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Werner knallhart
Quelle: imago images

Tierschutz-Steuer auf Fleisch: billig wird teuer, Bio wird billig

Der Deutsche Tierschutzbund fordert eine spezielle Abgabe auf Fleisch. Das Extrageld soll Ställe tierfreundlicher machen. Mit so einer Steuer ließe sich aber sogar noch radikaler auf dem Fleischmarkt umsteuern.

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Wenn wir das Wort Steuern hören, denken wir doch intuitiv daran, dass der Staat uns Geld abnimmt, um damit all die Aufgaben zu finanzieren, mit denen wir, die Bevölkerung, ihn in unserer Demokratie beauftragt haben.

Das psychologisch Blöde an Steuern ist: Die Steuern werden meist nicht im Zusammenhang mit deren Erhebung ausgegeben. Tabaksteuer fließt nicht direkt in die Finanzierung von Behandlungen von Schlaganfall und Lungenkrebs, mit der Kfz-Steuer werden keine Schlaglöcher geflickt und die Einkommensteuer von Krankenschwestern und Pflegern wird nicht in die Renovierung der alten Klinikkantine gesteckt. Steuern werden von uns ohne Anspruch auf direkte Gegenleistung abgedrückt.

Und so haben auch die Tiere gar nichts davon, dass der Staat an ihren in Schnitzel, Schenkel und Kutteln zerlegten Leibern verdient.

Dabei ließe sich mit Steuern so schön steuern. Auch wenn es da offenbar keinen etymologischen Zusammenhang gibt. Steuern, Abgaben oder Gebühren: Der Name ist ja auch wurscht. Horchen wir in uns hinein. Wie schön ist es, wenn wir wissen: Unser hart erarbeitetes Geld geht dahin für einen guten Zweck.

Heißt es, die Steuer auf Alcopops wird erhöht, weil der Finanzminister händeringend von irgendwo her Kohle zusammenkratzen muss, denken wir: „Kinners, lasst die Landjugend doch an der Tanke feiern.“ Heißt es „Höhere Steuern auf Alcopops, um den Alkoholmissbrauch abzuwürgen“, denken wir: Unser Staat kümmert sich rührend.

Ein kleiner Zuschlag beim Musik-Streamen, damit die Künstler ihre Tantiemen kriegen? Na klar, wir sind doch eine Kulturnation.

Für die Plastiktüten bei Karstadt jetzt bezahlen („Anzug 500 Euro, Tüte 20 Cent.“ Nein, danke, ich stopfe mir das Teil noch in meinen Rucksack“)? Supergerne, wir wollen doch nicht, dass Meeresschildkröten vor den Philippinen Kunststofffolie im Bauch haben.

Ein Solidaritäts-Zuschlag 1991, um der runtergewirtschafteten Ex-DDR blühende Landschaften reinzuknallen? Hiiiier, da habt ihr die Kohle, macht uns den Osten schön kuschelig!
Ein Solidaritäts-Zuschlag im Jahr 2019, einfach weil sonst das liebe Geld für alles Mögliche in der Staatskasse fehlen würde? Ähäm! Schönen Gruß aus Recklinghausen.

Was ich sagen will: Der Trend bei der Akzeptanz geht ganz klar zu Abgaben, deren Sinn von Anfang an klar ist. Wenn die Steuer, Abgabe oder Gebühr wirklich unsere Welt verändern kann. Wäre das nicht auch eine gute Idee für Fleisch?

Der Tierschutzbund sagt ja. Er will den kleinen Extraaufschlag auf das Päckchen mit Fleisch, auf den Eierkarton und auf die Tüte Milch. Und das Geld soll dann direkt in den Umbau der Ställe fließen. Für mehr Tierglück.

Dagegen spricht: Tierische Produkte würden ein bisschen teurer.

Dafür spricht: Sie würden teurer den Tieren zuliebe. Und wir sind doch eine tierliebe Gesellschaft. Keiner von uns will, dass es unseren Tieren schlecht geht. Nur vielen gelingt es, das auszublenden. Ein schöner saftiger Burger ist eben keine vor Angst schreiende Kuh. Ein Mettbrötchen mit Zwiebeln erzählt nicht, wenn für seinen Aufstrich einst einem Ferkelchen ohne Betäubung die Eier aus dem Leib geschält wurden.

Aber wer würde ernsthaft auf die Barrikaden gehen, wenn künftig Fleisch, Milch und Eier ein paar Cent mehr kosten würden, wenn er wüsste, dass dafür mit seinem Geld daran gearbeitet wird, dass es den Tieren besser geht? Das beste Argument: Tierprodukte haben ihren Preis und diesen Preis zahlen wir im Moment einfach noch nicht. Auf Kosten von Lebewesen, die wir uns unterworfen haben und die Schmerz, Trauer, Panik empfinden können - ähnlich wie wir.
Nebenher bessere Ställe mitzufinanzieren, wäre da ein fairer Schritt.

Aber erlauben Sie mir, dass ich noch einen draufsetze - inspiriert durch die aktuell diskutierte CO2-Steuer. Die Idee dort: Jeder zahlt sie, wenn er durch seinen Konsum CO2 verursacht. Aber er bekommt im Gegenzug eine pauschale Summe aufs Konto erstattet. Effekt: Wer darauf hin weniger CO2 raushaut, macht im Idealfall sogar ein kleines Plus.

So könnte es doch auch mit dem Fleisch, den Eiern und der Milch laufen: Machen wir Produkte aus konventioneller Landwirtschaft künstlich teurer, stecken das Geld aber nicht nur in den Umbau der Ställe, sondern subventionieren damit außerdem die tierfreundliche Landwirtschaft, in dem wir etwa Bio-Produkte billiger machen: die konventionelle Milch um 10 Cent teurer, Bio-Milch 50 Cent billiger. Damit wäre die Bio-Milch auch beim Preis dicke konkurrenzfähig. Und die Umschichtung ginge doch problemlos. Denn Bio-Milch hat gerade mal einen Marktanteil von rund 3,5 Prozent in Deutschland.

Ja, tierfreundliche Landwirtschaft hat ihren Preis. Aber zahlen könnten den die Kunden der konventionellen Landwirtschaft. So wie eine Kerosinsteuer auf Flugreisen der Eisenbahn zugutekommen könnte.

Ergebnis: Bio-Produktion wird für die Kunden, Händler, Erzeuger attraktiver. Selbst Produkte, die einem höheren Anspruch als dem auf EU-Bio-Niveau gerecht werden (etwa Naturland) könnten so am Ende preislich mithalten. Klar, das muss man mit Fingerspitzengefühl und in kleinen Schritten angehen. Wenn wegen der günstigen Preise plötzlich alle Produkte von glücklich tanzenden Tieren aus wohnlich eingerichteten Traumställen haben wollten, bräche der Markt zusammen.

Aber für sowas gibt es doch Politiker. Ich weiß, hier wäre Julia Klöckner zuständig. Aber trotzdem dürfen wir die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich in Deutschland etwas bewegt. Vielleicht verplappert sich die Bundeskanzlerin ja mal wieder auf irgendeiner Podiumsdiskussion und dann geht alles wieder ganz schnell. Unsere Kühe, Schweine und Hühner kämen aus dem Feiern nicht mehr raus.

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