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Textil-Zertifikat „Der Grüne Knopf ist kein Garant für wirklich faire Herstellung“

Lavinia Muth ist Nachhaltigkeitsmanagerin beim Kölner Modeunternehmen Armedangels, das seit zwölf Jahren faire Kleidung produziert. Quelle: PR

Mit dem Siegel „Grüner Knopf“ für Textilien will die Bundesregierung für bessere Umwelt- und Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern sorgen. Für Lavinia Muth, Nachhaltigkeitsmanagerin der Modemarke ArmedAngels, geht das freiwillige Siegel nicht weit genug.

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Nachhaltig und fair gegenüber den Arbeitern: Die Modeindustrie scheint weitgehend einig, wie ihre Produktionsstandards aussehen sollten. Das neue Label „Grüner Knopf“, das am gestrigen Montag von Bundesentwicklungsminister Gerhard Müller (CSU) vorgestellt wurde, spaltet jedoch die Branche. Einige etablierte Hersteller von fairer und ökologischer Kleidung sehen in den Regularien des Labels Lücken und Verbesserungsbedarf. Zu ihnen gehört Lavinia Muth. Sie ist Nachhaltigkeitsmanagerin beim Kölner Modeunternehmen ArmedAngels, das seit zwölf Jahren nachhaltige Mode produziert und unter anderem bei den Handelsketten Breuninger und Peek&Cloppenburg erhältlich ist. Obwohl das Unternehmen zu den Marktführern für fair hergestellte Textilien gehört, wird der „Grüne Knopf“ auf kommenden ArmedAngels-Kollektionen nicht zu finden sein.

Frau Muth, Bundesentwicklungsminister Gerhard Müller hat in Berlin den „Grünen Knopf“ als neues Siegel für nachhaltige Textilproduktion eingeführt. Wieso ist ArmedAngels nicht damit ausgezeichnet?
Wir haben uns gar nicht auf dieses Zertifikat beworben. Natürlich unterstützen wir jede freiwillige Initiative zur Förderung von Nachhaltigkeit in der Textilindustrie, vertreten jedoch auch die Ansicht, dass ökologische und soziale Kriterien vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt durchgehend erfüllt werden müssen. Nach dem aktuellen Entwurf des „Grünen Knopfs“ lassen wir uns nicht zertifizieren, weil das Siegel mit den derzeit vorhandenen Lücken im Konzept kein Garant für wirklich faire und umweltfreundliche Herstellung ist.

In welchen Punkten entspricht der „Grüne Knopf“ nicht Ihren Vorstellungen von nachhaltiger und fairer Mode?
Ich habe meine Zweifel daran, dass sich die für den „Grünen Knopf“ gesetzten Produktionsideale im Ausland überprüfen lassen. Die Anforderungen, die bei der Überprüfung von externen Firmen herangezogen werden sollen, leuchten mir nicht ein. Außerdem ist noch nicht klar, wie die Besichtigungen, die zur Qualitätssicherung durchgeführt werden müssen, aussehen sollen. Das sehen wir kritisch, da sogenannte Audits nur eine Statusaufnahme vor Ort sind. Es ist wichtig, dass im Anschluss Korrekturen abgesegnet und Pläne gemeinsam mit dem Lieferanten ausgearbeitet und verbessert werden. Nach der Besichtigung die Anforderungen an den Lieferanten zu delegieren und einfach ein Siegel zu vergeben, ist in der Branche bereits üblich. Das bringt zwar Verbesserungen in Sachen Arbeitssicherheit, wo sich auch schon viel getan hat, aber kritische Zustände wie sklavenähnliche Verhältnisse am Arbeitsplatz lassen sich mit einem Audit nur sehr schwer feststellen.

