Werner knallhart

Deutsche in der Warteschlange: Bleibt doch mal locker!

Deutsche halten sich für diszipliniert. Aber sobald im Supermarkt eine weitere Kasse aufmacht, geht es zu wie bei der Pavianfütterung. Was wir von Uruguay und Schweden lernen können.

Leute warten in einer Schlange Quelle: dpa

Es passiert mir jede Woche irgendwo: Ich warte in der Schlange an der Kasse. Weil ich dachte, dass ich nur Kleinigkeiten brauche, habe ich weder Einkaufswagen noch -korb genommen. Nun stehe ich bis unter das Kinn bepackt da und spüre, wie mir unter Cornflakesschachtel, Bio-Eiern und Vanille-Eis-Bottich das Netz mit den Mandarinen das Blut in den Fingerkuppen einschnürt.

Gerade bin ich bis zur Mitte der Schlange vorgerückt, da saust eine Kassiererin an den Wartenden vorbei und flötet "Sie können auch zu mir rüberkommen".

Das ist der Moment! Die Chance, das Einkaufserlebnis die Sahnehaube aufzusetzen! Durch einen perfekten Kassenschlangen-Wechsel.

Wie würde der ablaufen, wenn wir es klar unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit abhandeln?

Jeder Kunde spielt zunächst in Sekundenbruchteilen durch: Lohnt sich für mich der Wechsel zeitlich? Dann setzt sich in Bewegung, wer für sich entscheidet: ja. Und zwar in der Reihenfolge der schon bestehenden Schlange. In genau! Dieser! Reihenfolge! Weil das fair ist. Aber das ist etwas, das man den Deutschen einfach nicht begreiflich machen kann.

Da würde sich Knigge im Grabe umdrehen
SchulmeisterereiOberlehrerhaftes Verhalten scheint typisch deutsch zu sein. Wachsender Trend: Deutsche schulmeistern gerne ihre Mitmenschen. „Sie sind ein schlechtes Vorbild für mein Kind, wenn Sie bei Rot über die Ampel gehen“ „Hier ist Ballspielen verboten“ „Hier raucht man nicht“: Schulmeistern hat nichts mit gutem Verhalten zu tun. Die Deutsche Kniggegesellschaft urteilt sogar: „Wir entwickeln uns zu einem Volk von Zurechtweisern. Das muss besser werden.“ Quelle: V.V.V.-Verlag
Sitz mit Aktentasche blockierenNerv-Trend Nummer zwei speziell bei Geschäftsreisenden: ein einziges Ticket kaufen und den Nebenplatz dennoch mit der Aktentasche blockieren. Andere Fahrgäste müssen stehen, das Gepäck hat´s bequem. Sehr effektiv, um von Hamburg bis Frankfurt ungestört zu sein, sozial aber nicht kompatibel, findet die deutsche Kniggegesellschaft. Quelle: dpa
Zu viele Löcher, labberige Hemden, kurze Ärmel mit KrawatteDer Businessmann macht laut der Kniggegesellschaft noch viel falsch. Darum: Perfekte Gürtel haben nur fünf Löcher, das Hemd muss zwei Zentimeter aus dem Ärmel schauen und kurze Arme mit Krawatte sind ein No Go. Damit sich diese Fashion-Fauxpas nicht wiederholen, raten die Benimm-Experten, auch als Mann mal hin und wieder einen Blick in eine Modezeitschrift zu werfen. Quelle: dpa
Lautstark in der Öffentlichkeit telefonierenEbenfalls auf der Kniggeliste steht der Handybrüller, vorzugsweise in Bus und Bahn. Den ganzen Waggon zu beschallen, ist schon ein Klassiker und bleibt dadurch weit oben auf der Liste der Benimm-Fehler der Deutschen. Dass leise und weniger und höflicher ist, ist immer noch nicht bei allen angekommen: Rechtsanwälte etwa posaunen immer noch die Namen und Aktenzeichen ihrer Mandaten durch den Zug (Gab´s da nicht eine Schweigepflicht?), andere lassen Mitreisende lautstark Anteil an Familien- und Beziehungsproblemen nehmen. Übrigens: Man kann auch leise in seinen Laptop hacken. Das muss nicht wie die alte Schreibmaschine MG klingen. Quelle: dpa
Vor dem Abbiegen nicht blinkenBlinken ist uncool, ist schon klar. Das machen nur Spießer. Der Selfmade-Man biegt ohne ab. Davon gibt es immer mehr, geißelt die Kniggegesellschaft. Da weiß man dann gar nicht, was der andere will und schon kracht es. Das ist extrem unsolidarisch. Also: Blink mal wieder! Quelle: dapd
Besteck falsch haltenJeder Zweite kann's nicht richtig, dabei ist es nicht schwer, Messer und Gabel richtig zu halten. Ein Messer ist kein Bleistift, also kein Grund, es wie einen Griffel zu halten. 50 Prozent der von der Knigge-Gesellschaft getesteten Besucher von Biergärten machten Besteckfehler beim Essen. Ein Vorsatz: Dringend Tischsitten updaten. In der Muße liegt der Genuss, dann klappt´s auch mit dem Knigge. Quelle: dpa
Daneben-Benehmen auf BetriebsfeiernAlle Jahre wieder immer dieselben Fehler. Vorsicht mit dem Alkohol, nicht Sexy-Hexy spielen und kein Geknutsche mit dem Chef. Das Betriebsfest ist nach wie vor vermintes Gelände. Hier enden immer wieder Karrieren. Überlebenstipp: Klappe halten, nichts ausplaudern und nicht am nächsten Tag krankfeiern. Quelle: dpa

