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Tengelmann-Chef Haub "Das ist brutal"

Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub treibt den Handelskonzern ins Online-Geschäft und sorgt sich um die Euro-Zone.

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Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Haub, Sie haben Ihr iPad zum Gespräch mitgebracht. Sind Sie der Online-Sucht verfallen?

Karl-Erivan Haub: (lacht) Das ist mittlerweile mein ständiger Begleiter. Vor ein paar Jahren habe ich mich überwunden, mich mit dem Online-Geschäft auseinander zu setzen und das Fachchinesisch von Conversion Rate bis SEO-Optimierung zu lernen. Inzwischen bin ich ganz gut dabei.

Wie wichtig ist das Internet als Vertriebskanal für Tengelmann?

Von den Zahlen her macht das Online-Geschäft bislang bei uns noch relativ wenig aus. Aber die Wachstumsraten sind enorm. Der Umsatz, den wir beispielsweise über unser Internetportal Plus.de erzielen, steigt pro Jahr um rund 30 Prozent. Der gesamte deutsche Online-Handel wächst jährlich um 15 bis 20 Prozent.

Warum? Das Geld verdienen Sie doch im stationären Geschäft.

Als das Auto die Kutsche als Verkehrsmittel abgelöst hat, wurde das Leben vieler Menschen komplett umgekrempelt. Die Digitalisierung wird noch einen wesentlich größeren Einfluss haben und auf sämtliche Lebensbereiche durchschlagen. Ich möchte mir nicht von späteren Generationen sagen lassen: ’Habt ihr eigentlich nicht gesehen, was da passiert? Das Internetgeschäft wird nicht auf einen Schlag den traditionellen Handel ablösen. Aber er wird sich dem stellen müssen.

Das Markenreich des Handelsriesen Tengelmann
Eingangsbereich einer Kaiser's-Filiale Quelle: Presse
Preisschild in einer Filiale des Discounters kik Quelle: dpa
Eingangbereich einer Obi-Filiale Quelle: Presse
Eingangsbereich einer Tedi Filiale Quelle: Presse
Innenbereich einer Woolworth-Filiale Quelle: Presse
Wartende Menschen vor einer Netto-Filiale Quelle: AP
Screenshot der Zalando-Website Quelle: Screenshot

Wie reagieren Sie darauf?

Wir investieren kräftig und betreiben etwa eine eigene Media-Agentur, die Webseiten für externe Kunden aufbaut und Unternehmen in ihrer E-Commerce-Strategie berät. Daneben haben wir inzwischen ein E-Commerce-Portfolio von fast 20 Beteiligungen aufgebaut - vom Schuhhändler Zalando bis zum Online-Maßschneider Youtailor. Und dabei wird es nicht bleiben. Momentan überlegen wir, ob wir in den Markt für Online-Spiele einsteigen. Der Markt entwickelt sich rasant.

Wachstum ist das eine, aber wie sieht es mit Gewinnen aus?

Es handelt sich um Start-up Unternehmen. Einige könnten schon Geld verdienen, wenn sie auf Werbung und Marketing verzichten würden, aber das ginge zu Lasten des Wachstums. Insofern schreibt keine unserer Online-Beteiligungen dicke schwarze Zahlen. Das heißt aber nicht, dass das auf Dauer so bleibt.

Wie wirkt sich der Online-Trend auf Ihr stationäres Geschäft aus mit Marken wie der Baumarktkette Obi, dem Bekleidungshändler Kik oder den Kaiser’s Tengelmann Supermärkten?

Unser klassisches Geschäft muss sich den Entwicklungen stellen, auch wenn unsere Geschäftsfelder nicht so angreifbar sind wie Buch- oder Plattenläden. Schwierig wird es für die Baumärkte, da sie eine große Produktpalette haben. Auch Obi ist seit einiger Zeit mit einem eigenen Online-Shop vertreten. Im Textildiscount sind die Margen sehr niedrig. Wenn Versandkosten und Retouren dazu kommen, bleibt für Internethändler keine Spanne mehr übrig. Auch der Lebensmittelhandel ist kaum bedroht, da der Onlineversand von frischen Produkten eine große Herausforderung ist. Trotzdem haben wir in München und Berlin einen Lieferservice aufgebaut, bei dem man Online und per Telefon ordern kann und der gut angenommen wird.

"Wir setzen auf Qualität und Beratung"

Internetseite amazon.com Quelle: dpa

Werden Sie den Online-Lebensmittelhandel auch deutschlandweit anbieten?

Bundesweit wollen wir das im Moment nicht machen. Wir kennen das Geschäft, wissen um die Stolperfallen und da wäre uns das Risiko des Scheiterns zu groß.

Vor zwei Jahren sagten Sie, im deutschen Einzelhandel gebe es 25 Prozent Überkapazität. Wie sehen Sie das heute?

Die Aussage gilt nach wie vor. In allen Handelssegmenten, bei Baumärkten genauso wie im Drogeriebereich oder bei Lebensmitteldiscountern, gibt es Überkapazitäten. Durch die demografische Entwicklung und das Internet wird der Trend noch verschärft. Ein Online-Händler wie Amazon ist in einigen Sortimentsbereichen mittlerweile einer der größte Anbieter. Diese Entwicklung kann auf Dauer nicht am stationären Handel vorbei gehen.

Wo wird es Konsolidierungen geben?

Ich schließe keinen Bereich aus. Im Lebensmittelhandel ist die Konsolidierung schon am weitesten fortgeschritten. Bei den Warenhäusern wird das Thema seit Jahren diskutiert. Auch im Baumarktbereich wird sich noch einiges tun.