Entwicklungsminister Müller sagte, das Siegel sei ein Beweis dafür, dass sich eine komplette Lieferkette bis in den Laden durchzertifizieren lasse. Wie bewerten Sie diese Aussage?
Das ist ein starkes Vorhaben. Aus meiner Erfahrung heraus würde ich sagen, dass so etwas zum aktuellen Zeitpunkt nicht möglich ist. Eventuell könnte man das mit einer vertikal aufgestellten Lieferkette, also wenn alle Verarbeitungsschritte unter einem Dach stattfinden würden, besser überprüfen. Für Einzelfälle mag es dennoch möglich sein, die Realität in der Textilindustrie sieht jedoch anders aus. Denn jeder Produktionsschritt erfordert eine bestimmte industrielle Spezialisierung und das Know-how. Das alles zu vereinen und selbst zu machen, wäre nicht wirtschaftlich.

Der „Grüne Knopf“ verpflichtet Hersteller, Arbeitern den örtlichen Mindestlohn zu zahlen – in Bangladesch beträgt er beispielsweise rund 83 Euro im Monat. Ist das eine effektive Maßnahme gegen Ausbeutung?
Wenn es um die Bezahlung geht, muss man zwischen existenzsicherndem und Mindestlohn unterscheiden. Es wird viel über existenzsichernde Löhne gesprochen, aber wirklich durch die gesamte Lieferkette werden sich nicht gezahlt. Das liegt meiner Ansicht nach vor allem an mangelnder Transparenz in den Kostenstrukturen: Sowohl für viele Unternehmen, als auch für den Endverbraucher ist nicht klar, wie sich der Preis für beispielsweise ein T-Shirt zusammensetzt. Eine Komponente ist der Lohn, aber den genauen Anteil am Kaufpreis kann man im Laden nicht herausfinden. Sagen wir, eine Jeans in Bangladesch zu produzieren kostet ungefähr fünf Euro – wenn sie Dank des „Grünen Knopfs“ einen Euro teurer wird, ist das schon viel. Die Frage ist, ob das Geld letztendlich auch bei den betroffenen Arbeitern ankommt.

Derzeit gibt es zahlreiche Siegel zur Zertifizierung von Ökologie oder Nachhaltigkeit in der Textilproduktion. Ist die Zusammenführung dieses Zertifikatdschungels unter dem „Grünen Knopf“ eine Verbesserung?
Das ist schon ein Schritt in die richtige Richtung. Ich finde die Idee total unterstützenswert, weil die Regierung damit zeigt, dass sie etwas ändern will. Und zwar nicht nur hier, sondern auch an den Standorten, wo unsere Kleidung hergestellt wird. Das ist grundsätzlich super. Allerdings bin ich der Meinung, wir sollten weniger Energie in freiwillige Branchenlösungen stecken und feste Rahmenbedingungen in Form von Gesetzen schaffen. Das wäre viel effektiver, denn die Zeit, etwas zu verändern, ist knapp: Die Umweltbelastung und der soziale Druck durch die Textilindustrie zerstört die Lebensgrundlage der Menschen, die in den Produktionsländern leben. Als ich 2011 an einem Produktionsstandort in Indien war, habe ich gesehen, wie effektiv ein staatlicher Eingriff sein kann. NGOs haben dort jahrelang versucht, Öko-Standards zu etablieren. Dann kam die Regierung und hat von heute auf morgen 700 Färbereien geschlossen. Erstmal standen die Arbeitnehmer auf der Straße, aber heute hat man diese Fabriken so auf Vordermann gebracht, dass Abwasserstandards eingeführt werden konnten.

Denken Sie, der „Grüne Knopf“ kann zu nachhaltigerem Konsum beitragen?
Wenn das passieren würde, hätte der „Grüne Knopf“ schon mehr geschafft, als andere Siegel. Ich weiß aber nicht, wie die Debatte dazu endet. Medial wird das Ganze gerade sehr groß diskutiert – wenn daraus ein Shitstorm wird, könnte das die Kaufbereitschaft der Kunden einschränken. Wenn sich aus dem neuen Siegel aber eine weitere Bewegung entwickelt, die Politiker auffordert, mutiger zu sein und feste Gesetze zu definieren, dann sind wir schon sehr weit. Mehr Bewusstsein für faire und nachhaltige Mode zu schaffen, ist auf jeden Fall der richtige Weg.

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