Toys’R‘Us-Pleite "Sie werden alle bereuen, was hier passiert"

Quelle: Jason Alden, Bloomberg

Game over in den USA. Die erhoffte Sanierung der Spielzeugkette Toys’R‘Us ist gescheitert, nun werden 735 US-Läden abgewickelt. Der Kollaps hat gravierende Folgen für die deutsche Tochtergesellschaft.

Detlef Mutterer gab sich gelassen: „Die europäischen Toys’R‘Us-Gesellschaften bleiben von dem freiwillig eröffneten Restrukturierungsverfahren unberührt“, beteuerte der Deutschlandchef der US-Spielwarenhändlers Toys’R‘Us im Herbst in einem Interview. Kurz zuvor hatten seine Managementkollegen in den USA Gläubigerschutz beantragt und mit dem Chapter-11-Verfahren eine Insolvenzvariante gewählt, die auf Rettung und Sanierung zielt. Kein Grund zur Panik also, so die damalige Botschaft aus dem Kölner Hauptquartier. Es gehe bei dem Verfahren „weder um eine Geschäftsauflösung noch einen Konkurs nach deutschem Verständnis“. Ziel sei es, die Schulden bei laufendem Betrieb zu senken – „zum Zweck der Rückkehr auf eine nachhaltige Erfolgsspur für das Unternehmen“.

Doch gestern Nacht sind Mutterers Versprechen in sich zusammengefallen wie Konstruktionen aus Holzklötzchen. Die zunächst geplante Sanierung des US-Geschäfts ist krachend gescheitert. Das Unternehmen hatte statt der Restrukturierung über Chapter 11 die Großabwicklung gestartet. Wahrscheinlich wird nun ein Verfahren via Chapter 7 des amerikanischen Insolvenzrechts eingeleitet. „Ziel des Chapter-11-Verfahrens war es, die US-amerikanische Mutter von Toys’R‘Us möglichst schnell finanziell zu restrukturieren und wieder handlungsfähig zu machen“, sagt Annerose Tashiro, Leiterin des Geschäftsbereichs Internationale Restrukturierungsberatung bei der Sanierungskanzlei Schultze & Braun. „Im Chapter-7-Verfahren geht es um die Abwicklung des Konzerns“, so Tashiro. Die verbliebenen 735 US-Filialen sollen in den nächsten Wochen geschlossen werden, der Geschäftsbetrieb wird eingestellt, 30.000 Mitarbeiter verlieren ihre Jobs.

Konzernchef David Brandon hatte die Entscheidung nach US-Medienberichten in der Nacht am Hauptsitz in New Jersey den Mitarbeitern mitgeteilt. „Ich habe immer geglaubt, dass diese Marke und dieses Geschäft in den USA existieren sollten“, sagte Brandon laut dem „Wall Street Journal“ in einer anschließenden Telefonkonferenz mit Mitarbeitern. Dabei ging er auch mit Lieferanten und Kunden, die Toys’R‘Us zuletzt den Rücken gekehrt hätten, hart ins Gericht: Sie „werden alle bereuen, was hier passiert“, sagte er.

„Das ist ein zutiefst trauriger Tag für uns und die Millionen von Kindern und Familien, denen wir in den letzten 70 Jahren gedient haben“, so Brandon. „Aber wir haben nicht länger die finanzielle Unterstützung, um unser US-Geschäft fortzuführen.“ Eine Einigung mit den Gläubigern zur Umschuldung sei gescheitert. Kurz zuvor hatte bereits die britische Toys’R‘Us-Tochter die Abwicklung des Filialnetzes eingeleitet. Der Versuch, einen Käufer zu finden, sei gescheitert, erklärte die mit der Verwaltung des britischen Unternehmens beauftragte Kanzlei Moorfields. Der Spielwarenhändler schließt auch dort alle seine 100 Filialen.

Damit steigt auch der Handlungsdruck auf die deutsche Tochter, die nach Unternehmensangaben hierzulande 66 Filialen betreibt sowie laut Veröffentlichungen im Bundesanzeiger für die Online-Shops in Deutschland, Österreich und den Niederlanden verantwortlich ist. „Die Nachrichten aus den USA verstärken unsere Sorge, dass die Krise der Muttergesellschaft auch Folgen für die deutschen Standorte hat“, sagte Daniela Rogge, Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats von Toys’R‘Us Deutschland der WirtschaftsWoche.

