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Streit um Preispolitik Der Handel ist die falsche Adresse für Bauernproteste

Bauern sammeln sich für eine Protestaktion für höhere Milchpreise vor der Ostseemolkerei Rücker. Quelle: dpa

Zu billige Lebensmittel? Zu viel Druck auf Landwirte? Discounter wie Aldi und Lidl werden für den Niedergang von Ackerbau und Viehzucht verantwortlich gemacht. Tatsächlich haben die Probleme der Bauern andere Ursachen.

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Die Bilder gleichen sich: Bauern blockieren mit ihren Traktoren die Lager großer Supermarktketten, um für faire Erzeugerpreise zu demonstrieren. Eilig werden Krisen- und Dringlichkeitsgipfel in Berlin abgehalten, millionenschwere Übergangshilfen gezahlt und neue Aktionspläne auf den Weg gebracht. Schon im Frühjahr hatten die Bauern gegen die Preispolitik des Einzelhandels mobil gemacht. Nun wiederholt sich der Protest. Und wieder stehen die großen Supermarktketten im Zentrum der Kritik. Die Botschaft der Bauern: Der Handel ist verantwortlich für den Verfall der Preise, das Sterben der Höfe, den Niedergang von Ackerbau und Viehzucht. Kleiner Landwirt gegen bösen Großkonzern?

Tatsächlich ist die Rollenverteilung längst nicht so eindeutig. Zwar ist der deutsche Lebensmittelhandel hoch konzentriert. Aldi, Lidl, Rewe und Edeka beherrschen 85 Prozent des Marktes. Doch auch die Bauern haben sich längst organisiert - und ein beachtliches Gegengewicht geschaffen. Ihre wirtschaftlichen Probleme haben in der Regel andere Ursachen. 

Gut organisierte Erzeuger

Es gebe kaum Fälle, „in denen Bauern überhaupt direkt mit den Lebensmittelketten verhandeln“, sagte Handelsexperte Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg schon im Februar der WirtschaftsWoche. Stattdessen bekämen es Konzerne mit Erzeuger- und Vermarktungsgemeinschaften zu tun, in denen viele Landwirte zusammengeschlossen seien. Man könnte auch sagen: Konzerne, die ihrerseits „international agieren und das Angebotsvolumen Tausender Bauern bündeln“, so Roeb.

So ist das Deutsche Milchkontor (DMK Group) die größte Molkereigenossenschaft Deutschlands. Der Zusammenschluss von rund 7000 Landwirten bringt 5,8 Milliarden Euro Umsatz auf die Waage und erzielte 2019 einen Gewinn von 24,5 Millionen Euro. Marken wie Milram, Oldenburger, Humana und Alete gehören zur DMK. Mangelnde Verhandlungsmacht sieht anders aus.

Auch Landgard, eine der größten deutschen Genossenschaften für Obst, Gemüse, Blumen und Pflanzen, spielt in der Top-Liga mit. Die rund 3300 in den Zusammenschluss organisierten Erzeugerbetriebe erwirtschaften mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz, erzielen ebenfalls Gewinne in Millionenhöhe und verhandeln auf Augenhöhe mit Aldi, Rewe und Edeka Preise und Mengen für Äpfel, Tomaten, Kürbisse oder Schnittblumen. 

Auch in der Viehwirtschaft wursteln Schweine-, Rinder- oder Geflügellandwirte längst nicht mehr alleine vor sich hin. Schon vor über 90 Jahren haben sich Bauernfamilien in Nordwestdeutschland zusammengefunden; heute bilden mehr als 4000 Landwirte den Genossenkonzern Westfleisch in Münster. Mit 7,7 Millionen geschlachteten Schweinen rangiert er in Deutschland auf Platz drei hinter dem Privatunternehmen Tönnies und der niederländischen Vion. Rund 2,8 Milliarden Euro Umsatz erzielte Westfleisch 2019 und weist einen Jahresüberschuss von 10,7 Millionen Euro aus. 

Die Mannheimer Südzucker AG, mit 6,7 Milliarden Euro Umsatz, Europas größter Zuckerkonzern, ist ebenfalls in Bauernhand. 17.000 Rübenbauern halten über die Süddeutsche Zuckerrüben-Verwertungsgenossenschaft (SZVG) 59 Prozent der Aktien. Die SZVG wiederum stimmt sich mit einer österreichischen Raiffeisen-Gesellschaft ab, der noch mal zehn Prozent gehören. So sichert sich die Bauernschaft die Macht im Unternehmen. Doch der börsennotierte Konzern kämpft seit geraumer Zeit mit Gegenwind – was weniger an den kompromisslosen Einkäufern der Handelszentralen liegt, als am Wegfall der EU-Zuckermarktordnung 2017. Zuvor hatte die EU Mindestpreise für Rüben garantiert und mit Zöllen und Importverboten den internationalen Wettbewerb verhindert. 

