Werner knallhart

Apotheker sind Supermarktverkäufer mit Hochschulabschluss

Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihren Apotheker. Der liest sie Ihnen dann vor. Vom Display seines Kassencomputers. Das kann ich auch selber.

Eine Apotheke Quelle: dpa

Stellen Sie sich vor, ein Kunde kommt zu Rewe oder Edeka und sagt zu einer Verkäuferin: "Ich suche einen Brotaufstrich für meine Enkelin. Der heißt Nutello oder so ähnlich. Haben Sie den?"

Die Verkäuferin blickt in Gedanken versunken an die Decke: "Nutello, Nutello, Nutello. Nee, tut mir leid. Nie gehört. Haben wir nicht, hatten wir auch nie und kriegen wir auch nicht rein."

"Schade. Ok, dann suche ich noch nach einer Weingummi- und Lakritzmischung. Die heißt irgendwie Coloradi und ist von Haribu."

"Sowas haben wir auch nicht."

"Und Frischkäse namens Philodolphia oder so?"

"Nee, keinen blassen Schimmer."

Alberne Geschichte, oder? Unrealistisch. Weil sie nicht in der Apotheke spielt.

Wer in der Pharmabranche wen übernehmen will
Die Pharmaindustrie steckt im Übernahmefieber. Die Meldungen über Megadeals häufen sich. Ein Überblick über die wichtigsten Pläne in der Pharmabranche. AbbVie und ShireDer US-Pharmakonzern AbbVie hat im Juli die Übernahme des britischen Rivalen Shire für umgerechnet rund 40 Milliarden Euro angekündigt. Damit wird der Medikamentenbestand deutlich ausgebaut. Zudem soll der Zusammenschluss signifikante Steuervorteile bringen. Quelle: REUTERS
Durch den Kauf von Shire, unter anderem Hersteller von Medikamenten gegen ADHS, erweitert AbbVie sein Produktportfolio deutlich. Größter Umsatzbringer des US-Konzerns ist bislang das Rheumamittel Humira. Quelle: REUTERS
Bayer und MerckDer Dax-Konzern baut sein Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten aus. Da passte es gut, dass US-Konzern Merck & Co seine entsprechende Sparte zum Verkauf feil geboten hat. Für rund 14 Milliarden Dollar (etwa zehn Milliarden Euro) hat Bayer den Zuschlag für die Sparte bekommen und dabei den britischen Konkurrenten Reckitt Benckiser ausgestochen. Quelle: REUTERS
Die ehemalige Merck-Sparte stellt unter anderem Dr. Scholl's-Fußpflegeprodukte, Sonnencremes der Marke Coppertone und das Allergiemittel Claritin her und kam 2013 auf Umsätze von etwa 1,9 Milliarden Dollar. Quelle: dpa
Novartis und Glaxo-Smithkline und Eli LillyEin großes Tauschgeschäft haben Novartis und Glaxo-Smithkline eingefädelt. Am 22. April gaben die beiden Konzerne bekannt, jeweils eine Sparte voneinander zu übernehmen. Der Schweizer Pharmariese Novartis kauft für 14,5 Milliarden Dollar der britischen Glaxo-Smithkline das Geschäft mit Krebsmedikamenten ab. Im Gegenzug erhält Glaxo für 7,1 Milliarden Dollar die Impfsparte von Novartis. Quelle: AP
Mit im Paket des großen Pharma-Deals: ein Gemeinschaftsunternehmen für rezeptfreie Medikamente. Glaxo hält daran die Mehrheit, Novartis lediglich 36,5 Prozent. Das Joint Venture wird zu einem bedeutenden internationalen Spieler bei nicht verschreibungspflichtigen Mitteln. Im Rahmen des Novartis-Konzernumbaus wird noch eine weitere Firma an der Vereinbarung beteiligt. Der US-Konzern Eli Lilly kauft den Schweizern für 5,4 Milliarden Dollar den Bereich Tiergesundheit ab. Quelle: REUTERS
Mylan und MedaAuch der US-Konzern Mylan ist auf Übernahmekurs. Der Generikahersteller hat Branchenkreisen zufolge den schwedischen Arzneimittelhersteller Meda ins Visier genommen. Rund neun Milliarden Euro soll Mylan die Übernahme wert sein. Doch es gibt ein Problem. Quelle: REUTERS
Meda verweigert sich der Übernahme. Die Schweden lehnten das Angebot von Mylan ab. Die Entscheidung des Vorstandes beruhe „auf dem starken Glauben an das Potenzial von Meda als eigenständiges Unternehmen“, heißt es in einer Mitteilung. Meda stellt Spezialmedikamente, frei verkäufliche Arzneien und Generika her. Quelle: dpa
Pfizer und Astra ZenecaGescheitert ist hingegen die Übernahme von Astra Zeneca durch Pfizer. Der US-Großkonzern will seinen britischen Rivalen schlucken. Bereits im Januar legte der Viagra-Hersteller ein erstes Angebot vor – fast 99 Milliarden Dollar (71,6 Milliarden Euro) wollte das Unternehmen für den Konkurrenten bezahlen. Nachdem Astra Zeneca das Angebot ablehnte, besserte Pfizer wiederholt nach. Quelle: AP
Pharmazeuten bei Astra Zeneca Quelle: dpa
Valeant und Allergan47 Milliarden Dollar will Valeant für Allergan zahlen. Was den Pharmakonzern Allergan so wertvoll macht? Die Antwort ist ganz einfach: Botox. Das US-Unternehmen stellt das Nervengift her, das längst nicht mehr nur zum Wegspritzen von Falten benutzt wird. Quelle: dpa
Botox ist zum Beispiel auch als Behandlungsmittel gegen Blasenschwäche zugelassen. Der kanadische Konzern Valeant ist einer der Aufsteiger der Pharmabranche und wächst hauptsächlich durch Zukäufe – zuletzt allerdings bei Augenheilmitteln. So hat Valeant 2013 für knapp neun Milliarden Dollar einen Kontaktlinsenhersteller gekauft. Quelle: REUTERS

