WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Tönnies-Verkauf Auftakt zum letzten Akt

„Das Jahr hat Narben hinterlassen, ganz eindeutig. Es hat sich ein bisschen verheilt dadurch, dass erkannt ist, dass wir einen Unfall hatten“, sagte Clemens Tönnies. Quelle: dpa

Jahrelange Streitereien mit seinem Neffen, die gescheiterte Einigung mit ihm, der Corona-Ausbruch im Konzern, ein Rassismus-Eklat, Anfeindungen von Tierschützern und Gewerkschaften sowie das Debakel auf Schalke haben Fleisch-Milliardär Clemens Tönnies mürbe gemacht. Das Fleisch- und Wurstimperium Tönnies aus Rheda-Wiedenbrück steht vor dem Verkauf. Auch eine interne Lösung ist denkbar.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Einen Verkauf des gleichnamigen Fleisch- und Wurstimperiums hatte Clemens Tönnies immer kategorisch abgelehnt. Verkaufen? Niemals! Doch so viele zerstörerische Kräfte wie in den vergangenen anderthalb Jahren haben selbst den hartgesottenen Metzger mürbe gemacht. Ein langjähriger Weggefährte berichtet von einem Telefonat vor wenigen Wochen, in dem Clemens zunächst minutenlang über seinen Neffen Robert geschimpft habe. Anschließend habe er dann erstmals Worte gebraucht wie ich schmeiße hin, ich habe keine Lust mehr, dann verkaufe ich eben.

„Das Jahr hat Narben hinterlassen, ganz eindeutig. Es hat sich ein bisschen verheilt dadurch, dass erkannt ist, dass wir einen Unfall hatten“, sagte Clemens Tönnies der Deutschen Presse-Agentur – kurz vor dem 9. März, an dem sein 1994 verstorbener Bruder Bernd vor 50 Jahren ein Gewerbe für den Verkauf von Fleischprodukten angemeldet hatte. Abschießend juristisch bewertet sind der Corona-Ausbruch im Tönnies-Schlachthof in Rheda-Wiedenbrück und die Hintergründe dafür jedoch noch nicht.

Die Ermittlungen der Polizei Gütersloh und Staatsanwaltschaft Bielefeld wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Körperverletzung und Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz sind noch nicht beendet. Am Verwaltungsgericht Minden läuft eine von Tönnies eingereichte Klage gegen die wochenlange Schließung im Frühjahr 2020. Clemens Tönnies will wissen, mit welcher Begründung sein Betrieb über Wochen lahmgelegt wurde. „Hätte man uns, so wie andere Betriebe, nur für 7 bis 10 Tage geschlossen, hätte es diesen Schweinestau nicht gegeben. Aber die Stimmung war so aufgeheizt, das war behördlich nicht durchzusetzen.“

Clemens Tönnies hält 45 Prozent am Fleisch- und Wurstkonzern aus dem westfälischen Rheda-Wiedenbrück, sein Sohn Maximilian fünf Prozent und sein Neffe Robert 50 Prozent. Robert, Sohn des Unternehmensgründers Bernd, streitet sich seit Jahren mit seinem Onkel. Nach dem Corona-Ausbruch mit fast 1500 infizierten Mitarbeitern im vergangenen Jahr forderte er den Rücktritt seines Onkels wegen Gefährdung des Unternehmens und der Bevölkerung.

Die Schlacht der Schlachter tobt jedoch schon seit fast einem Jahrzehnt. In rund zwei Dutzend Verfahren beschäftigten sich Land- und Oberlandesgerichte bis hin zum Bundesgerichtshof mit einer der heftigsten und hartnäckigsten Clan-Fehden der Republik. Ursprünglich ging es Robert Tönnies darum, eine Schenkung zu widerrufen, mit der er und sein Bruder Clemens junior ihren Onkel Clemens 2008 zum gleichberechtigten Gesellschafter gemacht hatten.

Als kaum noch jemand damit rechnete, kam es im Frühjahr 2017 zum westfälischen Frieden. Ein Einigungsvertrag zwischen den Kontrahenten sah vor, dass Clemens Tönnies sein privates Wurstimperium Zur Mühlen in den Konzern integriert und dass er und Robert als gleichberechtigte Gesellschafter jeweils zwei Geschäftsführer für die Holding bestellen können.

