WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Toblerone hat weniger Zacken Wie eine Schweizer Schokolade zum Brexit-Opfer wird

In Großbritannien hat die Toblerone-Schokolade weniger Zacken und die Abstände dazwischen sind größer als sonst. Die Schweizer Süßigkeit ist ein Brexit-Opfer, meinen zumindest die Kunden und drücken ihre Wut im Netz aus.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Auf der Insel hat die Toblerone nur noch neun statt zwölf Zacken, dafür wächst zwischen diesen der Abstand. Quelle: AP

Toblerone in britischen Supermärkten hat weniger Zacken und größere Abstände dazwischen. Der Hersteller erklärt das mit höheren Einkaufspreisen für die Zutaten. Für Kunden dagegen ist klar: Die klassische dreieckige Schokolade zählt jetzt auch zu den Brexit-Opfern.

Die ersten Käufer konnten es kaum glauben: „Die haben die Schokolade teilweise noch im Laden ausgepackt und die Zacken gezählt – nicht nur einmal“, erzählt Jon, ein Verkäufer in einem Poundland-Supermarkt in der Londoner Innenstadt. Inzwischen belassen die Kunden es nicht beim Zählen, sondern lassen ihrer Wut und Enttäuschung freien Lauf – in Supermärkten, über Facebook und Twitter.

„Wer auch immer dies verbrochen hat, gehört entlassen“, fordert beispielsweise Facebook-Nutzer. Und ein anderer kritisiert: „Das ist unglaublich naiv von Euch, wenn Ihr glaubt, die Kunden so betrügen zu können –  indem ihr die Verpackungsgröße unverändert lasst, aber das Produkt komplett ruiniert.“ Andere Kunden machen keinen Hehl aus den Konsequenzen, sie sie ziehen werden: Sie wollen nicht mehr das Original kaufen, sondern die Nachahmerprodukte von Aldi und Lidl.

Auslöser der Aufregung war eine Ankündigung des Lebensmittelherstellers Mondelez: Die dreieckige Standard-Toblerone wird in Großbritannien leichter. Ansonsten hätte man angesichts steigender Ausgaben für die Zutaten die Preise für die Schokolade anheben müssen, erklärt der Konzern. Um das zu vermeiden, hat Mondelez die Zahl der Gipfel von zwölf auf neun reduziert und die Abstände dazwischen vergrößert.

Von „Mogelmilch“ bis Schummel-Schinken
Die Mogelpackung des Jahres ist nach Ansicht von Verbrauchern die Bebe Zartcreme. In einer Online-Abstimmung der Verbraucherzentrale Hamburg votierte knapp ein Drittel von insgesamt mehr als 26.000 Verbrauchern für das Kosmetikprodukt aus dem Hause Johnson & Johnson, wie die Verbraucherschützer am Montag mitteilten. Die Bebe Creme ist ihren Angaben zufolge durch neue Füllmengen um bis zu 84 Prozent teurer geworden. Quelle: Screenshot: bebe
Die Verbraucherzentrale Hamburg verleiht den Negativpreis Mogelpackung des Jahres seit 2013. An der Wahl 2016 nahmen insgesamt 26.132 Verbraucher teil, sechs Mal so viele wie im vergangenen Jahr. 2014 erhielt die Windelmarke Pampers von Procter & Gamble den Negativpreis. Diese Produkte waren in diesem Jahr nominiert... Quelle: dapd
Der Konsumgüterriese hat im vergangenen Jahr die Füllmenge seiner Dentagard-Zahnpasta von 100 Milliliter auf 75 Milliliter reduziert. Doch die Tube sei weiterhin in den meisten Drogerien und Supermärkten zum gleichen Preis verkauft worden, sagen die Verbraucherschützer. Der geschrumpfte Inhalt entspreche einer versteckten Preiserhöhung von 33,3 Prozent. Quelle: Screenshot: Dentagard
Auf den ersten Blick wurden die Schinkenspezialitäten von Herta sogar billiger. Statt 2,19 Euro oder 2,29 Euro kosteten sie laut Verbraucherzentrale nur noch 1,89 Euro oder 1,99 Euro. Gleichzeitig sei die Füllmenge der neuen Packungen aber drastisch reduziert worden – von 150 auf 100 Gramm. Dadurch ergebe sich eine Preiserhöhung von rund 30 Prozent. Quelle: Screenshot: Nestlé
Bei der sogenannten Kopfsteher-Flasche seines Curry Ketchups hat das Unternehmen die Füllmenge von 500 auf 400 Milliliter reduziert. Da gleichzeitig auch der Preis etwas gestiegen sei, entspreche das einer versteckten Preiserhöhung von bis zu 28 Prozent, beklagen die Verbraucherschützer. Zudem sei die ganze Palette der verschiedenen Heinz-Kopfsteherflaschen kleiner geworden. Quelle: Screenshot: Heinz
Der Kaffeekonzern hat die Füllmenge der Kapselpackung um fast die Hälfte reduziert. Sie sank von 475,2 auf 264 Gramm. Außerdem hat das Unternehmen laut den Verbraucherschützern statt echter Milch in Form von Vollmilchkonzentrat nun „Mogelmilch“ verwendet. Diese werde aus Sahneerzeugnis, Milchproteinen, Milchmineralien und Wasser zusammengefügt und von Verdickungsmittel zusammengehalten. Quelle: Screenshot: Jacobs

