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Versandhaus Ohne Investor ist Neckermann am Ende

Den Insolvenzverwaltern von Neckermann bleiben nur noch wenige Wochen, um einen Investor zu finden – sonst droht das Aus.

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Ohne neuen Investor ist bei Neckermann im Herbst Schluss. Quelle: dpa

Ursachen für die Insolvenz des Versenders Neckermann gibt es viele – mangelndes Selbstbewusstsein gehört nicht dazu. „Apple, Porsche und Puma sind auch schon mal knapp an der Pleite vorbeigeschrammt“, hieß es zuletzt auf der Neckermann-Seite, gefolgt vom Zusatz: „Redet heute kein Mensch mehr von.“ Mit derlei Werbeslogans buhlt das Management des havarierten Händlers derzeit im Wochentakt um Bestellungen der Kunden.

Grafik Die Besucherzahlen von Neckermann.de im Vergleich zu Amazon Deutschland

Neckermann als Porsche des Online-Handels? Ein Konzern kurz vor der Wiederauferstehung? Die These klingt in etwa so überzeugend wie die Ankündigung von Schuldentilgung in Griechenland. Nach wie vor kämpft Neckermann ums Überleben. 2400 Arbeitsplätze stehen auf der Kippe, die Situation bleibt fragil. „Das Unfallopfer wurde notversorgt und in die stabile Seitenlage gebracht“, beschreibt ein Kenner des Unternehmens die Lage, „nun warten alle auf den Krankenwagen.“

Ein Investor braucht Millionen und Fantasie

Anfang Oktober soll das reguläre Insolvenzverfahren starten, bis Mitte September müssten die vorläufigen Insolvenzverwalter Michael Frege und Joachim Kühne demnach einen Investor präsentieren – oder aber die Weichen in Richtung Abwicklung stellen. „Ohne einen Investor ist bei Neckermann.de im Herbst Schluss“, betont denn auch Geschäftsführer Henning Koopmann, „aus eigener Kraft können wir es nicht schaffen.“ Klar ist: Ein Investor müsste nicht nur Millionen mitbringen, um das seit Jahren defizitäre Geschäft zu drehen. Er bräuchte auch reichlich Fantasie, um schlagkräftigen Rivalen wie Amazon, Otto oder Zalando mit frischen Konzepten Paroli zu bieten.

Zu lange sahen die früheren Eigentümer – erst der Handelskonzern KarstadtQuelle, später der Finanzinvestor Sun Capital – dem Siechtum des Frankfurter Versenders zu. Verluste wurden zwar ausgeglichen, eine wirkliche Sanierung fand hingegen kaum statt. Nach wie vor sind die Kosten zu hoch, gelten Lagerhaltung und Logistik als überdimensioniert. Und das Warenwirtschaftssystem, so heißt es in der Branche, habe allenfalls „antiquarischen Wert“.