Die Harmonie währte nur kurz. Schon vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie, im Juli 2019, reichten die Anwälte von Robert Tönnies bei der Deutschen Institution für Schiedsgerichtsbarkeit e.V. (DIS) in Bonn eine Klage gegen Clemens Tönnies und dessen Sohn Maximilian ein. Mit der Klage sollte festgestellt werden, dass ein Gesamtverkauf der Tönnies-Gruppe stattzufinden habe. Der Streitwert wird in der 29-seitigen Klageschrift, die der WirtschaftsWoche vorliegt, mit 600 Millionen Euro angegeben.



Die Klage bezieht sich auf die im April 2017 geschlossene „Vereinbarung zur Neuordnung der Tönnies-Gruppe und Beilegung der Rechtsstreitigkeiten“. Aufgrund dieser Rahmenvereinbarungen liege nun ein wichtiger Grund vor, weshalb der Schiedskläger, also Robert Tönnies, von den Schiedsbeklagten Clemens und Max Tönnies einen Gesamtverkauf der Tönnies-Gruppe verlangen kann. Die Parteien seien verpflichtet, den Gesamtverkauf nach Kräften zu fördern.

Immer wieder sei es zu „einer rasant fortschreitenden Zerrüttung“ zwischen Robert und seinem Onkel Clemens gekommen, heißt es in der Klageschrift. Im Einigungsvertrag wurde für den Zerrüttungsfall eine Exit-Klausel eingebaut. Nach dieser kann im Falle einer Zerrüttung jeder der beiden Hauptgesellschafter den Gesamtverkauf des Unternehmens in einem geordneten M & A – Prozess verlangen. Diesen Weg hatten Robert und Clemens Tönnies offenbar schon seit Monaten angestrebt. Clemens hatte aber kurz vor der Realisierung wieder einen Rückzieher gemacht. Jetzt will Robert Tönnies mit dieser Klage den Gesamtverkauf durchsetzen. Dabei können sowohl Clemens, als auch sein Neffe Robert als kaufwillige Interessenten auftreten.

Dafür spräche jedenfalls ein Schreiben an die Belegschaft und an Lieferanten, in dem Clemens und sein Sohn Max die Verkaufsabsichten zurückweisen. In den vergangenen Stunden sei von interessierten Gruppen das Gerücht gestreut worden, dass Tönnies vor dem Verkauf stehe, heißt es. Man sei jedoch durch den Erfolg der vergangenen Jahrzehnte nicht müde, in die nächste Generation zu starten. Mit Sohn Maximilian sei die nächste Generation bereits im Management. Weiter heißt es in dem Rundschreiben, die Tönnies-Gruppe investiere stark in Deutschland, Dänemark, Großbritannien, China und Spanien. Man expandiere im Veggiemarkt und entwickle Haltungssysteme für Schweine. Diesen Kurs wolle Tönnies gemeinsam mit den in dem Schreiben angesprochenen Lieferanten und Mitarbeitern weiter verfolgen. Man lasse sich von den Gerüchten nicht beeinflussen und sei bereit für die Zukunft im Unternehmen.

In der Meldung der Nachrichtenagentur Bloomberg, die gestern am frühen Abend von den Verkaufsabsichten berichtete, ist von einer internen Lösung jedoch keine Rede. Insider, möglicherweise aus Kreisen der beauftragten Investmentbanken, bringen als denkbare Kandidaten lediglich große internationale Wettbewerber ins Spiel – darunter der börsengelistete US-Branchenprimus Tyson Foods mit einem Umsatz von 35 Milliarden Euro und einem Börsenwert von 28 Milliarden Dollar. Ebenfalls als potenzieller Übernehmer wird JBS genannt, der größte Fleischproduzent der Welt mit Sitz in Brasilien und einem Umsatz von 50 Milliarden Euro.

Das interessiert WiWo-Leser heute besonders


 Was heute wichtig ist, lesen Sie hier


Als Kandidat gilt auch die chinesische WH Group mit rund 20 Milliarden Euro Umsatz. Tönnies beschäftigt insgesamt 16.500 Mitarbeiter und schlachtete in seinen Werken jährlich 17 Millionen Schweine. Tönnies erlöste im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben einen Umsatz von 7,3 Milliarden Euro und ist damit einer der größten europäischen Fleischverarbeiter. Das Unternehmen beliefert zahllose Discounter und Lebensmittelmärkte mit Frischfleisch und Wurst. Die Produkte werden weltweit verkauft. Zu den in Deutschland bekannten Marken gehören etwa Tillmann’s, Böklunder, Gutfried und Redlefsen.

Mehr zum Thema: Clemens Tönnies ist streiterprobt. In der Coronakrise steht der Großschlachter so stark unter Beschuss wie noch nie. Doch der 64-Jährige gab sich noch im Juni 2020 kämpferisch: „Wir werden die Branche verändern“.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%