Überwachungsskandal Rewe soll Mitarbeiter ausgespäht haben

Der Rewe-Konzern und seine Discount-Kette Penny sollen über Jahre Mitarbeiter bespitzelt haben  - nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch im privaten Umfeld.

Diese Firmen haben Mitarbeiter ausspioniert
Mr. WashDie Autowasch-Kette hat ihre Mitarbeiter laut einem Magazin-Bericht systematisch mit Überwachungskameras kontrolliert. Das berichtete der
WaterSaver Faucet Das Unternehmen WaterSaver aus Chicago stellt Wasserhähne und Badezimmerarmaturen her. Die Mitarbeiter des Hauses dürfen sich allerdings nicht zu lange in den Waschräumen und Toiletten aufhalten. Der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens, Steve Kersten, rechnet vor, dass das Unternehmen allein im Mai 120 Produktionsstunden eingebüßt hat, weil die Mitarbeiter anstatt am Fließband auf der Toilette waren. 19 Mitarbeiter habe man wegen exzessiver Toilettennutzung bereits abgemahnt. Der Verdacht: Die Angestellten ziehen sich auf die Toilette zurück, um mit dem Handy zu spielen oder im Netz zu surfen. Daher müssen die Mitarbeiter von Water Saver die Toiletten jetzt mit ihrer Chipkarte öffnen und schließen. Dabei wird die Zeit erfasst. Wer in zehn Tagen weniger als 60 Minuten auf der Toilette verbringt - also weniger als sechs Minuten pro Tag - bekommt einen Geschenkgutschein im Wert von 20 Dollar. Wer länger braucht, muss sich rechtfertigen. Aber nicht nur in den Staaten, auch in Deutschland gehen Unternehmen zu weit... Quelle: dpa
Euro DisneyMinnie Mouse, Mickey Mouse und Donald Duck winken vor dem Dornröschenschloss im Vergnügungspark Euro Disneyland bei Paris. Weniger fröhlich ging es hinter den Kulissen zu: Euro Disney muss eine Geldstrafe von 150.000 Euro zahlen, weil tausende Mitarbeiter und Bewerber mit Hilfe zweier ehemaliger Polizisten ausgespäht wurden. Diese verschafften dem Unternehmen Zugang zu tausenden Daten von Polizei, Justiz und Einwanderungsbehörden; dafür sollen sie mehrere hunderttausend Euro erhalten haben. Die ehemaligen Polizisten wurden zu sechs und zehn Monaten Haft auf Bewährung und zu Geldstrafen von 3000 und 4000 Euro verurteilt. Das Urteil fiel am 27. Juni, der Freizeitparkbetreiber wies darauf hin, dass die illegalen Praktiken bereits 2004 eingestellt worden seien. Man habe die Überwachungen zur Sicherheit eingeführt, um sich vor Terroristen und Kinderschändern zu schützen. Quelle: dpa/dpaweb
PennyDiscounter Penny, der zum Handelskonzern Rewe gehört, soll Mitarbeiter systematisch bespitzelt haben. Das berichtet das TV-Magazin Frontal 21. Detektive sollen sogar das Privatleben von Mitarbeitern ausgespäht haben. Außerdem sollen in zahlreichen Rewe- und Penny-Läden Videokameras angebracht worden sein, ohne, dass die Mitarbeiter über diese informiert worden seien. In einer ersten Stellungnahme räumte Rewe Verstöße ein, schloss eine flächendeckende Überwachung jedoch kategorisch aus. Quelle: dpa
Bäckereikette Ihle Quelle: dpa
Aldi Kassiererin Quelle: AP
Lidl Firmenschild Quelle: AP

Bislang galt die Kölner Rewe-Gruppe als einer der fairsten Arbeitgeber im deutschen Einzelhandel. Von Skandalen über den Umgang mit Mitarbeitern, wie sie Aldi, Lidl oder Netto erschütterten, blieben die Rewe-Supermärkte und die Discount-Tochter Penny verschont – bis heute.  Nach Recherchen des TV-Magazins Frontal 21 soll der Konzern Mitarbeiter in Einzelfällen nach Stasi-Manier durchleuchtet haben. So hätten Detektive Mitarbeiter im Privatbereich observiert und sogar deren Kellerräume durchsucht. Selbst der Angestellte eines Dienstleisters sei tagelang verfolgt und mit seiner Familie beim Einkaufen gefilmt worden, geht aus den Recherchen des Magazins hervor.

