Werner knallhart

Nichts spaltet Deutschland mehr als Lakritz

Am 12. April ist der deutsche Lakritztag. In einem zerrissenen Land: Die Lakritz-Grenze verläuft direkt durch Deutschland. Wie soll das enden?

Lakritzschnecke Quelle: dpa/dpaweb

Bis in die Achtzigerjahre hinein waren die USA aus deutscher Sicht ein Schlaraffenland der Genussmittel. Was es da alles gab! Geleebohnen, die nach Popcorn schmeckten und Mikrowellen-Popcorn, das nach Butter schmeckte. Rootbeer mit Zahnpastaaroma, Cornflakes mit Erdnüssen drin, Kartoffelchips mit saurer Sahne und Zwiebeln und würzige Limo namens Dr. Pepper, eine Art Cola mit Zimtgeschmack oder so. Kinners, was war das nur für eine verrückte Welt.

Doch all das gibt es mittlerweile längst auch bei uns. Wozu brauchen wir dann noch die USA? Einzig Reese's fällt mir ein, eine Schokolade mit Erdnussbutterfüllung. Aber sonst: langweilig. Die ganze Welt hört mittlerweile die gleiche Musik, guckt die gleichen Fernsehserien, stopft sich mit Einheitsburgern voll - und mampft die gleichen Bonbons.

Außer Lakritz.

Bei Lakritz ist es so wie mit dem Foto von dem Kleid, das vor einigen Wochen durch die sozialen Medien ging. Ein Teil der Menschheit hielt es für ein in der Sonne fotografiertes Kleid in schwarz-blau, und der andere für ein im Schatten geknipstes in weiß-gold. Die Welt war geteilt.

Von Einstein bis Gottschalk - skurrile Fakten über Haribo
Erstes Fabrikgebäude war eine Waschküche1920 gründete der gelernte Bonbonkocher Hans Riegel Senior die Firma Haribo in einer Hinterhof-Waschküche in der Bergstraße in Bonn-Kessenich. Am 13. Dezember 1920 lässt er Haribo (als Akronym für Hans Riegel Bonn) ins Handelsregister der Stadt Bonn eintragen. 1921 heiratet Riegel, seine Frau Gertrud wird die erste Haribo-Mitarbeiterin. Quelle: Presse
Startkapital: Ein Sack Zucker und ein TopfDas Startkapital des Gründers Hans Riegel bestand übrigens aus einem Sack Zucker, einer Marmorplatte, einem Hocker, einem gemauerten Herd, einem Kupferkessel und einer Walze. Mit diesen Mitteln schuf er in besagter Bonner Waschküche ein mittlerweile weltweit bekanntes Unternehmen. Quelle: dapd
100 Millionen GummibärchenMittlerweile produziert das Familienunternehmen pro Tag 100 Millionen seiner Goldbären. Würde man die einzelnen Bären aus der Produktion eines Jahres nebeneinander stellen, hätte man eine Goldbärenkette von 160.306 Kilometer Länge. Mit der einer Jahresproduktion an Gummibärchen könnte man also vier mal die Erde umrunden. Verkauft werden die Goldbären übrigens weltweit, beispielsweise als
Fast 470.000 Kilometer LakritzWürde man übrigens die gesamte Jahresproduktion an Lakritzschnecken von Haribo aufrollen und aneinander reihen, hätte man einen Lakritzstrang von 468.000 Kilometer Länge. Damit ließe sich die Distanz zwischen der Erde und dem Mond überbrücken. Quelle: dpa/dpaweb
SloganSeit den 1930er Jahren wirbt Haribo damit, Kinder froh zu machen. Mitte der 60er ergänzte Unternehmensgründer Hans Riegel die Werbebotschaft um den Zusatz
WerbepartnerschaftEbenfalls ein cleverer Schachzug des Unternehmens war die Verpflichtung des Moderators und Showmasters Thomas Gottschalk als Werbegesicht. Ab 1991 macht Gottschalk Reklame für Goldbären, Colorado und Lakritz, das ist die längste Werbepartnerschaft der Welt. Sie bescherte sowohl Gottschalk als auch Haribo neben den entsprechenden Einnahmen auch einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde. 2014 kündigten Gottschalk und Haribo das Ende der Zusammenarbeit an. Quelle: obs
Berühmte FansDoch auch schon bevor Gottschalk begann, für Haribo zu werben, konnte die Marke viele Fans gewinnen. Kaiser Wilhelm II. beispielsweise schrieb aus seinem Exil in Doorn, dass die Gummibärchen aus Bonn das Beste seien, was die Weimarer Republik hervorgebracht habe. Auch Albert Einstein, Erich Kästner, Heinz Rühmann, Konrad Adenauer und Hans-Dietrich Genscher hatten immer Goldbären bei sich. Und auch in Übersee erfreuen sich Goldbären großer Beliebtheit. So sagte die US-Schauspielerin Reese Witherspoon, deren Vater sechs Jahre Militärarzt in Wiesbaden war, in einem Interview, dass Deutschland

Bei dem Kleid lag am Ende die Schwarzblau-Fraktion richtig. Aber bei Lakritz?

Laut einer Umfrage von 2014 essen 52,6 Prozent der Deutschen niemals Lakritz. Was soll das? Ich wette: Die Nichtesser leben zum allergrößten Teil im Süden der Republik. Ab Frankfurt und weiter unten. Versuchen Sie mal, in Stuttgart Fisherman's Friend Lakritz zu bekommen. Sie werden am Ende heulend aufgeben. Für viele Süddeutsche ist Lakritz eben nur "Bärendreck".

Dabei versucht es der größte Lakritzhersteller der Welt, Haribo, doch mit allen Tricks und viel Fingerspitzengefühl, die Lakritz-Weicheier rumzukriegen. Haribo nennt es Konfekt und versteckt eine kleine Schicht süßer Lakritz in einem Sandwich aus kunterbunter Zuckermasse, die nach Erdbeere, Zitrone, Kokos oder Karamell schmeckt. So wie man dem Hund die Entwurmungskur ins Nassfutter mixt, damit er es nicht merkt.

Oder sie gießen Weingummi in Fledermausform. Und der Wams der Fledermaus ist dann schwarz und schmeckt ein bisschen nach Lakritz, wenn man sich drauf konzentriert. Selbst die Lakritzschnecken und die Brezeln sind ja eher etwas für vorsichtige Einsteiger.

Irgendwie wissen die Deutschen nicht so recht, was sie mit Lakritz anfangen sollen. Denn: Wie kann etwas Bonbon sein, was herb und würzig schmeckt? Nein, nein.

Richtiges herbes und auch salziges Lakritz verkauft Haribo hingegen in Skandinavien. Dort, wo nicht nur der Winter rau ist, sondern auch der Geschmack. Wo saurer Hering in Konservendosen gärt und erst gegessen wird, wenn die Dose unter dem Druck der Gase fast explodiert. Die öffnet man dann am besten unter Wasser im Garten und muss beim Atmen doch würgen. Wer so aufwächst, der wird eben nicht so leicht zum Yoguretten-Lutscher.

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