Eine neue Kasse bedeutet eine neue Welt

In Deutschland denkt man: Eine neue Kasse bedeutet eine neue Welt. Ein rechtsfreier Raum. Und wer hinten in der Schlange steht, wittert nun die Chance, irgendwo anders noch einmal ganz von vorne anfangen und sein Glück finden zu können. Wie damals die europäischen Siedler, die nach Amerika auswanderten, weil es daheim nicht klappen wollte.

Dann stehen die Verlierer von hinten plötzlich ganz vorne, pfeffern lässig ihr Toastbrot aufs Fließband und triumphieren in sich hinein: "Die Letzten werden die Ersten sein! Die Bibel stimmt. Das ist der Beweis: Es gibt Gott!" Oder so ähnlich.

Und die in der Mitte der alten Schlange, so wie ich immer, die gucken blöd aus der Wäsche, spüren die Gewalt der Mandarinen und denken sich: "Wäre der Ständer mit den verdammten Bifis nicht im Weg gewesen, dann stünde ich jetzt vorne, meine Fingerkuppen wären nicht mehr blau und dann wäre ich es, der triumphierend das neue Testament zitiert."

In Deutschland empfinden viele offenbar alles derartig von staatlicher Seite durchgeregelt, dass sie dort, wo es keine Regeln gibt, meinen, die Sau rauslassen zu können. Kritik daran lässt sich bei uns ja leicht kontern: "Wo steht denn, dass ich das nicht darf?"

Tragischerweise muss man wiederum genau wegen jener Leute, die sich über die Regelungswut empören, jeden Mist regeln. Weil eine Regelungslücke rücksichtslos ausgenutzt wird. Denn das ist ja Freiheit.

Also rief jüngst eine Kassiererin bei dm beim Öffnen der Kasse: "Kommen Sie bitte auch zu mir rüber - aber in der entsprechenden Reihenfolge." Und prompt waren alle ganz artig. Man muss es eben dazu sagen. Wenn es eine Autorität in weißer dm-Uniform so vorgibt, wird es so gemacht.

