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Zuckergehalt in Lebensmitteln Aldi, Lidl & Co. verändern die Rezepte hunderter Eigenmarken

Lidl, Aldi, Rewe & Co. sind auf dem Anti-Zuckerkurs Quelle: imago images

Deutschlands Handelsketten verstärken ihre Bemühungen, den Zuckergehalt in Lebensmitteln zu senken. Setzen Supermärkte und Discounter am Ende auch die Lebensmittelampel durch?

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In Frankreich und Belgien werden Lebensmittel bereits mit einer Lebensmittelampel, dem sogenannten Nutri-Score, gekennzeichnet. Auch in Deutschland versehen die Hersteller Danone, Iglo und Bofrost erste Produkte mit Kennzeichnungen, die Verbrauchern auf einen Blick zeigen sollen, wie ungesund ein Lebensmittel ist.

Doch wie viele Markenhersteller sich der Initiative anschließen werden, ist offen und wird am Ende wohl vor allem vom Vorgehen der großen Supermarkt- und Discountketten abhängen. Die Händler haben den größten Einfluss auf die Nahrungsmittelindustrie – und könnten über ihre Eigenmarken einer Nährwert-Farbskala zum Durchbruch verhelfen. Nur wollen sie das auch?

Tatsächlich verzichten die großen Handelsketten bislang auf spezielle Ampelkennzeichnungen, setzen aber auf veränderte Rezepturen ihrer Produkte. So haben die ersten Supermärkte und Discounter schon vor mehreren Jahren damit begonnen, Reduktionsstrategien für den Zucker- und Salzgehalt in ihren Eigenmarken auszuarbeiten und umzusetzen.

Das Zwischenergebnis: Insgesamt wurden bereits die Rezepturen von mehr als 1000 Produkten verändert, ergab eine Umfrage der WirtschaftsWoche bei den wichtigsten Handelsketten. So wurden bei Rewe bislang rund 100 Eigenmarkenprodukte im Zuckergehalt reduziert, „400 Rezepturen sind in der Überprüfung“, sagt ein Unternehmenssprecher.

Vor einem Jahr sorgte eine Kampagne der Supermarktkette für Aufsehen, bei der die Kunden über die Süße des Rewe-Schokopuddings abstimmen konnten. Die um 30 Prozent im Zuckergehalt reduzierte Variante, die sich die Kunden gewünscht hatten, verkaufe sich „aktuell besser als zu Zeiten, als es diesen Pudding noch in der Originalrezeptur gab“, sagt ein Sprecher. „Insofern zeichnet sich ein klares Kundenvotum für weniger Süße ab.“

Ähnliche Erfahrungen machte der Discounter Lidl. Man habe „positive Kundenrückmeldungen“ erhalten, teilt das Unternehmen mit. Lidl hat nach eigenen Angaben seit 2017 in über 100 Molkereiprodukten den Gehalt an zugesetztem Zucker um durchschnittlich zehn Prozent gesenkt. Aktuell würden Süßgebäck-Artikel und Fertiggerichte „überarbeitet“, teilt das Unternehmen mit. Darunter Doppelkekse sowie Brat-, Bock- und Currywurstsnacks.

Wettbewerber Aldi hat nach eigenen Angaben bereits mehr als 860 Artikel angepasst. Der Zuckergehalt der Aldi-Nord-Eigenmarken sank im Schnitt um rund 20,5 Prozent. Aldi-Süd beziffert die Zuckerreduktion mit 17 Prozent. Warengruppen wie Brote, Kinder-Produkte, Müslis, Joghurt-, Pudding- und Quark-Produkte, Fertiggerichte und Getränke will der Discounter jetzt unter die Lupe nehmen.

„Der Imagegewinn steht im Vordergrund“

Auch bei Kaufland sieht man sich auf Anti-Zuckerkurs. Produkte wie Kinderquark, Cerealien und Eistee seien bereits angepasst worden. Bis 2021 will Kaufland bei rund 300 Eigenmarken den Anteil von Zucker, Salz und Fett um bis zu 35 Prozent senken. Ein Jahr später soll bei der Metro-Tochter Real das komplette Eigenmarkensortiment überprüft und optimiert worden sein.

Real hatte bereits Ende 2017 für mehr als 150 Artikel aus dem Eigenmarkensortiment sowie für frische Feinkostzubereitungen neue Rezepturen eingeführt. Auch die Programme von Aldi, Rewe, Lidl und Kaufland wurden teils vor Jahren auf den Weg gebracht. In Werbung und Kommunikation hielten sich die Handelskonzerne allerdings bedeckt. Das änderte sich erst im vergangenen Jahr, als vor allem Rewes Puddingvorstoß zeigte, wie stark das Zuckerthema inzwischen die Verbraucher umtreibt.

Handelsexperte Jörg Funder von der Hochschule Worms sieht in den Bemühungen der Konzerne denn auch nicht unbedingt den Versuch, mögliche politische Eingriffe im Vorfeld abzuwehren. „Der Imagegewinn steht im Vordergrund“, sagt Funder. Die Händler würden sich als gesundheitsorientierte Anbieter profilieren wollen, um bei den Kunden zu punkten.

Bislang hält sich der politische Druck ohnehin in Grenzen. Julia Klöckner, Ministerin für Ernährung und Verbraucherschutz, hat jüngst zwar ihre Strategie zur Reduktion von Zucker, Fetten und Salz in Fertiglebensmitteln vorgestellt. Klöckner setzt dabei aber auf freiwillige Vereinbarungen mit den Branchenverbänden der Lebensmittelwirtschaft statt auf Steuern oder Verbote.

In Großbritannien etwa müssen die Hersteller dagegen eine Zuckersteuer auf Limos zahlen. In Frankreich wurde der Nutri-Score eingeführt, der nun auch die ersten deutschen Produkte ziert. Eine entsprechende Farbskala zur Nährwertkennzeichnung ist auch in Belgien und Spanien verbreitet. Ernährungsministerin Klöckner hält davon zwar wenig: „Wir werden den Bürgern nicht vorschreiben, was sie zu essen haben“, sagt sie. Doch womöglich kommt die Lebensmittelampel am Ende trotzdem. In Frankreich sorgten letztlich die Supermärkte und Discounter dafür, dass sich der Nutri-Score durchgesetzt hat und flächendeckend eingeführt wurde.

In Deutschland könnte es ähnlich laufen. Die Zuckerreduktion bei Eigenmarken zeigt: Der Handel hat gesündere Lebensmittel als Marketinginstrument entdeckt.

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