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Werner knallhart

Wie uns Lebensmittelnamen in die Irre führen

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Verwirrt schmeckt es vielen offenbar besser

Warum dann diese Verschwurbelungen beim Schnitzel? Auf Wiener Art? Da kann ja jeder kommen:

- statt Schwarzwälder Kirschtorte eine Kirschtorte auf Schwarzwälder Art: drei Pfannkuchen mit Schattenmorellen und Schlagsahne

- statt Königsberger Klopse dann Klopse auf die Königsberger Art: Köttbullar mit Bratensoße und Preiselbeeren

- statt Leipziger Allerlei dann Allerlei Leipziger Art: mediterrane Antipasti-Platte

Vollends verwirrend ist es dank der EU. Die hat uns hübsche Siegel gebracht. Die „geschützte Ursprungsbezeichnung“ (g.U.). Dieses Siegel trägt etwa der Allgäuer Emmentaler. Denn dort kommen alle Rohstoffe her und er wird auch im Allgäu produziert.

Dann gibt es aber auch noch die „geschützte geografische Angabe“ (g.g.A.). Dieses Siegel trägt etwa der Schwarzwälder Schinken. Hier muss nur eine der Produktionsstufen im Schwarzwald stattfinden, entweder Erzeugung, Verarbeitung oder Herstellung. Mit anderen Worten: Das Schwein darf ruhig aus Dänemark kommen. Und wird trotzdem zum Schwarzwälder Schinken. Das Vertrackte: Beide Siegel sind der Form nach praktisch identisch und unterscheiden sich allein in der Farbe und Beschriftung.

Und dann gibt es noch das EU-Siegel „garantiert traditionelle Spezialität“ (g.t.S.). Hier kommt es weder auf Herkunft der Zutaten noch auf den Ort der Produktion an. Hier zählt alleine die Rezeptur, wie etwa bei Mozzarella, bei dem also nur der Name noch an Italien erinnert. Und auch beim Serrano-Schinken, der ja dann alles zusammen genommen doch eigentlich ein „Schinken nach Schwarzwälder Art“ sein kann.

Unterm Strich kann man sagen: Dieser ganze Siegel-Wirrwarr und die Definitions-Finten dienen allein den Lebensmittelherstellern, den Gastronomen und den Fremdenverkehrsämtern. Der Verbraucher muss allerdings erst studieren, bevor er merkt, dass er von den ganzen Prädikaten nicht viel hat.

Und nun also das Verwaltungsgericht Arnsberg. Das hat schon 2009 gesagt: Statt Schnitzel Wiener Art kann die Fleischindustrie, die Schwein verwendet, ruhig auch auf die Packung schreiben: „Wiener Schnitzel vom Schwein“. Auf den ersten Blick ist das zwar nach oben Gesagtem ein Definitionswiderspruch wie Birne Helene aus Apfelmus in Loriots „Pappa ante Portas", aber es ist trotzdem ein Befreiungsschlag. Es legt dem Verbraucher nämlich nicht mehr die Last auf, sich die hinterhältigen Spitzfindigkeiten der Anbieter zu merken. Er sieht direkt, welche Zutaten er kriegt. Da trägt das Produkt die Rezept-Panscherei schon im Titel.

Gerne mehr davon. Vielen anderen Produkten würde das auch guttun:

Milchschnitte - fast ohne Milch

alkoholfreies Bier - mit Alkohol (bis 0,5 Volumenprozent)

mit Himbeergeschmack - ohne Himbeeren

Tafelwasser - Leitungswasser in Flaschen

Beim Diesel muss alles seine Ordnung haben. Beim Essen aber winken wir den Quatsch durch. Satt ist satt. Und verwirrt schmeckt es vielen offenbar einfach besser.

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