Bestellungen zogen an

Die größten Versandhändler Deutschlands
Platz 10: Esprit.deDer Online-Shop des Modelabels schafft es in die Top Ten der größten Versandhändler. Die Modekette hatte zuletzt schwer zu kämpfen und befindet sich in einem milliardenschweren Umbau. Die Marke soll neu belebt und Filialen ansprechender gestaltet werden. Umsatz 2012: 327,6 Millionen Quellen: EHI Retail Institute / Statista / Unternehmen / Umsatz geschätzt
Platz 9: Cyberport.deDer 1998 gegründete Onlineshop hat mehr als 40.000 Produkte aus dem Elektronikbereich im Angebot. Zudem verfügt der einstige reine Onlinehändler mittlerweile über mehrere eigene Filialen, unter anderem in Berlin, Köln und Wien. Umsatz: 343,1 Millionen Euro
Platz 8: Bonprix.deDie Otto-Tochter Bonprix ist seit 1986 am Markt. Sie wirbt mit günstigen Preise für junge Mode und spricht in erster Linie Frauen an. Umsatz 2012: 357 Millionen Euro
Platz 7: Tchibo.deFrüher reines Kaffee-Unternehmen, heute eine von Deutschlands größten Einzelhandelsunternehmen. Seine Produkte vertreibt Tchibo sowohl in Supermärkten, als auch in eigenen Läden. Und das Unternehmen verkauft auch im eigenen Online-Shop. Dort gibt es neben Kaffee auch Mode, Reisen und Blumen. Umsatz 2012: 360 Millionen Euro
Platz 6: ConradWerkzeug, TV-Geräte, Glühbirnen - Conrad ist das Technik-Dorado der Schrauber und Bastler. Filialen, Katalog und Onlineportal führen tausende Produkte. Die Conrad-Gruppe geht zurück auf Max Conrad der 1923 das "Radio Conrad" gründete. Umsatz: 372,9 Millionen Euro
Platz 5: Weltbild.deWeltbild war von der katholischen Kirche zu einem der größten Buchkonzerne Deutschlands aufgebaut worden und zählte lange zu den umsatzstärksten Versandhändler. Zum Sortiment gehören Bücher und E-Books, Musik und DVDs, Software und Games, Haushaltsartikel, Spielwaren und Geschenkartikel. Das Unternehmen unterschätzte jedoch das Tempo des digitalen Wandels in der Branche und verlor zusehends an Boden. Der Online-Umsatz brach von geschätzten 1,15 Milliarden Euro im Jahr 2010 auf knapp 390 Millionen im Jahr 2012 ein. 2014 ging Weltbild in die Insolvenz. Umsatz 2012: 388,9 Millionen Euro Quelle: Screenshot
Platz 4: ZalandoDas Unternehmen gilt als Shooting-Star der Branche. Mit aggressiven Werbe- und Preisstrategien konnte Zalando in den vergangenen Jahren seinen Umsatz deutlich steigern. Allerdings steckt der Versandhändler in den roten Zahlen. Profitabel ist Zalando nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz Umsatz 2012: 411,6 Millionen Quelle: dpa

Dass Neckermann überhaupt noch kämpfen kann, grenzt schon an ein kleines Wunder. Dem Konzern drohte kurz nach der Insolvenzanmeldung am 18. Juli ein Liquiditätskollaps. Das Geschäft brach weg, zeigen Daten des Marktforschers Nielsen. 4,4 Millionen Besucher zählten die Nielsen-Experten im Juli 2012 auf der Neckermann-Seite, im Vorjahreszeitraum sollen es 5,1 Millionen gewesen sein (siehe Grafik). Die Auswirkungen des Besucherschwunds auf die Bestellungen waren noch gravierender: Die lagen laut Koopmann in den ersten Tagen nach der Insolvenzanmeldung vorübergehend rund 66 Prozent unter dem Vorjahreswert.

Dann griffen offenbar die Maßnahmen der vorläufigen Verwalter. Das Gros der Lieferanten stellte wieder Ware zur Verfügung, nachdem die Kreditversicherer mitspielten und der Logistikdienstleister DHL wieder Neckermann-Pakete auslieferte. Die Bestellungen zogen an und sollen inzwischen nur noch 13 Prozent unter dem Vorjahreswert liegen. Insgesamt sollen die reinen Online-Umsätze im laufenden Jahr trotz der Insolvenz sogar höher liegen als im Vorjahreszeitraum.

Handel



Kunden bestellen wieder mehr

Koopmann führt als eine der Ursachen auch die offensive Werbekampagne an. Bei einigen Vertriebspartnern und Mitarbeitern hätten die Sprüche der Sorte „Insolvent. Na und?“ zwar durchaus für Kopfschütteln gesorgt, räumt Koopmann ein. Insgesamt sei die Kampagne aber gut aufgenommen worden „Das Wichtigste: Die Kunden bestellen jetzt wieder mehr.“

Während das Kerngeschäft stabilisiert wurde, läuft die Zusammenarbeit mit etlichen externen Vertriebspartnern durchwachsen. Vor der Insolvenz waren rund 170 Shopbetreiber, die ihre Waren über das Neckermann-Portal verkaufen, für rund 20 Prozent der Umsätze verantwortlich. Namhafte Anbieter wie der Schuhhändler Görtz haben sich zurückgezogen. Andere wie der Besteckhersteller WMF, der Zubehörspezialist Hama oder Modelabels wie Cecil dünnten das Sortiment aus oder verhandeln noch mit dem vorläufigen Verwalter.

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