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Wohntrends nach Corona „Manche Einrichtungsgegenstände erhalten komplett neue Funktionen“

Homeoffice in Corona-Zeiten. Quelle: Getty Images

Homeoffice, Sport zu Hause, selber kochen statt in die Kantine zu gehen: Wie Corona unsere Art der Wohnungs- und Möbelnutzung verändert, hat die Architektin Katrin de Louw für den Möbelverband untersucht.

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Die Innenarchitektin Katrin de Louw (48) betreibt seit 1997 ihre Firma Trendfilter im ostwestfälischen Städtchen Bünde, 20 Kilometer nördlich von Bielefeld. De Louw berät Firmen der Möbelhersteller- und Möbelzuliefererindustrie in Zukunftsfragen. Ihr Standort ist gut gewählt: In Ostwestfalen haben sich 14 Möbelhersteller zur sogenannten Möbelmeile zusammengetan, sowie 28 Küchenhersteller zur sogenannten Küchenmeile, die laut eigener Aussage „zwei Drittel des Gesamtumsatzes der deutschen Küchenmöbelindustrie repräsentieren“. CDU-Chef Armin Laschet hatte diesen Landstrich im Sinn, als er NRW das „Land der Küchenbauer“ nannte.

Für den Verband der Deutschen Möbelindustrie hat Katrin den Louw die Wohntrends 2021 analysiert. Der Verband hat heute auf seiner Online-PK den voraussichtlichen Jahresumsatz 2020 veröffentlicht. Nach Hochrechnungen auf Basis der ersten zehn Monate des vergangenen Jahres wird der Möbel-, Küchen- und Einrichtungsfachhandel im Jahr 2020 den 2019er Umsatz von rund 34,5 Milliarden Euro leicht übertreffen. Auch für 2021 erwartet der Verband eine „relativ stabile Nachfrage“.

WirtschaftsWoche: Frau De Louw, seit 1997 beraten Sie Möbel- und Materialhersteller in Zukunftsfragen. Wie gehen Sie dabei vor?
Katrin de Louw: Wir haben ein Netzwerk aufgebaut, über das wir uns Informationen holen vom Markt und von benachbarten, impulsgebenden Märkten. Zudem arbeiten wir zusammen mit Zukunftsinstituten und -Forschern wie etwa Matthias Horx, auf deren Ergebnissen wir mit unserer Branchenkompetenz aufsatteln. Unsere Aufgabe ist es zu gucken, was bedeutet die gesellschaftliche Entwicklung konkret für Architektur, Einrichtung und Materialien?

Trendfilter-Inhaberin Katrin de Louw. Quelle: Privat

Gab es seit Gründung Ihrer Agentur schon mal solch ein einschneidendes Jahr für die Möbelbranche wie 2020?
Nein. So einschneidend wie Corona hatten wir es noch nie. Und dabei kommen viele Möbelhersteller noch vergleichsweise gut weg: Denn wenn bei den Menschen Geld zur Verfügung steht, wird es nun im Zweifel nicht in einen Urlaub gesteckt, sondern ins eigene Zuhause.

Wie beeinflusst Corona die Wohnwirtschaft?
Corona hat zur Folge, dass die Leute sich weitaus mehr mit der eigenen Einrichtung befassen. Wir alle verbrachten wegen der Pandemie wesentlich mehr Zeit zu Hause als sonst. Da fällt es vielen von uns nochmal besonders auf, wie wir wohnen. Viele Aspekte werden in diesem Zusammenhang wichtiger: Homeoffice und Homeschooling, Sicherheit und Hygiene oder der Sport zu Hause. Manche Einrichtungsgegenstände erhalten komplett neue Funktionen.

Zum Beispiel?
Naheliegend ist das Homeoffice-Zimmer. Schön, wenn man so viel Platz hat für ein eigenes Arbeitszimmer, aber für viele ist das fast schon Luxus. Die meisten stellten sich also die Frage: Wo mache ich Homeoffice? Viele haben dazu die Küche oder den Esstisch gewählt – und einige wurden auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen im Schlafzimmer fündig. Interessant ist, dass man nun Schlafzimmer mit kleinen integrierten Arbeitsflächen verkaufen kann, mit mehr Stromanschlüssen, mit extra Licht, einem klappbaren Tisch und Stuhl. Es gibt zudem einen Riesenhype um Möbel mit antibakterieller Oberfläche. Noch sehen wir das vermehrt im Projektgeschäft, in Altenheimen und Krankenhäusern. Gefragt sind auch ökologische Materialien für langfristige Möbel, neben Holz sind das etwa Flechtwerke, Rattan, Kork und Leder; auch vegane Möbel sind ein kleiner aber wachsender Trend. Wir werden insgesamt achtsamer mit unserem Konsumverhalten. Durch Corona haben wir gemerkt, was wir nicht brauchen im alltäglichen Lifestyle. Vieles davon wird Corona überleben.

