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Zigarettenindustrie Der langsame Tod der Tabakkonzerne

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Lukrative Geschäfte ohne Tabak

Diese Schockbilder sind jetzt auf EU-Zigarettenpackungen
Raucher müssen sich von Ende Mai an auf Schockfotos und größere Warnhinweise auf Zigarettenschachteln einstellen Quelle: dpa
Die 2014 ausgehandelte EU-Richtlinie für Tabakprodukte muss bis 20. Mai 2016 in deutsches Recht umgesetzt werden. Quelle: dpa
Länder fordern Übergangsfrist für Schockbilder auf Zigarettenpackungen. Quelle: dpa
Im Kampf gegen das Rauchen setzt die US-Regierung mehr denn je auf Abschreckung. Quelle: REUTERS
Die Bilder und Warnsprüche müssen seit Herbst 2012 mindestens die Hälfte von Vorder- und Rückseite der Zigarettenschachteln einnehmen. Die neun verschiedenen Fotos und Zeichnungen zeigen unter anderem eine von Krebs zerstörten Lunge, ... Quelle: REUTERS
... ein fauliges Gebiss, ... Quelle: REUTERS
... und die pure Verzweiflung. Unter dem Bild wird auch die Telefonnummer einer Ratgeberstelle angegeben, wo all jene Hilfe suchen können, die das Rauchen aufgeben wollen. Quelle: dapd

"Die Absätze bei Zigarren und  beim klassischen Pfeifentabak sind seit Jahren rückläufig", erklärt VdR-Mann Marx. Laut dem Rauchtabak-Verband wurden im vergangenen Jahr 537 Tonnen an klassischem Pfeifentabak abgesetzt - ins In- wie Ausland. Zehn Jahre zuvor waren es noch knapp 300 Tonnen mehr. Der klassische Pfeifenraucher, in der Regel älter, wohlhabend und Genussraucher, er stirbt aus und nimmt die Produzenten mit.

Ein ähnliches Schicksal droht der ganzen Branche. Um das zu erreichen, hat sich der Staat viel einfallen lassen: Mit Werbebeschränkungen, Image- und Präventions-Kampagnen hat die Anti-Raucher-Lobby auf Gesundheitsschäden und hohe Sterberaten aufmerksam gemacht. Das allerdings war aber wohl mehr oder weniger vergeblich. Denn die Erkenntnis über die Gefahren hält nicht vom Rauchen ab.

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    Laut dem Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) ist der gesunkene Raucheranteil bei den Jüngeren auf die Nichtraucherschutzgesetze sowie auf die öffentliche Debatte darüber zurückzuführen. Die Verbannung aus Gaststätten und Kneipen war ein herber Schlag für die Tabakindustrie. Rauchen ist out.

    Schwerer wiegt nur die Erhöhung der Tabaksteuer. "Je teurer das Produkt wird, desto weniger wird geraucht", sagt Martina Pötschke-Langer vom DKFZ, "das ist kein überzogener Optimismus." Das Geld sei ein entscheidender Faktor für Kinder und Jugendliche.

    Deshalb fordern Tabak-Gegner weitere Erhöhungen. Doch bislang schrecken die Regierungen vor einem ruckartigen Anziehen zurück, wohl aus Sorge, die Schraube zu sehr zu überdrehen und eine der wichtigsten Einnahmequellen des Staates zu zerstören.

    Rund 14 Milliarden Euro nimmt die Bundesregierung jährlich an Tabaksteuer ein und zusätzlich noch die Mehrwertsteuer, die auf jede Packung aufgeschlagen wird. Nur über die Energiesteuer nimmt der Staat noch mehr ein.

    Die beeindruckende Zahl kontern Tabak-Gegner zumeist mit einer noch größeren: Auf 35 Milliarden Euro beziffert die Universität Hamburg den volkswirtschaftlichen Schaden, der durch das Rauchen entsteht.

