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Umweltschutz Grüne Schamesröte

Peinlich, peinlich: Umweltschädliches Verhalten wie etwa die Benutzung von Plastiktüten kann am besten mittels Scham bekämpft werden. Quelle: dpa

Umweltverschmutzung muss peinlich werden, damit die Menschen ihr Verhalten ändern. Dachte sich auch ein kanadischer Supermarkt und bedruckte Plastiktüten mit Peinlichkeiten. Doch das ist viel zu unradikal! Eine Glosse.

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Der kanadische East-West-Supermarkt aus Vancouver hat eine kreative Lösung gefunden, um seine Kunden davon abzuhalten, die Einkäufe in Plastiktüten nach Hause zu tragen: Der Supermarkt bedruckt seine Plastikbeutel mit peinlichen Slogans erfundener Geschäfte, mit denen man eher nicht in Verbindung gebracht werden möchte, berichteten US-amerikanische Medien. Wohl niemand, dachte man sich beim East-West-Supermarkt, will auf der Straße gesehen werden mit einer Tüte in der Hand, die einen als Kunden des „Erwachsenen-Video“-Ladens ausweist, oder als benötige man „Warzensalbe“ oder „Dickdarm-Pflegemittel“. Folglich, so die Annahme, wird der Kunde freiwillig auf das umweltschädliche Plastik verzichten.

Eine gute Idee, die in die Moderne passt. In der Heimat der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg hat sich schließlich der Begriff „Flugscham“ etabliert. Umweltverschmutzung muss demnach peinlich werden, damit die Menschen ihr Verhalten ändern. Dass die Aktion der Kanadier nun auch zur Folge hatte, dass Kunden die Tüten, ganz dem ironischen Zeitgeist folgend, als sehr witzig empfinden und sogar extra anschaffen wollen, ist natürlich Pech für den Supermarkt – aber unabhängig davon ist die Idee natürlich auch viel zu unradikal gedacht.

Die Forderungen der Klimaaktivisten sind radikal – also darf auch die Idee aus Vancouver nicht so hasenfußartig daherkommen. Sie muss rücksichtslos weitergedacht werden. Wer also seinen Kaffee zum Mitnehmen kauft, wird sich zweimal überlegen, ihn in einem Plastikbecher umherzutragen, auf dem „Eigenurin“ steht. Wer einen Inlandsflug bucht, sollte in Zukunft nicht nur mit Geld dafür zahlen, sondern auch mit der Zwangsveröffentlichung all seiner missglückten Tinder-Anmachsprüche, inklusive der Absagen; wahlweise per Rundmail, Facebook, Twitter oder Hausanstrich.

Erfolgreiche Teilnahme am Kollegah-Coachingseminar

Wer im Restaurant ein klimaschädliches Steak bestellt, muss dafür büßen: Kellner dürfen es nur noch servieren zusammen mit einem laut vorzulesenden Zertifikat für die erfolgreiche Teilnahme an einem Kollegah-Coachingseminar. Und der Bezug von Kohlestrom wird per Bundesgesetz einhergehen müssen mit einer dauerhaften öffentlichen Beschallung aller Pornos, die der Bezieher ausweislich seiner Firefox-Suchhistorie angeschaut hat. Wer die Historie gelöscht hat – kein Problem: Das Filmchen wird individuell zusammengestellt vom BND.

Denkverbote darf es nicht geben. Auch über regional angepasste Schamsanktionen muss nachgedacht werden; denn was einem Berliner blamabel erscheint, macht vielleicht den Saarländer froh und umgekehrt. Wer also in Berlin-Friedrichshain oder Kreuzberg wohnt und immer noch (!) kein Fairphone benutzt, sollte zur Strafe so beharrlich mit Funktionskleidung ausstaffiert werden, bis der Freundeskreis sich fremdschambehaftet abwendet. Dann kann der Umweltsünder immer noch sein Verhalten ändern – oder nach Kanada auswandern und ironisch Plastiktüten tragen.

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