Neulich bat mich eine Kollegin, auf dem Weg zum gemeinsamen Mittagessen etwas aus der Apotheke mitzubringen. Ich mag sie, also tat ich ihr den Gefallen. Sie nannte mir den Namen des Präparats. Ich versuchte, ihn mir zu merken. Es gelang mir nur halbwegs.

Irgendwas mit Vitracap. Ein Präparat gegen winzige Verklumpungen im Glaskörper des Auges, die sich als nervige graue Mini-Schatten im Gesichtsfeld bemerkbar machen. "Ein rezeptfreies Nahrungsergänzungsmittel", wie meine Kollegin sagte.

Der Apotheker war ein typischer Apotheker. Hager, Brille, mit weißem Kittel, weil es anders ja sehr unhygienisch wäre, Pappschachteln anzufassen, in denen Tabletten in Blisterverpackungen eingeschlossen sind.

Ich war an der Reihe: "Ich hätte gerne Vitracap oder so ähnlich."

Der Apotheker tippte auf seiner Kasse herum: "Das gibt es nicht."

"Das ist ein Mittel, das für eine klare Flüssigkeit im Glaskörper des Auges sorgt. Irgendwas mit Cap am Ende."

"Hmm, der kann nicht nach hinteren Silben suchen."

"Und Prozentzeichen plus Cap?"

"Nein, das geht nicht."