Wie geht es in Deutschland weiter?

Wie also geht es nun in Deutschland weiter? Neben dem Ende für die US-Filialen kündigte Konzernchef Brandon an, dass auch die Geschäfte in Frankreich, Spanien, Polen und Australien dichtgemacht werden könnten. Die Filialen in Kanada, Asien und Mitteleuropa sollen verkauft werden. Zu letzteren würde auch das Deutschlandgeschäft zählen. 

Doch unter Lieferanten und Geschäftspartnern wächst die Skepsis, ob ein schneller Verkauf gelingt. Auch intern brodelt die Gerüchteküche. Auf den Fluren der Kölner Zentrale und in den Filialen wird über die Zukunft gerätselt. „Die Toys’R‘Us-Mitarbeiter in Deutschland möchten jetzt vor allem wissen, wie es weiter geht“, so Arbeitnehmervertreterin Rogge. „Doch bislang gibt es dazu keine konkreten Informationen.“

Tatsächlich hat sich die deutsche Unternehmensleitung während der gesamten Restrukturierung bedeckt gehalten. Eine Anfrage der WirtschaftsWoche vor wenigen Tagen blieb inhaltlich unbeantwortet. Nur so viel: „Auf Grund von einer Vielzahl an Anfragen, die uns täglich erreicht“, könne man „nicht alle bedienen“. Die Mitarbeiter erfuhren kaum mehr.

Dabei zeichneten sich bereits in den vergangenen Wochen wichtige Veränderungen und Weichenstellungen ab. So wurden Mitarbeiter vor wenigen Tagen aufgefordert, Robert Zarra, den langjährigen zweiten Deutschland-Geschäftsführer aus den E-Mail-Signaturen zu entfernen. Auch im Impressum des Online-Shops taucht Zarra nicht mehr auf. Eine Erklärung gab es nicht, berichtet ein Mitarbeiter. Auch die Auswirkungen des Insolvenzantrags der britischen Toys-Tochter vor wenigen Tagen, die über die IT auch Folgen auf das deutsche Geschäft haben könnte, blieben weitgehend unkommentiert. Deutschlandchef Mutterer ließ zwar ein so genanntes Townhall-Meeting einberufen, bei dem die Beschäftigten den Worten ihres Chefs lauschen durften. Allein, der Informationsgehalt der Veranstaltung tendierte nach Ansicht eines Teilnehmers gegen null. Auch als sich am vergangenen Freitag die Lage in den USA zuspitzte, ließ die Geschäftsleitung lediglich vier knappe Sätze an die Mitarbeiter verschicken. Tenor: Wir wissen auch nicht mehr, als in der Presse steht.

Im Hintergrund dürften derweil längst Gespräche mit potenziellen Investoren laufen. Ob es dabei um das Europageschäft im Verbund mit weiteren Toys-Teilen – etwa Asien – geht, oder aber separat um Toys-Deutschland, ist offen.

Gleichwohl sind die Rückwirkungen der jüngsten US-Volten auf einen Verkauf schwer abzuschätzen. Immerhin, die deutsche Tochtergesellschaft arbeitete in den vergangenen Jahren profitabel. Trotzdem: „Viel hängt davon ab, ob die Tochtergesellschaften für die Verbindlichkeiten des Mutterkonzerns in den USA haften“, sagt Expertin Tashiro. Das könnte Investoren abschrecken, schließlich hatte der Konzern vor dem Insolvenzantrag im September einen Schuldenberg von 4,9 Milliarden Dollar angehäuft.

Unklar ist auch, wie Lieferanten und Geschäftspartner – etwa Vermieter, Warenkreditversicherer oder das Verrechnungskontor Markant – auf die neue Situation reagieren. „Unberührt“ jedenfalls – wie Deutschlandchef Mutterer verkündete – wird das Unternehmen nicht von dem Absturz der Muttergesellschaft bleiben.

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