50 Millionen Euro von Lidl 

Die Proteste der Bauern richten sich derzeit dennoch gegen den Einzelhandel, vor allem Milchbauern und Viehhalter machen mobil und haben in den vergangenen Wochen immer wieder die Lager verschiedener Händler mit Traktoren blockiert, um der Forderung nach besseren Preisen Nachdruck zu verleihen. Tatsächlich spielen bei der Preisfindung aber auch in diesem Segment Probleme eine Rolle, die von Handel allein gar nicht zu lösen sind. Denn einer der Hauptgründe für den aktuellen Preisverfall etwa bei Schweinefleisch sei der dramatische Rückgang der Fleischexporte infolge der Afrikanischen Schweinepest. Doch Preise künstlich anzuheben ist schwierig. Weder Molkereien noch Schlachthöfe und Handelsketten dürfen sich absprechen, das verbietet das Kartellrecht.

Nach der Blockade eines Lidl-Lagers im niedersächsischen Cloppenburg war der Chef des Mutterkonzerns Schwarz-Gruppe, Klaus Gehrig, in die Offensive gegangen: er sagte den Landwirten Unterstützung in Höhe von 50 Millionen Euro zu und regte einen „Dringlichkeitsgipfel“ des Handels mit Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) an.

Das am Donnerstag als Videokonferenz durchgeführte Spitzentreffen brachte jedoch nach Angaben aus Teilnehmerkreisen keine greifbaren Ergebnisse. Agrarministerin Klöckner betonte am Freitag hingegen noch einmal die Notwendigkeit einer Verständigung zwischen Händlern und Landwirtschaft. „Eine Möglichkeit hierfür ist ein Verhaltenskodex, mit dem sich der Handel eigene Regeln für ein faires Miteinander gibt“, sagte sie. Gleichzeitig schlug Klöckner vor, auf den Verpackungen künftig den Anteil vom Verkaufspreis anzugeben, der an die Bauern geht.

Der Bauernverband verlangte zuletzt eine klare Selbstverpflichtung des Handels zum Ausstieg aus der „Dauerniedrigpreiskultur“. Außerdem dürfe das Kartellrecht Landwirte und ihre Vermarkter nicht länger daran hindern, Gegengewichte zum Handel zu bilden, betonte der Verband. Darüber hinaus forderten die Bauern unter anderem eine angemessene Bezahlung für höhere Qualitätsstandards und eine Förderung der heimischen Landwirtschaft in der Einkaufspolitik. Die angekündigte Finanzhilfe von Lidl reiche „bei weitem nicht aus, um die grundsätzlichen Probleme zwischen Landwirtschaft und dem gesamten Lebensmitteleinzelhandel zu lösen“, sagte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied.

Das Angebot sei zwar eine nette Geste. „Aber wegen des andauernden Preiskampfs verlieren unsere Bauern diesen Betrag fast wöchentlich“, meinte er. Notwendig sei eine „grundlegende Veränderung in der Zusammenarbeit“ zwischen den Bauern und dem Handel, sagte Rukwied. Die Bauern-Initiative „Land schafft Verbindung“ sprach sogar von einer reinen Marketing-Aktion. Letztlich kämen auf jeden Betrieb nur 192,31 Euro. „Eine lächerliche Summe, womit nicht ansatzweise die Löcher in den Betrieben gestopft werden können“, urteilte sie.


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Im Handel stieß der Alleingang von Lidl derweil auf wenig Verständnis. Der Lidl-Chef versuche offenbar, den Zorn der Bauern auf die anderen Händler abzulenken, war zu hören. Manager des Lidl-Wettbewerbers Aldi verpflichteten sich derweil in einem Telefonat mit Landwirtschaftsministerin Klöckner am Wochenende freiwillig zur Einhaltung aller Vorgaben der EU-Richtlinie „gegen unfaire Handelspraktiken“ (UTP). Viel wird sich dadurch allerdings nicht ändern: „Unsere eigenen Standards gehen über die UTP-Standards bereits weit hinaus“, heißt es in einer Pressemitteilung von Aldi Nord. 

Mehr zum Thema: Rewe-Chef Lionel Souque sieht keine Dumpingpreise im Handel. Im Interview erklärt er, wie es bei den Verhandlungen mit Bauern und Lieferanten tatsächlich zugeht. 

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