Wer die Pharmawelt beherrscht
Aufsteiger 1: Valeant (Kanada)Der kanadische Pharmariese wächst und wächst – hauptsächlich durch Zukäufe. Im Jahr 2013 kaufte Valeant den Kontaktlinsen-Hersteller Bausch & Lomb aus den USA für 8,7 Milliarden Dollar. Im Bereich Augengesundheit wollen die Kanadier ganz vorne mitmischen. Beim Umsatz hat es der Konzern zumindest schon einmal in die Top 30 der Welt geschafft. Die Pharma-Erlöse stiegen um 62,4 Prozent auf 5,8 Milliarden Dollar. Quellen: Unternehmen, HB-Schätzungen Quelle: AP
Aufsteiger 2: Biogen Idec (USA)Erst Ende März 2013 wurde das Multiple-Sklerose-Mittel Tecfidera in den USA zugelassen. Doch die Tablette ist eine Goldgrube für das aufstrebende US-Biotech-Unternehmen Biogen Idec. Im Jahr 2013 steigerte es dank Tecfidera den Umsatz um gut ein Viertel auf 6,9 Milliarden Dollar. Quelle: AP
Aufsteiger 3: Actavis (Irland/USA)Das Unternehmen ist der weltweit zweitgrößte Hersteller von Nachahmerpräparaten. Doch allzu großes Wachstum verspricht dieses Geschäftsfeld nicht unbedingt, da der Preisverfall oft das Mengenwachstum aufzehrt. Actavis wächst daher vor allem mit Übernahmen: In den vergangenen drei Jahren steckte der Konzern mehr als 14 Milliarden Dollar in Zukäufe. Der Konkurrent Forest Laboratories soll nun für 25 Milliarden Dollar ebenfalls geschluckt werden. Im Jahr 2013 legte der Umsatz um 46,7 Prozent auf 8,7 Milliarden Dollar zu. Quelle: PR
Deutsche Unternehmen: MerckDer Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern wächst im Jahr 2013 moderat. Der Umsatz legt um 2,6 Prozent auf umgerechnet 7,9 Milliarden Dollar zu (Schätzung). In der Rangliste der größten Pharmaunternehmen der Welt schafft es Merck damit auf Platz 23. Das könnte sich aber ändern, denn das Unternehmen plant einen Zukauf: Die Darmstädter bieten rund zwei Milliarden Dollar für die britische Spezialchemiefirma AZ Electronic Materials – eine ehemalige Hoechst-Tochter, die unter anderem Komponenten für Apples iPad liefert. Quelle: dpa
Deutsche Unternehmen: Boehringer IngelheimDas Familienunternehmen ist der zweitgrößte deutsche Pharmakonzern. Im Jahr 2013 hielt Boehringer Ingelheim die Umsätze stabil und landet mit umgerechnet 14,7 Milliarden Dollar (Schätzung) auf Platz 17 der Rangliste. Aktuell ist Boehringer in den USA mit einer Klagewelle konfrontiert. Mehr als 2000 Kläger werfen dem Unternehmen vor, für schwere und zum Teil tödliche Blutungen nach einer Behandlung mit dem Gerinnungshemmer Pradaxa verantwortlich zu sein. Quelle: dpa
Deutsche Unternehmen: BayerBayers Pharma-Umsätze wachsen, die Leverkusener legen zum sieben Prozent zu und rücken in der Rangliste mit umgerechnet 14,9 Milliarden Dollar Umsatz auf Platz 16 vor. Gerade Bayers neue Medikamente wie das Schlaganfallmittel Xarelto laufen prächtig. Die Umsatzziele für die fünf stärksten Medikamente wurden erhöht. Quelle: REUTERS
Platz 10: Teva (Israel)Der weltgrößte Generika-Hersteller kommt aus Israel: Teva. Im Jahr 2013 stagnierte der Umsatz des Konzern allerdings bei gut 20 Milliarden Dollar. Große Hoffnungen ruhen auf dem neuen Chef Erez Vigodman. Teva ist auch in Deutschland aktiv – so gehört seit 2009 die Ulmer Ratiopharm zum Konzern. Quelle: Presse
Platz 9: Eli Lilly (USA)Anfang 2014 machte der US-Konzern mit einer Übernahme von sich reden: Eli Lilly kaufte dem Geflügel-Produzenten Wiesenhof (PHW-Gruppe) die Tiermedizin-Tochter Lohmann Animal Health ab. Der Umsatz des Unternehmens wird dadurch weiter zulegen. 2013 wuchsen die Erlöse um knapp zwei Prozent auf 21 Milliarden Dollar. Quelle: Presse
Platz 8: Astra Zeneca (Großbritannien)Patenabläufe und eine Schwäche bei Innovationen machen dem Pharmariesen Astra Zeneca zu schaffen. Im Jahr 2013 schrumpfte der Umsatz um mehr als acht Prozent auf 25,7 Milliarden Dollar. Und der Gegenwind nimmt weiter zu: Im Mai 2014 läuft in den USA der Schutz für Nexium ab, ein Mittel gegen Sodbrennen. Quelle: AP
Platz 7: Johnson & Johnson (USA)Das US-Unternehmen Johnson & Johnson – im Bild die Zentrale in New Brunswick – ist einer der wenigen Großen, die in 2013 gewachsen sind. Die Erlöse stiegen um 10,9 Prozent auf 28,1 Milliarden Dollar. Die Pharmasparte sorgte für einen Gewinnschub beim Konsumgüterriesen. Auch dank eines deutschen Medikaments: Als US-Partner von Bayer beim Schlaganfall-Mittel Xarelto profitiert Johnson & Johnson von steigenden Umsätzen. Quelle: AP
Platz 6: Glaxo-Smith-Kline (Großbritannien)In Deutschland kämpfte der Pharmariese zuletzt mit Lieferengpässen bei wichtigen Impfstoffen für Kinder. Dabei haben die Briten erst ein enttäuschendes Jahr 2013 hinter sich. Der Umsatz ging um 1,3 Prozent auf 33,5 Milliarden Dollar zurück – Platz sechs im Ranking. Quelle: AP
Platz 5: Sanofi (Frankreich)Auch das Geschäft der Franzosen stagniert: Die Erlöse gingen 2013 um fast drei Prozent auf 37,1 Milliarden Dollar zurück. Zum Jahresende lief aber es besser beim Pharmakonzern. Dabei machte sich ein Zukauf im Biotech-Sektor bezahlt: Das Diabetes-Medikament Lantus der 2012 übernommenen US-Firma Genzyme sorgte für viele Verkäufe. Quelle: dpa
Platz 4: Merck (USA)Das US-Pharmaunternehmen musste 2013 großer Umsatzverluste hinnehmen. Mit einem Minus von knapp acht Prozent büßte Merck Rang drei in der Rangliste ein. Günstige Nachahmer-Präparate setzen dem Konzern zu. Merck benötigt dringend einen neuen Verkaufsschlager. Quelle: AP
Logo des Schweizer Pharmakonzerns Roche Quelle: rtr
Platz 2: Novartis (Schweiz)Auch den Silberrang belegt ein Schweizer Unternehmen: Der Umsatz des Pharmakonzerns Novartis wuchs in 2013 leicht um 1,6 Prozent auf 47,5 Milliarden Dollar. Allerdings leidet das Unternehmen ebenfalls unter günstigen Nachahmerpräparaten. In 2014 rechnet Novartis mit Umsatzeinbußen beim Blutdrucksenker Diovan – die Erlöse des Konzerns sollen dennoch steigen. Quelle: dapd
Platz 1: Pfizer (USA)Trotz des Ablaufs des Viagra-Patents und eines Umsatzverlustes von 15 Milliarden Dollar in nur drei Jahren bleibt Pfizer an der Spitze. Mit 47,9 Milliarden Dollar Umsatz (minus 6,5 Prozent) verteidigt der Pharma-Champion aus den USA knapp Platz eins der Rangliste. Die Erlöse soll in Zukunft vor allem das neue Brustkrebs-Medikament Palbociclib ankurbeln. Quelle: AP