Ein Leitfaden, typisch deutsch zu werden
Adam Fletcher hat in Großbritannien und Neuseeland gelebt, ein Unternehmen in Leipzig gegründet und lebt und arbeitet jetzt in Berlin. Seine Erfahrungen in Deutschland haben ihn dazu veranlasst, einen Leitfaden zu schreiben, wie Ausländer typische Deutsche werden. So hart es sei, schreibt Fletcher, um ein typischer Deutscher zu werden, müsse man deutsch lernen. Die Worte an sich seien gar nicht einmal so schwer, gerade wegen der vielen Parallelen zum Englischen. Und letztlich mache es auch stolz "Schwangerschaftsverhütungsmittel" sagen zu können. Die Grammatik allerdings sei "impenetrable nonsense", aber es führe nun mal kein Weg an ihr vorbei. Quelle: AP
Wer typisch deutsch sein wolle, müsse auch deutsche Gerichte essen, so Fletcher. Er warnt allerdings auch davor, wie unkreativ die deutsche Küche sei. Wurst schmecke eher langweilig und ohne Fleisch gehe auf deutschen Tellern nichts. "Hier Vegetarier zu sein, ist wahrscheinlich genauso lustig, wie im Zoo nichts sehen zu können", schreibt er. Besonders verwirrend sei für Ausländer die Spargel-Saison, in der das ganze Land völlig durchdrehe und sich nahezu ausschließlich von Spargel ernähre. Daran müsse sich ein zukünftiger Musterdeutscher gewöhnen - und natürlich mitmachen. Quelle: dpa/dpaweb
Besonders wichtiger Bestandteil des Germanismus seien die drei P: Planning, Preparation, Process. Ein typischer Deutscher sei vorbereitet auf alles, was passieren könne und plane alles bis ins kleinste Detail: vom Tagesablauf bis zur Anordnung der Schuhe im Regal. To-do-Listen helfen dem Deutschen dabei nicht nur, es mache ihn auch glücklich, diese abzuhaken. Quelle: Fotolia
Besonders wichtig sei es, sich Versicherungen zuzulegen gegen all die Dinge, die man nicht planen kann: Versicherungen gegen Erdbeben, Beinbruch und Haarausfall, gegen Schäden durch den falschen Kraftstoff und so weiter. Fletcher ist sich sicher, würde jemand eine Versicherung erfinden, die immer dann greift, wenn man grade nicht die richtige Versicherung hat (insurance-insurance), würden 80 Millionen Deutsche vor lauter Glück tot umfallen. Quelle: dpa
Wissen ist Macht: In England bekommt der das hübsche Mädchen aus dem Club, der am meisten trinkt, ohne sich auf die Schuhe zu kotzen. "In Deutschland bekommt der das Mädchen, der am meisten über Philosophie weiß", schreibt Fletcher. Dementsprechend streben die Deutschen nach Fortbildungen, Qualifikationen und Titeln. Der Dr. vor dem Namen sei deutlich wichtiger als das, was die Person im Kopf habe, weshalb jeder sich möglichst viele Zusatzqualifikationen zulegen sollte. Doch Vorsicht: Wer den Bachelor of Arts in Theaterwissenschaften gemacht hat, bekäme ungefähr so viel Anerkennung wie jemand, der es geschafft hat, sich ordentlich anzuziehen. Quelle: Fotolia
Ganz wichtig seien vor allem Hausschuhe, schreibt Fletcher. "Sie sind Voraussetzung, um richtig deutsch zu sein." Die Begründung, warum Deutsche so auf ihre Puschen schwören, sei vor allem eines: praktisch. Was ebenfalls furchtbar deutsch sei. Quelle: dpa/dpaweb
In Deutschland finden die besten Partys in der Küche statt, bei den Briten ist es dagegen das Wohnzimmer. Fletcher nennt die Küche einen funktionalen Raum, in dem man Essen zubereitet. Wer allerdings ein richtiger Deutscher werden wolle, müsse die Küche unbedingt zum Mittelpunkt seiner Wohnung machen. Außerdem sei besonders am Wochenende ein ausgedehntes Frühstück Pflicht für einen typischen Deutschen. Dazu müsse der ganze Inhalt des Kühlschranks auf dem Küchentisch aufgefahren werden. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms

In Uruguay geht es auch ohne Kommandos

Die Uruguayer machen uns vor, wie es ohne Kommandos geht. Wer sich dort vordrängelt, macht sich komplett lächerlich. Ich war vergangene Woche in Montevideo. Dort stellen sich die Menschen sogar an der Bushaltestelle in die Warteschlange, obwohl noch gar kein Bus da ist.

Und auch in Argentinien ist es Volkssport, sich gegenseitig den Vortritt zu lassen.

"Ach, bitte, gehen Sie vor."

"Nein, nein, Sie waren vor mir da."

"Ach, danke."

Derjenige, der als erstes in den Bus steigt, blickt sich kurz höflich um und zeigt damit: Ich will mich nicht vordrängeln. All das kostet vielleicht zwei Sekunden. Zwei Sekunden, die reichen, um zu zeigen: Es geht mir auch um dich.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%