Schlafzimmer mit Arbeitsnische von Team7 Quelle: Team 7 Natürlich Wohnen GmbH

Was denn?
Ein Beispiel ist der Sport: Wir mussten Wege finden, uns ohne Fitnessstudio und Schwimmbad fit zu halten, und haben diese auch indoor wie outdoor gefunden. Wir mussten uns selber die Haare schneiden und siehe da: Ein Familienmitglied kann das für die Kinder sogar ganz gut. Und auch modische Kleidung hat in Zeiten der Pandemie stark an Bedeutung verloren. Und wir haben gemerkt, dass weniger von all dem großen Angebot aus dem wir uns in der Vergangenheit bedient haben, für uns auch gut manchmal sogar besser funktioniert.

Gibt es konkrete Möbelstücke, denen Corona zum Durchbruch verholfen hat?
Gefragter sind nun kleine Heimsekretäre; generell entstehen viele Möbellösungen für das private Mini-Büro, das ich nach Feierabend zuklappen kann und dann auch nicht mehr sehen will. Recht neu sind auch Sofalandschaften mit integrierten Steckdosen oder kabellosen Auflade-Stationen. Man muss nicht immer auf einem Schreibtischstuhl arbeiten, kann man auch auf dem Sofa. Wir sehen, dass Sofas ein Fach bekommen, in dem Tablets verschwinden. Umgekehrt registrieren wir auch einen richtigen Aufschwung beim Lounge-Licht in der Küche. Die Küche dient vermehrt nicht nur als Arbeits-, sondern auch als Lebensraum. Wenn die Wohnung klein ist, bekommen die Räume über Lichtstimmungen neue Multifunktionalität.

Auch viele Kantinen und Mensen hatten und haben wegen Corona geschlossen. Inwiefern haben Küchenhersteller davon profitiert?
Insofern, dass wir wieder mehr kochen – das ist doch toll. Vor Corona hatten wir den Trend zu schnellen, gesunden Snacks um die Ecke. Das ging so weit, dass sich manche Großstadtbewohner ernsthaft überlegt haben, ob sie in ihrer kleinen urbanen Wohnung wirklich eine vollständige Küche brauchen. Viele haben dank Corona auch wieder gelernt zu kochen, das Kochen hat einen neuen Stellenwert bekommen. Entwicklungen wie bei Tönnies haben da sicherlich auch geholfen, uns zu sensibilisieren. Natürlich freuen sich auch viele wieder auf den Restaurantbesuch, aber bleiben wird das Selbstverständnis: Ich kann mich selbst versorgen.

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Ikea Deutschland steigerte 2020 seinen Online-Anteil im Vergleich zu 2019 um 74 Prozent, auch die reinen Online-Möbelhändler Westwing und Home24 wuchsen stark. Verhilft die Coronakrise dem Online-Möbelhandel dauerhaft zum Durchbruch – oder glauben Sie, eine Mehrzahl der Kunden möchten das Sofa vor dem Kauf mal anfassen?
Viele werden hinterher, wenn die Pandemie überstanden ist, durchaus sehr gerne wieder ins Möbelhaus gehen und Dinge ausprobieren und anfassen. Wir lernen ja alle durch diesen Prozess des Onlinehandels, Händler wie Kunden. Man wird für sich entscheiden lernen: Einen Stuhl kaufe ich vielleicht online, aber ein Bett will ich vorher Probe liegen. Aber ich glaube, manche Dinge werden wir später auch wieder mehr genießen: Dinge auszuprobieren, mit Händlern sprechen, die Haptik, der Geruch, die Farbwiedergabe, das sind Online-Nachteile beim Möbelkauf.

Mehr zum Thema: Interview mit Home24-Chef Marc Appelhoff: „Der Möbelmarkt ist noch zu rund 90 Prozent offline.“

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