Werner knallhart
Lebensmittelverschwendung durch Verbraucher, Händler und Hersteller. Quelle: imago images

Verschwendung: 5 Irrtümer und die Chance, die darin liegt

„Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist das große Problem.“ „Vor allem im Handel wird Essen weggeworfen.“ „In die Tonne kommt meist, was unansehnlich ist.“ Stimmt alles nicht. Die Wahrheit ist: Die größten Verschwender sind wir zu Hause. Aber es geht besser und billiger.

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Ich habe am Wochenende ein Päckchen Räuchermakrele weggeworfen. Das Verzehrdatum des armen Fisches war um einen Tag überschritten. Nicht das Mindesthaltbarkeitsdatum wohl gemerkt war gerissen, sonst hätte ich sie noch gegessen. Sie roch noch so gut, aber bei jedem Biss hätte ich mir die Krämpfe vorgestellt, denen ich wegen der möglichen Vergiftung näher und näher gekommen wäre. Hach! Sowas nervt mich. Denn Essen wegzuwerfen ist für mich so wie Spinnen totzuschlagen: Es ist doch Ehrensache, dass ich alles versuche, um das völlig zu vermeiden. Mit Nachdenken und auch einem gewissen Aufwand.

12 Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland pro Jahr im Müll. Und wir müssen gar nicht erst auf die in armen Weltregionen hungernden Menschen verweisen, um zu begreifen, dass das dekadenter Schlendrian ist. Wir beklagen gerade, dass Lebensmittel so teuer werden. Dann ist jetzt die Gelegenheit, uns am Kühlschrank neu aufzustellen. Und bares Geld zu sparen.

Wie kriegen wir die abartige Lebensmittelverschwendung in den Griff? Ich dachte ja immer: Die großen Verplemperer sind Hersteller und Handel und wir armen kleinen Verbraucher zahlen die Zeche durch höhere Preise. Dass Containering, also das Rausklauben von durch Supermärkte weggeworfenen Produkten aus deren Müllcontainern durch Fremde, strafbar ist, ist weltfremd und es ist gut, dass Minister Cem Özdemir das ändern will. Den Braten fett macht er damit aber nicht.
Wir zu Hause sind es selbst schuld. Hier noch mehr typische Irrtümer und wie es wirklich ist. Damit wir wissen, wo wir ansetzen müssen.

Irrtum 1: Das Mindesthaltbarkeitsdatum sorgt für die Müllberge

Es stimmt: Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) sorgt für Müllberge. Und die wären viel kleiner, wenn wir uns trauen würden, erst zu probieren, bevor wir wegwerfen. Ich mache mir gerne ein kleines Kühlschrankabenteuer draus: Mitte Januar habe ich im Firmenkühlschrank ein Glas Mangojoghurt gefunden. Abgelaufen im Oktober. Er schmeckte noch einwandfrei. Und ich behaupte: Ich habe eine feine Zunge. Die Idee, die Bezeichnung „mindestens haltbar bis“ zu ersetzen durch „am leckersten bis“ oder so, wäre tatsächlich mal eine Maßnahme gegen den Ekel.

Dennoch: Laut einer Studie des Markforschungsunternehmens GfK SE über das Jahr 2020 hinweg in privaten deutschen Haushalten zeigt, dass nur 5 Prozent der vermeidbaren Lebensmittelabfälle auf das MHD zurückzuführen sind. Zu den restlichen 95 Prozent, die die viel größeren Müllberge ausmachen, später.

Irrtum 2: Die große Verschwendung passiert bei Herstellung und im Handel

Bei der Erzeugung der Lebensmittel auf den Feldern und Ställen entstehen laut Zahlen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft 12 Prozent der Lebensmittelabfälle. Bei deren Verarbeitung etwa zu Brot, Joghurt oder Wurst weitere 18 Prozent. Im Groß- und Einzelhandel fallen nur 4 Prozent an, in der Gastronomie 14 Prozent. Doch über die Hälfte, nämlich 52 Prozent der Lebensmittelabfälle, entstehen im privaten Haushalt. Zum Glück: So ist es am einfachsten für uns Verbraucher, etwas daran zu ändern. Aber wie? In dem wir verstehen, was wir falsch machen. Ein ganzer Batzen lässt sich wirklich nicht verwerten: Schalen von Eiern, Nüssen und Bananen, Knochen oder Kaffeesatz werden selbst die Sparsamsten verschmähen. Und das macht nach Einschätzung der Probanden in der Studie der GfK rund 60 Prozent des Lebensmittelmülls aus, gilt als unvermeidbarer Abfall und ist keine Verschwendung. Aber 40 Prozent des Lebensmittelmülls demnach eben doch. 40 Prozent von 113 Kilo pro Haushalt.

