ins ländliche Waldenbuch. Zwei Jahre später entsteht das zentrale Markenzeichen von Ritter Sport: Clara Ritter hat die Idee, eine Schokolade in Quadratform herzustellen. Sie hat bei den örtlichen Fußball-Anhängern beobachtet, dass die üblichen Schokolade-Langtafeln in ihren Jackettaschen zerbrechen. Deshalb werden die Tafeln in der neuen und damals revolutionären Form „Ritter’s Sport Schokolade“ getauft. Bildquelle: PR
Nach dem Kriegsende 1945 laufen die Maschinen wieder an und 1950 nimmt die Produktion volle Fahrt auf. Nach dem Tod von Firmengründer Alfred Eugen Ritter übernimmt dessen Sohn Alfred Otto 1952 die Leitung des Betriebes in zweiter Generation. Auf dem Bild: Historische Luftaufnahme der Fabrik in Waldenbuch. Bildquelle: PR
In den fünfziger Jahren macht sich das westdeutsche Wirtschaftswunder auch beim Schokoladeproduzenten in Waldenbuch bemerkbar. 1954 zählt der Betrieb über 100 Beschäftigte. 1960 beschließt das Unternehmen, sich auf die quadratischen Tafeln zu konzentrieren. Bildquelle: PR
Bundesweit bekannt wird Ritter Sport ab 1970 mit der Erfindung der ersten Joghurtschokolade Deutschlands und der Fernsehwerbung mit dem einprägsamen Slogan „Quadratisch. Praktisch. Gut“. Bildquelle: PR

Gegenüber dem Handelsblatt sagte die Testleiterin Birgit Rehlender, dass im Labor der Unterschied in der Herstellungsweise des Aromas nicht zu ermitteln sei. Die Beurteilung beruht also auf der Einschätzung, dass Piperonal nicht in ausreichendem Maße für die Massenproduktion aus natürlichen Rohstoffen gewonnen werden könne. „Der Vorwurf von Stiftung Warentest, dass wir nicht wie deklariert ausschließlich natürliche Aromen bei der ,Ritter Sport Voll-Nuss' einsetzen, entspricht aus unserer Sicht in keiner Weise den Tatsachen“, bekräftigte das Unternehmen am Montagabend.


Zulieferer mit Zertifikat für natürliches Piperonal

Ritters Aroma-Lieferant Symrise besteht darauf, natürlich produziertes Piperonal herzustellen – also auf herkömmlichen Weg aus Pflanzen gewonnenes Aroma. Der Stoff steckt unter anderem in Tahiti-Vanille, Dill oder Pfeffer. Über die Produktionsdetails verrät die Firma jedoch nichts. Sie garantierte Ritter in einem Schreiben, dass der Stoff „natürliches Aroma“ genannt werden dürfe. Es gibt zumindest einen weiteren Anbieter (Advanced Biotech), der ein natürliches Piperonal (alternativer Begriff: Heliotropin) anbietet und ein Zertifikat mitliefert.

Der Verzehr der Ritter-Sport-Schokolade ist völlig unbedenklich möglich. Lediglich die Auszeichnung sorgt für Wirbel. Für den mittelständischen Hersteller hätte eine falsche Auszeichnung aber nach den neuen Informationen Folgen für eine Großteil des Sortiments – und nicht nur für die Nuss-Schokolade. Ritter-Konkurrenten wie Mondelez oder Lindt setzen in ihren Tafelschokoladen laut Zutatenliste „Aroma (Vanillin)“ ein.

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Dem EU-Lebensmittelrecht zufolge darf natürliches Aroma nur genannt werden, was „durch geeignete physikalische Verfahren (einschließlich Destillation und Extraktion mit Lösungsmitteln) oder enzymatische bzw. mikrobiologische Verfahren aus Stoffen pflanzlichen oder tierischen Ursprungs, die als solche verwendet oder mittels herkömmlicher Lebensmittelzubereitungsverfahren (einschließlich Trocknen, Rösten und Fermentierung) für den menschlichen Verzehr verarbeitet werden.“

Ritter Sport hatte gestern gegenüber Handelsblatt Online angekündigt, rechtliche Schritte gegen die Stiftung Warentest einleiten zu wollen. Das könnte bereits am Dienstag der Fall sein.

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