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Streit um Werbung Das Bier-Urteil hat einen schalen Beigeschmack

Das Landgericht Ravensburg hat das Wort "bekömmlich" für Bier verboten. Das ist ein weiterer Schritt zur Bevormundung der Verbraucher.

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In welchen Bundesländern am meisten Bier getrunken wird
Bierflaschen im Regal Quelle: dpa
Veltins V+ Flasche. Quelle: obs
Bier Fußballfans Deutschlandflagge Quelle: dpa
Bierkrüge anstoßen Biergarten Quelle: dapd
Hefeweizen Bierglas Quelle: dpa
Kanzlerin Angela Merkel Flensburg Quelle: dpa
Bier Zapfanlage Kneipe Quelle: dapd

Auf den ersten Blick klingt es absurd. Da wirbt eine Brauerei mit dem Wort „bekömmlich“ für einige ihrer Biersorten. Das Adjektiv stößt einem bislang eher unbekannten Verband in Berlin, dem Verband Sozialer Wettbewerb (VSW), sauer auf.

Der Verband spricht eine Abmahnung aus. Und nun, nach einem Urteil des Landgerichts Ravensburg, müssen Mitarbeiter der betroffenen Brauerei die Filzstifte zücken und das Wörtchen auf den Bier-Etiketten durchstreichen. Auch auf ihrer Webseite hat die Brauerei Härle aus dem baden-württembergischen Leutkirch das Urteil bereits umgesetzt und das Wort „bekömmlich“ ersetzt.

Doch auch wenn er sich zunächst dem Verdikt beugt - für Brauereichef Gottfried Härle ist der Fall damit längst nicht erledigt. Er will in Berufung gehen und die Sache grundsätzlich klären lassen. Für ihn steht fest: „Wir haben schon in den Dreißigerjahren damit geworben und sehen auch wirklich keinen Grund, weshalb wir davon Abstand nehmen sollten. Für uns heißt das im Zusammenhang mit unseren Bieren, dass sie gut fürs Wohlbefinden sind.“

Natürlich führt der Hinweis darauf, dass etwas immer schon so gemacht wird und deshalb auch immer so bleiben müsse, nicht wirklich weiter. Und es hat schon seinen Sinn, wenn das EU-Recht grundsätzlich Angaben für Getränke mit mehr als 1,2 Prozent Alkohol verbietet, die eine Verbesserung des Gesundheitszustands suggerieren.

Bleibt die Frage, ob „bekömmlich“ das denn wirklich tut. Oder ob es nicht bloß ein schlicht altmodisch anmutender Begriff ist, der den meisten Biertrinkern kaum noch etwas sagt oder allenfalls ein vage angenehmes Gefühl vermittelt.

Verbraucher werden wie Kleinkinder behandelt

Vor allem aber bleibt der schale Geschmack, dass hier wieder einmal Verbraucher vor sich selbst geschützt werden sollen. Was ist schlimm am Wörtchen „bekömmlich“? Verbraucher sind doch keine Kleinkinder, unfähig, sich ein eigenes Bild von der Wirklichkeit zu machen.

Wer glaubt denn an die Aufdrucke auf Etiketten und Produkten? Um es platt zu sagen: Die Leute sind doch nicht doof. Kaum jemand wird tatsächlich annehmen, Bier sei eine Medizin oder sonst wie gesundheitsfördernd.

In welchen Städten Bier am billigsten ist
Krakau Quelle: dpa
Kiew Quelle: dpa
Bier in Bratislava Quelle: dpa
Málaga Quelle: dpa
Bierpreise in Delhi Quelle: REUTERS
Bier Quelle: dpa
Oslo BIer Quelle: dpa

Es geht nicht darum, Gefahren des Alkoholmissbrauchs zu verharmlosen. Wer Familien kennt, in denen Vater oder Mutter an der Flasche hängen, wer weiß, wie viel Leid das für Kinder und Verwandte bedeutet, wird sich strikt dafür einsetzen, auf Gefahren hinzuweisen und alles zu tun, damit Menschen verantwortungsvoll mit Bier, Wein und härteren Getränken umgehen.

Aber es sollte die Verhältnismäßigkeit stimmen. An jeder Supermarktkasse lauern beispielweise die Mini-Fläschchen mit absurd-albernen Namen von „Kleiner Feigling“ bis „Schlüpferstürmer“. Und noch immer gehört es in vielen Freundeskreisen scheinbar ganz normal dazu, sich beim Junggesellenabschied oder der Kegeltour in aller Öffentlichkeit „die Kante zu geben“.

Handel



Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass die das tun, weil ihnen vorher jemand eingesäuselt hat, Bier sei so sagenhaft „bekömmlich“.

Wer wirklich etwas gegen Alkoholkrankheit und Sucht tun möchte, sollte eher diesen angeblichen Freizeitspaß und unkritisch hingenommenen Konsum hinterfragen, als in die Tiefen der Etymologie einzusteigen.

Ganz ehrlich: Lieber ein ganzer Abend mit 100 Brauern, die ihr Bier als „bekömmlich“ anpreisen, als ein Freitagnachmittag im ICE mit zehn Mitgliedern eines Kegelvereins.

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