Thomas Middelhoff Was wirklich in seiner Zelle geschah

Schlafentzug im Gefängnis? Ein Bericht des nordrhein-westfälischen Justizministeriums über die "Haftbedingungen von Herrn Middelhoff in der JVA Essen" weckt Zweifel an den Vorwürfen des früheren Starmanagers.

Thomas Middelhoff Quelle: dpa

Thomas Middelhoff kann aufatmen. Nach fünf Monaten in Untersuchungshaft kann der frühere Top-Manager die Justizvollzugsanstalt Essen (JVA) wohl bald verlassen. Der Haftbefehl gegen ihn wegen Untreue und Steuerhinterziehung wurde jetzt vom Landgericht Essen unter strikten Auflagen außer Vollzug gesetzt. Bevor er die Haftanstalt verlässt, muss Middelhoff eine Kaution von 895.000 Euro hinterlegen. Außerdem hat er seine Reisepässe abzugeben. Nach Haftentlassung muss er sich regelmäßig bei der Polizei melden und darf Deutschland ohne Genehmigung des Gerichts nicht verlassen.

Die Strafkammer des Essener Landgerichts begründete den Beschluss damit, dass zwar weiterhin dringender Tatverdacht gegeben sei und auch Fluchtgefahr bestehe. Allerdings sei der Fluchtanreiz wegen einer Erkrankung derzeit gemindert, so müsse Middelhoff regelmäßig ärztlich behandelt werden.

Der Middelhoff-Prozess von A bis Z

Die Aussetzung des Haftbefehls ist für Middelhoff damit nur ein Etappensieg, zumal die Richter auch Zweifel an seiner Version erkennen ließen, dass erst die Haftbedingungen zu der jetzigen Erkrankung geführt hätten. Middelhoffs Anwälte hatten zuvor entsprechende Vorwürfe gegen die Justiz erhoben. Dass ihr Mandant in den ersten Haftwochen wegen möglicher Suizidgefahr auch nachts mindestens alle 15 Minuten kontrolliert worden sei, bezeichneten sie als „unter keinem denkbaren Gesichtspunkt gerechtfertigten Schlafentzug“. Dies habe offenbar das Immunsystem des Mandanten geschwächt.

"Für einen möglichen Zusammenhang zwischen der Erkrankung und dem behaupteten "Schlafentzug" in der JVA Essen haben sich für die Strafkammer weder aus den ärztlichen Unterlagen noch aus den Anhörungen der behandelnden Ärzte Anhaltspunkte ergeben", heißt es dagegen in einer Mitteilung des Gerichts.

Auch ein Bericht des Justizministerium des Landes Nordrhein-Westfalen reagiert über "die Haftbedingungen von Herrn Middelhoff in der JVA Essen", zeichnet ein anderes Bild.

Der Middelhoff-Prozess von A bis Z

Demnach wurde von der Leitung der JVA Essen anfangs eine Suizidgefährdung des Gefangenen angenommen , weshalb Middelhoff angeboten worden sei "mit einem anderen (zuverlässigen) Gefangenen in einem Gemeinschaftraum" inhaftiert zu werden. "Er hat diese Angebote nachdrücklich abgelehnt", heißt es in dem Bericht. In der Folge wurde der Ex-Manager in einer so genannten Beobachtungszelle untergebracht, die auch nachts beleuchtet wird. Damit soll sichergestellt werden, dass die JVA-Mitarbeiter die Zelle kontrollieren und so mögliche Suizidversuche verhindern können. Vom 14. November bis 10. Dezember sowie am 18. und 19 Dezember galt Middelhoff demnach als suizidgefährdet – und wurde entsprechend auch nachts beobachtet. Die JVA-Mitarbeiter hätten dabei im Abstand von 15 Minuten durch den Sichtspion geschaut. "Während der Nachtzeit wurde dazu kurzzeitig die ca. 50 cm lange Neonröhre eingeschaltet". Allerdings sei kaut dem Meldebuch "der Haftraum zur Nachtzeit nicht betreten worden."

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Middelhoff und seine Anwälte scheinen an den Maßnahmen zunächst auch keinen Anstoß genommen zu haben. In einem Gespräch mit dem Leiter des Psychologischen Dienstes "hat er geäußert, er fühle sich auf seiner Abteilung ‚gut aufgehoben‘ und ‚er schätze die Art des Umgangs der Bediensteten mit ihm‘", heißt es in dem Bericht.

Zudem hätten "in der gesamten Zeit, in der die Beobachtung durchgeführt worden ist, weder der Gefangene noch seine Verteidiger oder seine Angehörigen gegenüber Bediensteten der Justizvollzugsanstalt Essen vorgetragen, er werde durch die Beobachtung übermäßig belastet." Middelhoff hätte jederzeit auf einem Gemeinschaftshaftraum untergebracht werden können und habe fast ständig mit dem psychologischen Dienst in Kontakt gestanden.

Die Klagen über einen angeblichen "Schlafentzug" seien der JVA-Leitung erst durch Medienberichte, fast drei Monate nach Beendigung der Sicherungsmaßnahmen, bekannt geworden.

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