"Also muss man immer die ersten Silben des Namens kennen? Wie in den Achtzigerjahren, als man noch Karteikarten und Kataloge durchgeblättert hat?"

Schweigen. Ich setzte neu an: "Naja, der Name ist ja auch egal. Es ist ein Mittel gegen Verklumpungen von Collagenketten im Glaskörper."

Der Apotheker wirkte nun noch hagerer. Er glotzte stumm auf sein Kassendisplay. Seine Hände bewegten sich nicht. Ich überlegte, wie ich dem Apotheker weiterhelfen konnte: "Probieren Sie doch mal Vitrocap."

Klackern auf der Tastatur: "Das gibt es, aber das haben wir nicht da. Kann ich Ihnen bis heute Nachmittag bestellen."

"Nee, ich..."

"Oder Moment, hier haben wir noch was anderes."

Er griff schräg hinter sich ins Regal. Auf der Schachtel stand fett unter dem Namen: Makula-Degeneration.

Ich: "Das ist doch was gegen Netzhautprobleme."

Er: "Ach so, ja."

Ich suchte das Weite. Denn ich hatte noch ein paar Minuten. Und wo eine Apotheke war, war die nächste nicht weit. Stellen Sie sich in einer Fußgängerzone mal vor eine Apotheke und gucken Sie links und rechts. Fast immer erblicken sie die nächste Apotheke.

Warum ist das so? Solange es sich lohnt, in Innenstädten alle 200 Meter eine Apotheke zu betreiben, läuft was falsch im Gesundheitssystem - auf Kosten der Patienten.

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