    Die gruseligsten Zigarettenschachteln der Welt
    Die Europäische Kommission will, dass statt rund einem Drittel zukünftig zwei Drittel der Zigaretten-Verpackungsfläche Schockbilder und Warnhinweise tragen. Diese Regelung soll ab dem 20. Mai 2016 in Kraft treten und anschauliche Detailbilder ermöglichen. Diese sollen die Folgen des Rauchens für die Gesundheit bildlich darstellen. Quelle: Europäische Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher
    Alle Bilder sollen neben einem dramatischen Bild gesundheitsbezogene Warnhinweise enthalten. Quelle: Europäische Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher
    Die Gesundheitswarnungen kombiniert mit den Warnfotos sollen dann ab Mai nächsten Jahres mindestens 65 Prozent der Vorder- und Rückseite von Zigaretten- und Tabakpackungen ausmachen. Quelle: Europäische Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher
    Neben Warnhinweisen, die sich auf gesundheitliche Schäden beziehen, will die Europäische Kommission mit den neuen Bildern und Texten auch an das Gewissen der Raucher appellieren und thematisiert den Tod eines Rauchers als Unglück für Familie und insbesondere Kinder. Quelle: Europäische Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher
    Die EU verfolgt eine umfassende Strategie gegen den Tabakkonsum, zu der neben den Rechtsvorschriften über Tabakwerbung, Sponsoring und Tabakerzeugnisse gehören, sowie die Unterstützung von Mitgliedstaaten und Sensibilisierungsmaßnahmen. Die Vorschriften zur Zigarettenschachtelgestaltung sind damit nur einer von vielen Punkten. Quelle: Europäische Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher
    Der EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Vytenis Andriukaitis, erklärte mit Blick auf das unveränderte Einstiegsalter der europäischen Raucher: "Die Zahlen zeigen, dass der Kampf gegen den Tabak noch nicht gewonnen ist, insbesondere bei den jungen Menschen. Es ist nicht akzeptabel, dass Europäerinnen und Europäer im Teenageralter das Rauchen immer noch attraktiv finden. Dies soll mit den neuen Bildern und Warnhinweisen anders werden.
    Die neuen Richtlinien zur Verpackungsgestaltung betreffen nicht nur Zigaretten, sondern auch Tabak zum Selbstdrehen, Pfeifentabak, Zigarren, Zigarillos, rauchlose Tabakerzeugnisse, elektronische Zigaretten und pflanzliche Raucherzeugnisse. Quelle: Europäische Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher

    Siegeszug der E-Zigarette

    Tatsächlich hat die Branche unter dem Druck zuletzt abgebaut. Die Zahl der Beschäftigten in der deutschen Zigarettenindustrie ist in den vergangenen zehn Jahren um 2000 zurückgegangen. Rund 9800 Menschen waren 2012 dort noch angestellt.

    Während die kleine Betriebe eingehen, fusionieren andere, um ihre Größe auf dem Weltmarkt auszuspielen. Jüngstes Beispiel aus Amerika ist die angekündigte Übernahme von Lorrilard durch den Zigaretten-Riesen Reynolds American (Camel und Pall Mall). Bei der Fusion würde ein internationaler Tabakkonzern entstehen, der an den Weltmarktführer Altria (Marlboro) heranreicht.

    Die Fusion scheint nicht nur sinnvoll, um Marktmacht zu gewinnen. Durch einen Zusammenschluss würde Reynolds eine dominierende Position im boomenden Markt für elektrische Zigaretten bekommen.

    Immer mehr Raucher steigen auf die E-Zigarette um, in denen Aroma-Flüssigkeiten und Nikotin verdampfen. 2,5 Millionen Deutsche, schätzt der Verband des eZigarettenhandels, greifen mittlerweile zumindest gelegentlich zu der Alternative.

    Weltweit ist der Umsatz mit E-Zigaretten in den letzten fünf Jahren von knapp 14,7 Millionen auf 2,2 Milliarden Euro gestiegen. Der Vorteil der E-Zigaretten: Sie werden weniger streng reguliert und sind zum Beispiel in Gaststätten noch erlaubt.

    Handel



    Während zunächst vor allem kleine Firmen den E-Zigaretten-Markt unter sich aufteilten, bieten mittlerweile auch Giganten wie Philipp Morris und Big Tobacco eigene Modelle an. "Die Unternehmen sind aber bereit, in den Markt einzusteigen, wenn es erfolgsversprechend ist", bestätigt auch Verbandsmann Pangritz. Ein Wachstumsmarkt für eine schwächelnde Branche also, auch in Europa und eine Chance.

    Diese Entwicklung könnte die Anti-Raucher-Lobby eigentlich freuen. E-Zigaretten gelten als weit weniger gefährlich als herkömmliche Glimmstengel. Weil kein Tabak verkohlt, enthält der Rauch keinen Teer und weniger Giftstoffe.

    Manche Experten sehen die Entwicklung aber mit Sorge. Sie befürchten, dass das Qualmen dadurch wieder in Mode kommt und die Jugendlichen in die Fänge der Tabakindustrie treibt.

    Süchtig machen die E-Zigaretten nämlich trotzdem.

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