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Virus-Angst Jetzt beginnt das Liefer-Hamstern

„Beim Lieferservice verzeichnen wir eine erhöhte Nachfrage“, heißt es beim Kölner Handelskonzern Rewe. Quelle: dpa

In einigen Lebensmittelgeschäften waren die Nudel-Regale am Freitag und Samstag leergefegt, Konserven und Desinfektionsmittel ausverkauft. Nun schnellen auch die Bestellungen in den Online-Shops nach oben.

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Die Bundesbürger kaufen angesichts der Ausbreitung des Coronavirus nicht nur in Supermärkten und bei Discountern mehr ein, sondern bestellen auch Online mehr Lebensmittel und Drogerieartikel. „Wir erleben aktuell einen starken Anstieg in der Nachfrage“, heißt es etwa beim Online-Lebensmittelhändler Picnic. „Dabei sind insbesondere haltbare Lebensmittel und Hygieneartikel wie zum Beispiel Handseife und Desinfektionsspray stark nachgefragt“, teilt ein Unternehmenssprecher mit. Diese Artikel würden „bis zu zehn Mal mehr bestellt aktuell“. Das niederländische Unternehmen ist in Deutschland im Frühjahr 2018 gestartet und beliefert inzwischen über 70.000 Kunden in Nordrhein-Westfalen.

„Beim Lieferservice verzeichnen wir – analog zum stationären Handel – eine erhöhte Nachfrage“, heißt es auch beim Kölner Handelskonzern Rewe, dem Marktführer im deutschen Onlinehandel mit Lebensmitteln. Dabei seien ähnliche Produkte wie in den klassischen Supermärkten gefragt, also lang haltbare Lebensmittel, Nährmittel, Konserven und Drogerieartikel.

Ein ähnliches Bild zeichnet die Handelskette Bünting mit ihrem Online-Supermarkt MyTime. Dort werden Kunden darauf hingewiesen, dass es „aufgrund des hohen Bestellaufkommens“, zu leichten Lieferverzögerungen kommen kann. Viele Verbraucher füllen offensichtlich aus Sorge um die Verbreitung des Virus‘ derzeit ihre Vorratskammern auf – und nutzen dabei auch die Online-Shops der Handelsketten.

Der Ansturm ist durchaus überraschend. Denn bislang dümpelt der Online-Lebensmittelhandel in Deutschland vor sich hin. Der Umsatz würde zwar steigen, „aber das Wachstum verläuft eher linear als exponentiell“, sagte jüngst etwa Rewe-Chef Lionel Souque im Interview mit der WirtschaftsWoche. Selbst Internetgigant Amazon würde bemerken, „dass der Verkauf von Lebensmitteln kein Selbstläufer ist“, so Souque.

Könnte nun ausgerechnet das Corona-Virus daran etwas ändern und den Shops neue Stammkunden bescheren?

Onlinehandelsexperte Gerrit Heinemann ist skeptisch. „Ich glaube nicht, dass die Leute jetzt wegen Corona online dauerhaft mehr bestellen werden“, sagt der Professor der Hochschule Niederrhein. „Ritualisiertes Einkaufsverhalten ändert sich nicht so schnell.“ Es gebe in den Shops zwar mehr Bestellungen in einzelnen Warengruppen, „aber auch im stationären Handel ist die Nachfrage nach haltbaren Lebensmitteln wie Konserven oder Desinfektionsmitteln gestiegen“, so Heinemann.

Tatsächlich hatten am Freitag und Samstag leere Regale – etwa bei Nudeln, Haferflocken oder H-Milch – in einzelnen Supermärkten für Aufsehen gesorgt. Dennoch sehen die großen deutschen Lebensmittelhändler derzeit keine Versorgungsprobleme. Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels betont, es gebe keinen Grund zur Sorge: „Obwohl wir in einigen Geschäften und einzelnen Regionen momentan eine höhere Nachfrage nach länger haltbaren Produkten und Getränken sehen, ist die Versorgungslage bundesweit normal.“ Die Warenversorgung sei gesichert, Transport und Logistik funktionierten und auch der Import von Lebensmittelprodukten aus dem Ausland sei nicht gefährdet.

In Drogeriemärkten und Apotheken sind allerdings seit Tagen Mundschutzmasken ausverkauft. Inzwischen werden mancherorts auch Desinfektionsmittel knapp, weshalb Kunden teilweise auch hier auf Onlinebestellungen ausweichen. So berichten auch die Drogerieketten dm und Rossmann von einem Anstieg der Bestellungen. „Wir beobachten, dass in unserem Onlineshop dm.de die Nachfrage nach Hygiene-Produkten und haltbaren Lebensmitteln in den vergangenen Tagen deutlich angestiegen ist“, teilt ein dm-Sprecher mit. Auch die Handelskette Real verzeichnete „eine deutlich erhöhte Nachfrage nach Atemschutzmasken und Desinfektionsmitteln“.

Ähnlich wie die Online-Marktplätze Amazon und Ebay kämpft Real dabei mit Wucherpreisen von Anbietern, die aus der Angst vor einer Corona-Ansteckung Profit schlagen wollen. Zehn Masken kosten dort bis zu 999,99 Euro. Bei Baumärkten waren baugleiche Modelle bislang für rund 36,40 Euro zu haben.

Ein Real-Sprecher betonte, dass Dritthändler für die Preisgestaltung verantwortlich seien. „Kartellrechtlich hat Real als Betreiber der Plattform hier keinerlei Handhabe“, in die Preisgestaltung einzugreifen und beispielsweise einen Maximalpreis festzulegen. „Dennoch distanzieren wir uns selbstverständlich ganz klar von jedem Versuch, aus der aktuellen Lage im Bezug zum Coronavirus Kapital zu schlagen“. Um Wucherangebote zu verhindern, seien Schlagworte wie „Corona“ auf der Plattform gesperrt worden.

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