Zwar hat der Hersteller die Käufer schon im Oktober auf die leichtere Schokolade vorbereitet, doch der Proteststurm darüber ist jetzt erst so richtig auf der Insel losgebrochen. Die Schokolade sehe jetzt aus wie ein Abtropfständer für Geschirr, ätzt ein Toblerone-Fan über Twitter. Für andere steht fest: Der Gipfel-Klau ist eine Folge der britischen Entscheidung, aus der EU auszutreten. Brexit sei gerade Realität geworden, kommentiert der britische Labour-Politiker John Prescott über Twitter und zeigt ein Foto der gipfelreichen alten Toblerone mit dem Zusatz „Vor Brexit“ und ein Bild der neuen Toblerone mit der Überschrift „Nach Brexit“.

Wer sonst noch die Preise anzieht


Mondelez versucht britischen Medien den Zusammenhang mit dem Austrittsvotum auszureden. Die Veränderungen der Toblerone seien nicht eine Folge des Brexit, sagte eine Sprecherin der BBC. Sie räumte aber ein: Das schwache Pfund sei nicht gerade von Vorteil, wenn es um die Einkaufspreise der Zutaten gehe.

Die britische Währung hat seit dem Referendum Ende Juni mehr als 15 Prozent gegenüber dem Dollar eingebüßt. Hersteller von Elektrogeräten wie HTC und Dell, die Komponenten in japanischer oder US-Währung bezahlen, verdienen seither weniger auf der Insel und gehörten zu den ersten, die ihre Preise in Großbritannien erhöht haben. Einige Lebensmittelriesen haben sich bereits angeschlossen.

So hat Unilever im Oktober den urbritischen Brotaufstrich Marmite verteuert und sich einen heftigen Streit mit der Supermarktkette Tesco eingebrockt. Der Chipshersteller Walkers hat jüngst angekündigt, die Preise um etwa zehn Prozent zu erhöhen und Birds-Eye-Fischstäbchen könnten um bis zu zwölf Prozent teurer werden.

Experten zufolge ist das erst der Anfang. Die britische Währung könnte in den nächsten Monaten, sobald die offiziellen Austrittsverhandlungen zwischen Brüssel und London beginnen, noch stärker fallen und zu weiteren Preiserhöhungen in britischen Supermärkten führen.

Toblerone-Fans könnten damit aber offenbar besser leben als mit dem Gipfel-Klau: „Ich werde Toblerone boykottieren, bis die Änderungen rückgängig gemacht werden“, kündigt Darren Bottrill über Facebook an und fordert Mondelez auf: „Ändert den Preis, aber ändert nicht das Produkt.“ Andere Facebook-Nutzer schließen sich an: „Die charakteristische Form ist wichtiger als der Preis“, schreibt Aleksandra, „Ihr solltet den Preis erhöhen, statt die Form zu ändern.“ Eigentlich sollte man sich als Hersteller so etwas nicht zweimal sagen lassen.

Wo die großen Brexit-Baustellen sind

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%