Irrtum 3: Wir werfen vor allem weg, was nicht mehr gut aussieht

Bei aller Verschwendung: So ruchlos sind wir nun auch wieder nicht. Auf die Frage: „Warum werfen wir Lebensmittel weg?“ antwortet besagte Studie: Zu 18 Prozent, weil sie unappetitlich oder alt geworden sind. Zu 21 Prozent, weil wir zu viel gekocht haben oder den Leuten zu viel auf die Teller getan haben, was dann ja selten noch von anderen aufgegessen wird. 36 Prozent allerdings sind wirklich verdorbene Lebensmittel. Die wegzuwerfen, ist zu diesem Zeitpunkt vernünftig. Wir lernen aber auch: Wir müssen vor allem besser koordinieren, dass wir weggegessen kriegen, was sonst später vor unseren Augen vergammelt.

Lesen Sie auch: Eine Studie von Boston Consulting und dem Investor Blue Horizon behauptet, dass jede zehnte Mahlzeit bald vegan ist.


Wenn ein Päckchen Sandwichbrot 1,50 Euro kostet, die halbe Portion aber 1,20 Euro, dann muss man schon Idealist sein, um zur kleinen Packung zu greifen, um ja nichts wegzuwerfen. Die Lösung könnte lauten: mehr einfrieren. Das geht mit Brot aber auch mit Käse und sogar Milch, erst recht wenn wir sie danach etwa für Soßen oder so verwenden. Und auch mit dem, was wir vor allem wegwerfen. Dazu jetzt mehr.

Irrtum 4: Wir werfen vor allem Essensreste weg

Nicht der halbe Teller Spaghetti hier und der halbe Liter Milch da sind die große Portion. Leckeres oder nicht mehr so Leckeres aus geöffneten Verpackungen wie Konservendosen oder Puddingbechern machen 12 Prozent der Lebensmittelabfälle aus, Zubereitetes 19 Prozent. Aber der Müllberg wird hoch durch lose Produkte wie Käse, Möhren, Brot, Weintrauben, Mandarinen und Äpfel. Wir werfen zu 59 Prozent Loses weg, das wir uns selbst an der Käsetheke oder am Gemüsestand zusammengesammelt haben. Allein 35 Prozent sind frisches Obst und Gemüse. Worauf deutet das hin? Ja wohl darauf, dass wir uns verschätzen bei dem, was wir in den Tagen nach dem Einkauf verbrauchen können.

Wie hilft uns diese Erkenntnis? Wir könnten häufiger einkaufen gehen und dann jeweils weniger in den Wagen packen. Damit das nicht so viel Zeit frisst, könnten wir online bestellen und dann vor Ort abholen oder liefern lassen. Wir könnten aber auch rechtzeitig überlegen, wie wir Gemüse und Obst, das schon lange im Frischefach des Kühlschranks oder in der Obstschale liegen, noch schnell als Vorrat verarbeiten und im Zweifel einfrieren, bevor wir alles wegwerfen.

Oder wir könnten in der Nachbarschaft Onlinegruppen gründen, in denen etwa vor Urlaubsreisen die Leute posten: „Wer möchte Salatgurke und Bananen haben? Fliegen morgen.“ Bei mir im Haus gibt es das. Und irgendjemand schlägt immer zu.

Irrtum 5: Der Aufwand lohnt sich nicht für den einzelnen Haushalt

86 Prozent der Haushalte werfen Lebensmittel weg, die zu diesem Zeitpunkt noch verwertbar gewesen wären. Also völlig sinnlos. Aber ist mehr Akribie in der Planung für jeden einzelnen wirtschaftlich?

Antwort: Durch die Reduzierung der vermeidbaren Abfälle könnte jeder einzelne Haushalt 137 Euro sparen. Jedes Jahr! Das ist ein Wocheneinkauf für eine Familie. Haben oder nicht haben.

Was folgt daraus? Nur Gutes. Weil wir es in der Hand haben, Geld zu sparen und als Gesellschaft besser zu werden. Wir schonen Ressourcen, schützen Böden vor unnötiger Belastung, sparen der Fleischindustrie Methan, sparen Transportwege ein und damit CO2.

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 Was heute noch wichtig ist, lesen Sie hier

  1. 15 Sekunden pro Tag länger in Kühlschrank und Vorratsschrank gucken mit der Frage: „Was muss weg?“ statt „Wonach gelüstet es mich?“ rettet unser Essen.
  2. Was weg muss, aber nicht direkt weggegessen werden kann: Erstmal als Vorrat ungewürzt einkochen oder in einem spontan improvisierten Potpourri veredeln.
  3. Statt unwirtschaftliche Kleinpackungen zu kaufen, die fast so viel kosten wie die großen, lieber die großen kaufen – aber die „Resterettung“ direkt mitdenken: Zwei Hamburgerbrötchen werden heute gebraucht, das dritte und vierte werden sofort eingefroren.

Denken wir dabei an die 137 Euro, die wir dann einmal pro Jahr nach Herzenslust einfach verschw- äh, verbrauchen können. Oder denken wir einfach: Ehrensache.

Unser Kolumnist Marcus Werner schreibt über die alltäglichen Nebensächlichkeiten in der Wirtschaft, die es wert sind, liebevoll aufgeblasen zu werden. Den Autor erreichen Sie auch über LinkedIn.

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