Tarifstreit im Einzelhandel Warum Amazon für Verdi so wichtig ist

Beim Deutschen Handelskongress in Berlin feiert sich die Branche als Jobmotor und Wachstumstreiber. Doch hinter den Kulissen rumort es: Immer mehr Unternehmen verabschieden sich aus der Tarifbindung. Mit einem Mix aus Streiks und Reformen will Verdi den Tarifexodus nun stoppen und den Dauerkonflikt mit Amazon neu entfachen.

Mit einem Mix aus Streiks und Reformen will Verdi den Tarifexodus nun stoppen und den Dauerkonflikt mit Amazon neu entfachen. Quelle: Getty Images

Das Hinterzimmer im Hotel Melia an der Berliner Friedrichstraße war fast zu klein, um die Egos der Handelsgranden zu fassen, die sich am 15. Juni zum vertraulichen Branchen-Tête-à-Tête versammelt hatten. Chefs und Topmanager von Aldi, Lidl, Edeka und Metro waren dabei. Auch der mächtige Verdi-Boss Frank Bsirske kam. Für den Handelsverband Deutschland (HDE) nahm Hauptgeschäftsführer Stefan Genth teil. Es ging um ein Politikum: Nachdem sich jahrelang immer mehr Handelskonzerne aus der Tarifbindung verabschiedet hatten, wollte die Runde einen neuen Anlauf starten, den Exodus der Unternehmen aus dem Tarifsystem zu stoppen.

Konkrete Ergebnisse gab es nicht. Umso spannender werden die kommenden Monate. In ihnen wird sich entscheiden, ob in einer der größten Branchen des Landes der Tarif künftig für gleiche Wettbewerbsbedingungen sorgen wird. Arbeiten die Unternehmen und die drei Millionen Beschäftigten, ob im Laden oder im Internet, künftig nach gleichen Standards? Oder werden die Tarifverhandlungen zu Folkloreveranstaltungen für eine Restminderheit?

Amazons deutsche Logistikzentren

Wenn sich diesen Mittwoch und Donnerstag Bundeskanzlerin Angela Merkel, Vizekanzler Sigmar Gabriel und EU-Kommissar Günther Oettinger ein Stelldichein beim Deutschen Handelskongress in Berlin geben, wird davon wenig zu hören sein. Stattdessen darf sich Branche, in der deutschlandweit rund drei Millionen Menschen beschäftigt sind, als „Jobmotor“ und „Wachstumstreiber“ feiern lassen. Gerade erst hat der HDE seine Prognose angehoben und rechnet mit dem stärksten Wachstum seit zwei Jahrzehnten. Der Umsatz im Einzelhandel werde 2015 um 2,7 Prozent auf rund 471 Milliarden Euro steigen.

Real vor Ausstieg aus der Tarifbindung

Doch die guten Zahlen täuschen darüber hinweg, dass es bei vielen Unternehmen gewaltig rumort, weil Tarifbindung und Tariflosigkeit zunehmend den Wettbewerb verzerren. War im Jahr 2000 noch gut die Hälfte aller Handelsbetriebe tarifgebunden, ist es heute nur noch jedes vierte Unternehmen. Selbst Traditionshändler wie Karstadt und Globus kappten die Verträge, mal um die Gehälter zu drücken, mal um Arbeitskräfte flexibler einzusetzen. Um durch höhere Personalkosten nicht ins Hintertreffen zu geraten, kündigte etwa Metro-Chef Olaf Koch im Juni den Ausstieg seiner SB-Warenhaustochter Real aus der Tarifbindung an.

Umso härter nimmt Verdi die Tarif-Flüchtlinge ran. Am vergangenen Montag wurden 13 Real-Märkte bestreikt. Auch die Billigmodeketten Kik und Primark, die Obi-Baumärkte sowie der Spielzeuganbieter Toys’R’Us werden zu Zielscheiben. Im Zentrum aber steht der Streit mit dem Internetgiganten Amazon. „Im Weihnachtsgeschäft sollte das Amazon-Management auf alles gefasst sein“, kündigt Stefan Najda an, der bei der Gewerkschaft für den Versandhandel zuständig ist.

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