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Untreue-Prozess gegen Middelhoff Jurist: "Chancen für Freispruch sind gering"

Der Staatsanwalt wirft Ex-Arcandor-Chef Middelhoff Untreue vor und fordert mehr als drei Jahre Haft. Die Verteidigung nennt die Vorwürfe maßlos und plädiert auf Freispruch - Rechtsexperten halten das für unrealistisch.

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Im Untreue-Prozess gegen Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff (Az. 35 KLs 14/13) hat die Verteidigung einen Freispruch gefordert. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen Middelhoff seien maßlos und polemisch, sagte Middelhoffs Anwalt Udo Wackernagel am Donnerstag in seinem Plädoyer vor dem Essener Landgericht. Middelhoff müsse freigesprochen werden.

Die Staatsanwaltschaft Bochum hatte vergangene Woche eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten Haft für den 61-Jährigen gefordert. Konkret wirft die Staatsanwaltschaft dem ehemaligen Top-Manager vor, Arcandor zu Unrecht mit Kosten für überwiegend private Charterflüge und eine Festschrift belastet zu haben. Middelhoff  habe seine Treuepflichten verletzt und dem inzwischen insolventen Handelskonzern in 44 Fällen geschadet. Middelhoff bestreitet sämtliche Vorwürfe.

Den Gesamtschaden beziffert die Staatsanwaltschaft auf 1,1 Millionen Euro. Allein mit einer einzigen New-York-Reise soll Middelhoff für einen Schaden in Höhe von rund 91.500 Euro gesorgt haben. Dass Middelhoff angesichts dieser Summen völlig straffrei ausgeht, halten Rechtsexperten für unrealistisch.

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„Die Chancen für einen Freispruch sind eher gering“, sagte Rechtsprofessor Jürgen Taschke im Gespräch mit unserer Redaktion. Es sei nicht ungewöhnlich, dass Gerichte auch bei Managern Freiheitsstrafen verhängen würden. Die Forderung der Staatsanwaltschaft auf drei Jahre und drei Monate Haft liege angesichts der behaupteten Schadenssumme in Höhe von 1,1 Millionen Euro im üblichen Bereich.

„Die spannende Frage ist eigentlich, ob es zu einer Bewährungsstrafe kommt“, sagt Taschke, der für die Großkanzlei DLA Piper tätig ist. „Bei mehr als zwei Jahren Freiheitsstrafe wäre das ausgeschlossen.“ Middelhoff müsste dann in Gefängnis.

Middelhoff büßt schon finanziell

Wirtschaftsstrafrechtler Tido Park gibt allerdings zu bedenken, dass Middelhoff schon zivilrechtlich zu einer Zahlung von 3,4 Millionen Euro für seine Flüge verurteilt wurde. „Das muss sicherlich berücksichtigt werden“, sagte Park. „Er büßt ja schon finanziell.“ Das Strafmaß für Untreue beträgt pro Einzelfall maximal fünf Jahre Haft.

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Wenn Untreue in mehreren Fällen vorliegt, so wie es Middelhoff vorgeworfen wird, kann das Strafmaß allerdings erhöht werden. „Dabei wird das Strafmaß für die Einzeltaten allerdings nicht addiert, sondern auf insgesamt maximal fünfzehn Jahre erhöht“, sagt Rechtsprofessor Park.

Ein Urteil im Untreue-Prozess gegen Thomas Middelhoff könnte kommende Woche fallen.

Middelhoff galt einst als Goldjunge des Turbokapitalismus. In seinen vier Jahren als Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann verdoppelte er den Umsatz des Konzerns aus Gütersloh. Seine Mitarbeiter nannten ihn damals ehrfurchtsvoll „Big T“. 2004 wechselte er zur Arcandor AG, die damals noch Karstadt-Quelle hieß. Der Beginn von Middelhoffs Abstieg. Der einstige Top-Manager scheiterte daran, den angeschlagenen Mischkonzern zu sanieren. Zuerst stürzte die Arcandor Aktie ins Bodenlose, 2009 rutschte der Konzern endgültig in die Pleite.

Seitdem kämpft Middelhoff gegen den Vorwurf der Untreue. Und auch mit seinen ehemaligen Geschäftspartnern liegt er über Kreuz und streitet vor Gericht. Seinem einstigen Duz-Freund, dem Vermögensverwalter Josef Esch, soll Middelhoff 2,5 Millionen Euro für die Nutzung einer Motorjacht schulden.

Rund 6,8 Millionen Euro fordert der Unternehmensberater Roland Berger. Gut 78 Millionen Euro verlangt das von der Deutschen Bank übernommene Bankhaus Sal. Oppenheim für ausstehende Kredite. Und 3,4 Millionen Euro hat bereits der Insolvenzverwalter von Arcandor eingeklagt. Middelhoff hat allerdings gegen dieses Urteil Berufung eingelegt.

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