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Textilindustrie Wütender Aktionismus in Bangladesch

Unter den Trümmern der eingestürzten Textilfabrik in Bangladesch die Leichen von mehr als 1000 Menschen, die Kleidung für Europa genäht haben. Nun will die Regierung von Dhaka die Arbeitssicherheit verbessern – doch ohne die Fabrikanten wird das nicht funktionieren.

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Näherinnen demonstrieren nach dem Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch Quelle: dpa

In den ersten Tagen hallten Stimmen der Verzweiflung aus den Trümmern der eingestürzten Textilfabrik in Bangladesch, aber die letzten Schreie sind verstummt. Jetzt riecht der Schuttberg nach Verwesung, und niemand weiß, wie viele Tote noch unter dem Geröll liegen. Mehr als 1000 Opfer haben Helfer aus jener neunstöckigen Textilfabrik am Rande der Hauptstadt Dhaka geborgen, die am 24. April wegen baulicher Mängel eingestürzt war.

Der Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes ist die schlimmste Industriekatastrophe in der Geschichte von Bangladesch. In dem Betonklotz, der ohne Genehmigung aufgestockt wurde, nähten in fünf Textilfabriken mehr als 3000 Arbeiterinnen auch für deutsche Hersteller wie Kik. Gleichwohl ist die Tragödie nur eine von vielen: In der Nacht zum Freitag starben bei einem neuen Brand in einer Textilfabrik in Dhaka mindestens neun Menschen. Im Herbst waren bei einer ähnlichen Katastrophe 117 Menschen verbrannt.

Das scheint des Blutzolls genug zu sein: Die Regierung von Dhaka wacht langsam auf: Am Mittwoch ließ die Regierung nach eigenen Angaben 18 Fabriken aus Sicherheitsgründen schließen, weitere Lizenzen sollen entzogen werden. Textilminister Abdul Latif Siddique hat den Vorsitz eines Komitees übernommen, das jede der rund 5000 Fabriken des Landes auf Bau- und Brandschutz-Sicherheit überprüfen soll.

So tragisch die Unglücke sind – überraschend kommen sie nicht. In Dhaka, Bangladeschs verstauter und übervölkerter Hauptstadt mit ihren 15 Millionen Einwohnern im Speckgürtel, reiht sich ein Betonklotz an den nächsten. In den meisten Bauten sind auf acht, neun Etagen Textilfabriken untergebracht, mit 300 bis 400 Näherinnen pro Stockwerk. Wenn es in der Vergangenheit brannte, verschloss der Sicherheitsdienst aus naiver Furcht vor Diebstahl zuweilen die Türen. Und wenn es noch nicht brannte, so darf die Statik vieler Gebäude zumindest als fragwürdig gelten.

Angst um Markenruf

Produktionsbedingungen in der Textilfabrik
Das brennende Gebäude Quelle: dapd
Bangladeschs Hauptstadt Dhaka Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche
Slum von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche
Frauen in Bangladesch Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche
Männer verladen Altpapier Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche
Näherinnen in einer Fabrik Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche
Frauen in einer Fabrik mit vergitterten Fenstern Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche

Die Regierung weiß das, doch geschehen ist nichts. Die Mehrheit des Parlaments von Bangladesch dominieren Textilfabrikanten oder ihre Strohmänner. Der mächtigen Lobby der Textilhersteller, die für über 80 Prozent des Exports von Bangladesch stehen, hatte die Politik in Dhaka bis dato nie etwas entgegenzusetzen. Darum müssen die Näherinnen bis heute mit kaum mehr als 30 Euro Monatslohn auskommen – ein Salär, für das sich die Frauen in vermeintlich schwächer entwickelten Ländern Afrikas nicht krumm machen würden.

Und so ist der plötzliche Aktionismus der Politik vor allem dem Druck der Straße geschuldet. Dort protestieren die Menschen schon seit Wochen immer wieder für mehr Arbeitssicherheit, die Ausbezahlung von Überstunden, höhere Löhne und fairere Arbeitsbedingungen. Die meisten Bengalen verbringen die Nacht nach einem Zwölf-Stunden-Tag in einer schäbigen Textilfabrik im Slum – obwohl die Wirtschaft in den vergangenen Jahren stets um sieben, oft um mehr als zehn Prozent gewachsen ist.

In Arbeit
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In Bangladeschs Textilindustrie muss sich einiges ändern: Die Politik muss ein funktionierendes Kontrollsystem aufbauen, damit die Fabriken sicherer werden. Löhne sollten schrittweise steigen, die Arbeitszeiten sinken, auch um Streiks zu vermeiden. Dies alles setzt aber die Einsicht der lokalen Fabrikanten voraus, die bislang jede soziale Verbesserung im Keim ersticken.

Dabei sollten sie verstehen, dass ihnen bei anhaltenden Skandalen die Auftraggeber aus dem Westen ausbleiben – weil Unternehmen wie Esprit, H&M, C&A, ja sogar Kik wegen der tödlichen Zwischenfälle die Beschädigung ihrer Marken fürchten.

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