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Streit um die Bonpflicht SPD-Investment in Kassenspezialist wirft Fragen auf

Bonpflicht-Streit: Schöner die Kassen nie klingen Quelle: imago images

Im Streit um die Bonpflicht ist Kassendienstleister Locafox in die Kritik geraten. Der Vorwurf: Das Start-up, das zum Reich der SPD-Beteiligungsgesellschaft ddvg gehört, soll von der Neuregelung profitieren. Der Locafox-Chef widerspricht.

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Braucht es zur Bekämpfung von Steuerbetrug bei jedem Kauf einen Kassenzettel? Um die neue Kassen-Bonpflicht ist ein erbitterter Streit entbrannt. Während Kritiker vor zusätzlichen Papiermüllbergen warnen, weil künftig mehr Kassenbons ausgegeben werden müssen, sehen Befürworter in den neuen Regeln vor allem ein Instrument, um Steuerbetrug zu bekämpfen.

Auch im Netz wird über Sinn und Unsinn der Bonpflicht debattiert. Mittendrin: das Start-up Locafox, ein Hersteller von Kassensoftware, an dem die SPD-Beteiligungsgesellschaft ddvg über ihre Tochter „2 Welten Investment“ maßgeblich beteiligt ist. Die Konstruktion wirft eine entscheidende Frage auf: Profitiert die SPD über ihre unternehmerische Beteiligung von einer Regelung, die sie politisch mit umgesetzt hat?

Moritz Harrer, Chef der Jungen Liberalen (Julis) in Vorpommern-Greifswald, sieht das offenbar so. Er hat getwittert: „Wie unglaublich groß der Aufschrei wäre, wenn die FDP eine Holding mit fast 50 Prozent Anteilen an einem Hersteller für Kassenbondruckmaschinen hätte und für die Bonpflicht kämpfen würde.“ Alle, so Harrer „würden Mövenpick schreien. Bei der SPD ist es natürlich egal.“

Der Unternehmer Frank Thelen, der durch die Fernsehsendung „Höhle des Löwen“ bekannt wurde, verbreitete die Nachricht weiter, auch „Bild“ berichtete. Tenor: die Bonpflicht nutzt Locafox und damit der SPD als größtem Anteilseigner. Tatsächlich ist der Fall jedoch diffiziler.

Das Unternehmen Locafox wurde im Juni 2013 von Karl Josef Seilern, Lukas Zels und Michael Wendt gegründet und stellt eine cloudbasierte digitale Kassenlösung für den Handel her. „Locafox ist ein Hersteller von Kassensoftware“, und produziere keine Bondrucker, erklärt Mitgründer Zels. „Locafox und ihre Gesellschafter profitieren nicht von einer Bonausgabepflicht“, so Zels gegenüber der WirtschaftsWoche. Bei einer Bestellung bekämen Kunden auf Wunsch lediglich „eine Kassenlade, einen Bondrucker, ein Tablet sowie zwei Bonrollen geliefert, damit sie direkt Ihre Tätigkeit aufnehmen können. Bei weiteren Bestellungen von Bonrollen verweisen wir an den Fachhandel“, sagt Zels.

Auch bei der ddvg-Tochter „2 Welten Investment“ weist man Spekulationen über einen Zusammenhang zwischen der Locafox-Beteiligung und der neuen Kassensicherungsverordnung ins Reich der Fantasie. „Wir haben in Locafox investiert, um gemäß unseres Geschäftszwecks die Digitalisierung der Lokalität voranzutreiben“, sagt Geschäftsführer Christopher Koeppler. „Diese Investition geschah Anfang 2015, also weit vor und sicher nicht in Hinblick auf die von Ihnen angesprochene Kassengesetzgebung“, so Koeppler. Allerdings zählte 2 Welten Investment auch drei Jahre später bei einer weiteren Finanzierungsrunde zu den zentralen Investoren.

Ob sich die Kapitalspritze auszahlt, scheint allerdings fraglich. Zumindest verzeichnet Locafox nach eigenen Angaben derzeit keinen Beratungs- oder Bestellanstieg durch Händler, die sich durch das neue Gesetz gezwungen sehen, neue Kassensysteme zu installieren. Letzteres ist überraschend, da die Neuregelung der Branche aktuell durchaus zusätzlichen Umsatz beschert. „Die Kassenhändler erleben derzeit einen regelrechten Ansturm von Anfragen aufgrund der neuen Kassensicherungsverordnung des Finanzministeriums“, heißt es beim Zahlungsdienstleister Concardis. „Auch die Anfragen nach Bezahlterminals mit Kassenanbindung ist entsprechend steil angestiegen“, teilt ein Unternehmenssprecher mit. Auch Thomas Stümmler, Chef des börsennotierten Anbieters Vectron, sieht bereits „eine leichte Nachfragesteigerung“, den „großen Schwung erwarten wir aber erst im Laufe des nächsten Jahres.“

An Locafox soll der Boom hingegen spurlos vorbei gehen? Zur wirtschaftlichen Situation will sich das Unternehmen nicht äußern. In der letzten im Bundesanzeiger veröffentlichten Bilanz für 2017 wurde ein Jahresfehlbetrag in Höhe von 4,6 Millionen Euro ausgewiesen.

Aktuell laufen nach Informationen der WirtschaftsWoche aus der Branche derzeit Gespräche über einen Verkauf des Unternehmens oder eine Zusammenlegung mit einem Wettbewerber. „Wir sind hier in diversen Gesprächen, geben dazu aber derzeit keine weiteren Auskünfte“, sagt Koeppler dazu. Auch Locafox-Chef Zels will sich nicht zum Stand der Verhandlungen äußern.

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