Das klingt so, als würden Sie das Ende Ihres Wettbewerbers Praktiker erwarten?

Es wird spannend, wie es dort weiter geht. Im Sommer hatten sich bereits Vermieter von Praktiker-Immobilien an uns gewendet, die nach dem Auslaufen der Mietverträge gerne Obi als Mieter sehen würden. Inzwischen haben wir die ersten Abschlüsse für einige Standorte.

Warum hat Praktiker so zu kämpfen?

Ich kann nur sagen, warum es bei Obi gut läuft. Wir setzen auf Qualität und Beratung. Das schätzen die Kunden offenbar mehr als die alleinige Ausrichtung auf den Preis.

Wobei Deutschland ja sonst als Discount-Hochburg gilt...

In Baumärkte gehen die Kunden vor allem, wenn größere Projekte wie Renovierungen oder Hausumbauten anstehen. Die meisten Kunden kommen nicht jede Woche in den Markt, sie kennen nicht jedes Produkt und nicht jeden Preis. Es kommt oft auch nicht primär auf den Preis an. Im Lebensmittelhandel ist es anders, da kennen die Kunden die Bandbreite der Preise für Markenprodukte. Im Baumarktbereich ist mir kein Discount-Konzept bekannt, das erfolgreich ist. Man braucht Beratung, Anleitung, Hilfestellung und Auswahl in den Märkten - das funktioniert als reiner Billiganbieter nicht.

Warum kaufen Sie Praktiker nicht und flaggen die Märkte auf Obi um?

An Praktiker haben wir kein Interesse. Es gibt zu viele Überschneidungen mit Obi-Standorten.

"Wenig Platz zur Expansion"

Passanten laufen an einer Woolworth-Filiale vorbei Quelle: dpa

Gibt es andere Expansionsziele?

Unser Hauptfokus liegt auf dem Online-Geschäft, da fließen unsere Investitionen hin. Gerade haben wir uns am High-Tech Gründerfonds II beteiligt. Unser Internet-Engagement bedeutet aber nicht, dass wir nicht auch mal etwas Neues im stationären Geschäft versuchen. Bei dem Ein-Euro-Discounter Tedi haben wir uns daher ebenso beteiligt wie beim Kaufhausunternehmen Woolworth.

Wie läuft das Geschäft bei Woolworth?

Es ist ein tolles Unternehmen, wir haben treue Kunden, die das Unternehmen durch zwei Insolvenzen begleitet haben. Aber es bleibt ein herausforderndes und komplexes Geschäft. Die Kosten für Verwaltung und Logistik haben wir reduziert und das Sortiment gestrafft. Nun ist das Management dabei, die Läden zu modernisieren. Aber bei vielen Standorten kommen wir nur langsam voran, weil die Vermieter nicht mitspielen. Die sind oft ganz erschrocken, wenn man Ihnen sagt: ’Ihr müsst jetzt mal investieren.’ Da stoßen wir an Grenzen.

Was ist aus den ehrgeizigen Plänen geworden, langfristig bis zu 500 Woolworth-Läden zu betreiben?

Das Unternehmen hat nach wie vor ein hohes Expansionstempo. In diesem Jahr wurde das Filialnetz auf rund 200 Läden ausgedehnt. 2012 geht das Flächenwachstum weiter, dann haben wir auch ein adäquates Filialnetz und können die weiteren Schritte planen.

Der Textildiscounter Kik war jahrelang Ihr Wachstumstreiber. Wie lange kann das noch anhalten?

In Deutschland ist für KiK wenig Platz zur Expansion. Wenn Sie schon 3000 Filialen haben, können Sie nicht mehr jedes Jahr um 20 Prozent wachsen. Wir gehen hier mehr und mehr dazu über, ältere, kleinere Filialen durch neue, größere zu ersetzen. Das Wachstum wird in Zukunft daher noch stärker aus dem Ausland kommen.

Wie entwickelte sich das Textilgeschäft in den bestehenden Läden?

Flächenbereinigt gab es in diesem Jahr keine riesigen Zuwächse in Deutschland – dafür hat uns der schlechte Sommer das Geschäft zu stark verhagelt. Aber das traf fast alle Textil- und Schuhanbieter gleichermaßen. Im Moment läuft es bei Kik wieder ausgezeichnet. Jetzt hängt es vom Weihnachtsgeschäft ab, ob wir die Sommerdelle ausgleichen können.

In der Vergangenheit haben steigende Rohstoffkosten etwa für Baumwolle der Branche zugesetzt. Werden die Preise für den Endkunden weiter steigen?

Im Gegenteil: Wenn sich die Baumwollpreise so weiter entwickeln wie in den vergangenen Monaten, müssen die Endverbraucherpreise im kommenden Jahr eher sinken. Natürlich fließen auch Frachtraten, Wechselkurse, Energie- und Arbeitskosten in die Kalkulationen mit ein. Wie bei Aldi im Lebensmittelbereich schauen die Textilhändler sehr genau, was KiK bei den Preisen macht.

Es gibt doch jetzt schon bei Kik T-Shirts für 2,99 Euro. Wie steht es um Nachhaltigkeit und Qualität der Produkte?

Wir werden ja jetzt schon wie kein zweites Unternehmen kontrolliert, weil wir der größte Anbieter sind und alle meinen, dass es nicht sein kann, dass unsere Produkte so preiswert sind. KiK untersucht selbst, z. B. in einem Labor in der Zentrale, alle Produkte. Vor Ort in Bangladesch hat KiK vor kurzem ein Büro eröffnet, dass neben den Produkten auch die Arbeitsbedingungen dort prüft.

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