Ein Rewe-Mitarbeiter entfernt eine Überwachungskamera in einer Filiale in Osterhofen Quelle: ZDF

Zudem seien in zahlreichen Rewe- und Penny-Filialen Kameraanlagen installiert worden, von denen die Mitarbeiter nichts wussten. Für den Einsatz solcher verdeckten Überwachungsanlagen gelten strikte Regeln. Zu klären ist nun, ob die vom Unternehmen stets eingehalten wurden.

Peter Schaar, Bundesbeauftragter für den Datenschutz, rügt dem Bericht zufolge die Überwachungspraxis des Kölner Konzerns: „Wenn sich ein Unternehmen fortgesetzt nicht an Recht und Gesetz hält und die Mitarbeiter hintergeht oder hinterrücks heimlich überwacht und das nicht nur in einem gerechtfertigtem Extremfall, ist das eine nicht hinnehmbare Praxis, die durch eine Aufsichtsbehörde geahndet oder vor Gericht geklärt werden muss.“

In einer ersten Stellungnahme räumte Rewe Verstöße ein, schloss eine flächendeckende Überwachung jedoch kategorisch aus. „Tatsache ist“, heißt es, „dass es im Zeitraum 2009/2010 Einzelfälle gegeben hat, in denen eine einzelne Mitarbeiterin der Revision bei Penny Süd eigenmächtig und ohne Anweisung von Vorgesetzten sowie ohne die erforderliche Zustimmung des Betriebsrates eine verdeckte Überwachung von Penny-Mitarbeitern veranlasst hat.“

Diese Vergehen seien von der Konzernrevision Ende des Jahres 2010 aufgedeckt worden. Von der verantwortlichen Mitarbeiterin habe sich das Unternehmen sofort getrennt. Auch die Geschäftsbeziehungen zu der Detektei seien unverzüglich beendet worden. „Die Behauptung, dass solche Maßnahmen wie im Jahr 2009/2010 in Einzelfällen geschehen, seitdem bis heute flächendeckend praktiziert würden, entbehrt daher jeder Grundlage", sagte ein Konzernsprecher. 

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Hier steht ein Element, an dem derzeit noch gearbeitet wird. Wir kümmern uns darum, alle Elemente der WirtschaftsWoche zeitnah für Sie einzubauen.

Laut Frontal21 überwacht der Konzern allerdings bis heute Mitarbeiter auch verdeckt. Dies belegen aktuelle Aufnahmen von einer Rewe-Filiale.  „Jeder Einsatz der verdeckten Videoüberwachung ist gesetzeskonform, dient immer und ausschließlich der Aufklärung von Straftaten, ist nur bei einem konkretem Verdacht zeitlich befristet zulässig und bedarf der Zustimmung des Betriebsrats“, teilt dazu von Rewe-Sprecher mit.

Schon in der Vergangenheit sorgten zahlreiche Fälle von Überwachungen von Beschäftigten im Einzelhandel für Aufsehen.  Mit entsprechenden Vorwürfen sahen sich etwa die großen Discountketten Lidl und Aldi ausgesetzt.  "Immer wieder wird bekannt, dass sich Unternehmen für das Privatleben ihrer Beschäftigten interessieren", sagt etwa der frühere Aldi-Manager und Buchautor Andreas Straub im Interview mit wiwo.de. "Fliegt eine Bespitzelungsaktion auf, kann die Unternehmensspitze im Zweifel darauf verweisen, dass ein externer Dienstleister zuständig war: Man selbst hätte natürlich nie entsprechende Informationen angefordert", so Straub.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%